ein halbes jahr

sonntag, 18:30 uhr. das telefon klingelt, ich melde mich mit „na, omma?“ du sagst „na, mein mädchen?“ „wie isset, omma?“ „naja, läuft so.“ und dann haben wir uns erzählt, was in der woche los war. was uns bewegt hat. übers wetter geplaudert oder über fernsehdinge oder was du gerade liest. bis du pünktlich um 18:50 uhr immer sagtest: „du, lindenstraße fängt an. dann machen wir jetzt mal schluss.“ unser ritual seit jahren. selbst, wenn ich auf teneriffa war, haben wir sonntags telefoniert. seit einem halben jahr ist das anders. du rufst nicht mehr an. ich kann dich nicht mehr anrufen. zum einen, weil deine nummern nicht mehr existieren, zum anderen, weil es dich nicht mehr gibt. und ich denke oft sonntags darüber nach, was du für mich warst. du warst mein anker, meine älteste und beste freundin, die ich immer anrufen konnte. seit du nicht mehr bist, treibe ich ankerlos auf einer schwarzen see.

es gibt so vieles, weswegen ich dich anrufen möchte, dir erzählen, was ich erreicht habe, geschafft habe. weil du immer die einzige warst, die mich dann bestätigt hat. oder kluge nachfragen gestellt hat. und dann fällt mir wieder ein, dass so dinge wie das protokoll der testamentseröffnung und damit die löschung deines kontos nicht nötig gewesen wären, wenn du noch leben würdest. dass ich das auto nicht hätte ummelden, reparieren lassen und einen stellplatz mieten dafür nicht hätte müssen, wenn du noch leben würdest. dass der gang zum makler nicht nötig gewesen wäre, wenn du noch leben würdest.

ich sitze in unserem, deinem, jetzt meinem haus und berühre die wände. dieses haus, in dem ich aufgewachsen bin, das mein anker war, zu dem ich immer zurückkehren konnte in der gewissheit, dass es da ist, du da bist, ich dort runterfahren und frieden finden kann. dieses haus habe ich letzten montag den haien preisgegeben, den aasgeiern, die darüber kreisen, seit du es für immer verlassen hast. und es fühlt sich wie verrat an. verrat an dir, all den tieren, die hier begraben sind, und auch an meiner kindheit, die du so sicher und liebevoll gemacht hast, wie es dir nur irgend möglich war. gefühlt nehme ich dieses jahr nur abschied. erst von dir, jetzt vom haus und von greifswald. klar kann ich hier auch noch herkommen, wenn das haus verkauft ist, aber es wird nie wieder so sein wie früher.

früher, als ich wegwollte, von diesem dorf, wo man für jeden mist mit dem auto mindestens zwei kilometer fahren muss. früher, als ich immer wusste, dass ich zwar weg bin, aber jederzeit immer herzlich willkommen bin. früher, als ich mir nicht vorstellen konnte, dass in diesem haus mal im dunkeln kein licht brennt und kein mensch ist. du nicht bist. ich habe dir gesagt, dass sich das haus falsch anfühlt ohne dich. das ist immer noch so. ich finde dort den frieden nicht mehr, den ich immer gefunden habe.

aber das ist auch irgendwie die geschichte dieses jahres. der frieden ist weg. die ruhe ist dahin. mit goethe gesprochen: „meine ruhe ist hin, mein herz ist schwer, ich finde sie nimmer und nimmer mehr“. zum einen bringt mir das haus keine ruhe, keinen frieden mehr, zum anderen kann ich es nicht loslassen. in den sechs monaten ging es mir eigentlich kontinuierlich besser, bis dann das protokoll der testamentseröffnung kam und ich dein konto auflösen konnte und dann auch ernsthaft über den hausverkauf nachdenken musste. denn meine erzeugerin und ihre schwester haben nun das recht, bis sofort ihren pflichtteil des erbes einzufordern. welches sich aus dem gesamten nachlass berechnet wovon das haus der größte teil ist. also muss ich schnellstmöglich zahlungsfähig sein. und so sitze ich in dem haus und nehme abschied. von meiner kindheit, meiner jugend.  von uns.

es gibt so vieles in diesem haus, womit ich überfordert bin. angefangen bei den ordnern, die so klangvolle namen tragen wie „haus finanzen“ und dann voll sind mit in klarsichthüllen abgelegten broschüren und flyern und schriftlichen grabenkämpfen in mindestens zweifacher ausfertigung ebenfalls in klarsichthüllen mit irgendwem, aber nix mit substanz. dann kommen dinge wie dein bürgelgeschirr, das du heiß und innig geliebt hast und mit dem ich nichts anfangen kann, dessen wert ich aber auch nicht einschätzen kann. die sammelteller mit katzen- und hundemotiven, ebenso. ich werde den weihnachtsschmuck mitnehmen, obwohl ich nun mit weihnachten erstmal nix anfangen kann.

ich bin einfach mit so vielem überfordert und habe keinen mehr, den ich fragen kann. du bist nicht mehr da. ich höre immer wieder, wie bewundernswert es ist, dass ich das alles so hinbekomme und denke mir dann, „dafuq? ich stolpere durch einen dunklen raum und ab und zu finde ich eine tür zu einem anderen, auch dunklen raum“. es gibt so vieles, woran ich zweifele. ob ich dies und das an deinem ende hätte besser machen können, sollen? hätte ich in der nacht, in der ich todmüde nach oben gegangen bin, weil du es gesagt hast und in der ich auch einfach schlafen wollte, bei dir bleiben sollen? bis du nicht mehr ansprechbar warst? wir hätten nicht viel gesprochen, bestenfalls hätten wir hand in hand gesessen. hätte ich dich fragen sollen, ob du angst hast, etwas bereust, solche dinge? wenn du es mir hättest sagen wollen, hättest du es getan, oder? hätte ich deine lippen befeuchten sollen? du hast, als ich sie mit butter bestreichen wollte, den mund zusammengekniffen, danach hab ich nicht mehr gewusst, was ich tun kann, soll, muss und was nicht. hätte ich für dich singen sollen? mir fällt nur ein lied ein, das du mir immer vorgesungen hast. hätte ich dir vorlesen sollen? du hast mir gesagt, als ich dich fragte, ob ich dir den aktuellen krimi vorlesen soll, du müsstest das schon allein lesen, um es zu verstehen. ich habe das gefühl, 100 fehler gemacht zu haben, weil ich nicht wusste, wie ich es besser machen kann. ich habe dir ermöglicht, zuhause zu sterben, aber darüber hinaus? was ist mein verdienst? habe ich es richtig gemacht?

ja. es ging mir schon besser in diesem jahr. aber seit dem protokoll hat sich dein tod wieder in meine gedanken geschlichen. seit die tage deutlich kürzer werden, die dunkelheit früher und früher ins wohnzimmer schleicht und morgens länger bleibt, nimmt auch die traurigkeit mehr raum. sie fordert ihn, macht sich breit und lässt die kaum verschorften wunden wieder aufplatzen und bluten. mein körper sagt sehr sehr deutlich, dass er ruhe braucht in diesem jahr, in dem ich genau einen urlaubstag nur für mich hatte. und ich werde den beginn meines ersehnten urlaubs im dezember damit verbringen, das haus auszuräumen, also weiter abschied zu nehmen. das dann wahrscheinlich schon verkauft ist. an hoffentlich jemanden, der es nicht abreißt und ein neues baut.

omma, du fehlst so sehr, dass es unfassbar wehtut. ich liebe dich. meld dich doch mal. wen ruf ich denn jetzt aus dem urlaub an?

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memories

6.4. bis 6.6.

zwei monate und sechs tage ist es her, dass du mir gesagt hast, dass ich dich gehen lassen soll. zwei monate und sechs tage ist es her, dass ich dir gesagt habe, dass es okay ist, wenn du gehen willst, aber ich nicht möchte, dass dir jemand steine in den weg legt. zwei monate und sechs tage ist es her, dass ich dafür gesorgt habe, dass du bis zum schluss zuhause bleiben konntest.

zwei monate und fünf tage ist es her, dass du mit fester stimme und festem willen dem palliativ-team gesagt hast, dass du lieber sterben möchtest, als nochmal ins krankenhaus zu gehen.

zwei monate und dreieinhalb tage ist es her, dass du diese entscheidung bekräftigt und dich auf den weg gemacht hast.

zwei monate und zwei tage ist es her, dass wir zum letzten mal miteinander gesprochen haben. als du mir gesagt hast, wie tapfer ich bin und wir uns immer wieder gesagt haben, dass wir uns liebhaben.

zwei monate und einen tag ist es her, dass ich nachts davon aufgewacht bin, dass du gehustet hast und aufstehen wolltest. dass ich die halbe nacht und den halben tag an deinem bett saß und dich davon abhalten musste, nicht aus dem bett zu fallen. dass ich den halben tag an deinem bett saß und deine hand hielt, die andere zeit in anderen räumen verbrachte, immer mit dem babyphone im anschlag, falls etwas sein sollte, weil die schwester mittags zu mir gesagt hatte, dass sich sterbende manchmal schwertun mit dem gehen, wenn ein lieber mensch in der nähe ist.

zwei monate ist es her, dass ich um halb eins hörte, wie deine atmung immer flacher und schwerer wurde. dass ich alle decken im haus zusammenraffte und mich neben dein bett auf den boden legte. dass ich dein nachttischlicht ausgemacht habe, als symbolischen akt. dass ich dir gesagt habe, dass alles gut ist, ich bei dir bin aber jetzt dringend schlafen muss und dass ich dir eine gute nacht wünsche.

zwei monate ist es her, dass ich um kurz vor vier neben dir auf dem boden aufwachte und dein körper endlich aufgehört hatte zu kämpfen. dass du den frieden gefunden hast, von dem mir gar nicht so bewusst war, wie sehr du ihn herbeigesehnt hast. den du vielleicht mir zuliebe rausgeschoben hast.

zwei monate ist es her, dass ich funktionierte und mir immer nur kurze einbrüche erlaubte. weil ich völlig unter schock stand. dass ich mechanisch alles tat, was getan werden muss, wenn ein mensch gestorben ist. und zwischendurch immer wieder zu dir ging, dich anfasste, streichelte, küsste, mit dir sprach.

zwei monate ist es her, dass sie dich abends aus dem haus getragen haben. dass ich die tür hinter ihnen schloss und hinter der tür schreiend und schluchzend zusammengebrochen bin. weil nichts mehr von dir im haus war. ich dich nicht mehr anfassen konnte, nicht mehr sehen.


seit zwei monaten lebe ich ohne dich. versuche, auszugleichen, was du mit deinem absoluten unwillen, deinen nachlass zu regeln, hinterlassen hast. mache ämtergänge, darf mir vom mann bei der sparda, bei der du schon ein konto hattest, als sie noch die reichsbahnbank war, sagen lassen, wir hätten doch jahrzehnte zeit gehabt für eine vollmacht. mache babyschritte. bestattung, testament, finanzamt, erbe, auto ummelden, auto kaputt, autos stellplatz organisieren. versuche, wieder zu arbeiten, unter menschen zu sein.

seit zwei monaten gibt es gute, okaye und schlechte tage. zwischen all dem orga-kram immer wieder der emo-kram. heulkrämpfe. mal kurz, mal stundenlang. immer dann, wenn die erkenntnis kurz ernst wird, dass du wirklich wirklich nicht mehr da bist. nicht mehr greifbar, nicht mehr kontaktierbar. dass ich außer dir alles andere verloren habe, was mein leben ausmacht. dein herz und deine seele, deinen humor, deine klugheit, deine albernheit, dein wissen, mein elternhaus, meinen rückzugsort, der immer alles wieder ein bisschen besser gemacht hat. all das und noch so viel mehr: dich.


„erinnerungen sind ein fenster, durch das ich dich immer sehen kann“ stand in meiner traueranzeige für dich. erinnerungen sollen trösten heißt es. die frau vom diakonie-dienst hat vor zwei monaten und sechs tagen gesagt, dass diese begleitung ein großer schritt ist. dass mir niemand die erinnerung daran nehmen kann. dass es mich verändern wird, aber auch stärker machen. sie hatte recht. und ich würde mir wünschen, jemand nähme mir diese erinnerungen.

wenn ich an dein gesicht denke, sehe ich keine lachende omma, die mich im arm hält, keine verschmitzte omma, die albern ist. ich sehe dein eingefallenes spitzes gesicht im krankenhaus, dein kaninchengesicht, dein gesicht am letzten tag, als dein körper gegen deinen willen ankämpfte und dein gesicht mit dem offenen mund, als alles vorbei war. ich sehe die farce deines gesichts bei der aufbahrung.

wenn ich versuche, deine stimme zu hören, höre ich nicht, wie du mich als kind liebevoll „mein katzenöhrchen“ oder „mein hasenschwänzchen“ genannt hast oder wie du für mich gesungen hast. ich höre deine brüchige stimme, die mich am letzten abend ruft, ich höre „ich muss raus, mir ist schlecht“, ich höre dein allerletztes klares wort: „kkkkaaaaahalt“.

wenn ich versuche, dich zu riechen, rieche ich nicht dein oil of olaz, das du zeitlebens benutzt hast, kein parfum, keinen weichspüler und nicht mal die nivea-waschcreme und körpercreme, nach der du immer geduftet hast, wenn der pflegedienst dich gewaschen hatte. ich rieche den harten eisengeruch des blutigen konglomerats in deinem toiletteneimer.

vor meinen inneren augen, ohren und meiner inneren nase stirbst du immer und immer wieder. das sind die erinnerungen, die mich heimsuchen, wenn ich im bett die augen zumache. die mich das bett inzwischen fürchten lassen.


zwei monate und sechs tage ist es her, dass ich dir gesagt habe, dass es okay ist, wenn du gehen willst, dass ich schon groß bin und dass ich irgendwie klarkomme, auch wenn ich noch nicht weiß wie. das war gelogen und wir beide wussten das.

mutterseelenallein

17. märz, gegen 17 uhr. mein handy klingelt, eine mir unbekannte handynummer. ich melde mich. „guten tag, mein name ist xyz, ich bin rettungssanitäter und wir sind hier bei Ihrer … oma … vermute ich?“ „ja, was ist passiert?“ „sie wurde heute nachmittag von bekannten gefunden und …“ mein herz setzt einen schlag aus. eine faust rammt sich in meinen bauch. „… und sie möchte nicht mit uns mitkommen.“ langsam löst sich der knoten im bauch etwas, ich habe das gefühl, als müsste ich spontan meinen darm entleeren. nach einigen erklärungen des arztes vor ort habe ich omma am telefon. sie klingt sehr mitgenommen, verwaschene sprache, hat offenbar mühe, gedanken und laute zu ordnen. ich sage: „omma, der arzt sagt, du willst nicht mitfahren.“ „nee, hab ich keine lust. ich kann ja hier auch nicht weg. wegen lucy.“ „omma, ich fänds aber gut und wichtig, wenn du mit denen mitfährst, damit die mal nachgucken können, warum du umgekippt bist.“ „ich bin nicht umgekippt!“ „doch, die frau m. hat dich gefunden, haben sie gesagt. du hast vor deinem bett gelegen. und ich fänds gut, wenn du mit denen mitfährst, damit die nachgucken können, was los ist. ich kümmer mich darum, dass das haus und lucy versorgt werden. ja? machst du das?“ „na gut, mein mädchen. dann fahr ich mit denen mit.“ „ich ruf dich später nochmal an, ja?“ „ja. okay.“ ich bespreche mit dem arzt, dass sie unbedingt ihr handy und das ladegerät mitnehmen sollen, sage ihm genau, wo alles steht.

etwa eine stunde später versuche ich, die notaufnahme zu erreichen. nach einiger zeit gelingt mir das auch. ich kann mit dem arzt sprechen. der sagt mir, dass omma bewusstlos vor ihrem bett lag, sich eingekotet hatte und das teerstuhl war. omma hat eine leberzirrhose unbekannten ursprungs, trotz zahlreicher tests und spiegelungen wurde die ursache nie gefunden. von dieser leberzirrhose hat sie ösophagusvarizen, krampfadern in der speiseröhre, die 2014 schon einmal geblutet hatten, weswegen sie damals schon einmal im krankenhaus war. teerstuhl deutet darauf hin, dass sie es nun wieder getan haben. ich werde nach ihren medikamenten gefragt oder einem medikationsplan. die medikamente kann ich mir von ihrer haushälterin durchsagen lassen, einen plan haben wir nicht bzw. wissen wir nicht, wo einer sein könnte und omma kann grad keine fragen beantworten. also müssen die präparate ausreichen. für diesen abend kann ich nichts weiter tun als zu warten. versuche, omma auf dem handy zu erreichen, schlagen fehl.

am samstag rufe ich wieder auf der station an. eine freundliche schwester sagt mir, dass omma gut geschlafen hat und auch wach wäre. ich könne sie ruhig anrufen. das tue ich dann auch. sie hat schlimme schwierigkeiten mit dem sprechen. der notarzt hatte mir abends erklärt, dass sich vermutlich ammoniak im gehirn gesammelt habe, das verursacht diese ausfälle, sei aber komplett reversibel. omma merkt, dass sie nicht sprechen kann und ist verzweifelt, ich kann es hören. ich beruhige sie und erkläre ihr, was der arzt mir gesagt hat. wir verabreden uns, später noch einmal zu telefonieren. nachmittags sieht die welt schon rosiger aus. omma ist besser drauf und kann viel besser sprechen. sie albert sogar rum und will grießpudding. ich denke: „alles wird gut.“ aber ein kleiner skeptischer teufel hat sich eingenistet und nagt an mir.

sonntag telefonieren wir wieder. sie erzählt mir unter tränen, dass ein pfleger oder arzt ihr fiese sprüche gedrückt habe, sie würde natürlich saufen, das stünde ja auch im patientenbrief. ausgerechnet meine arme omma, die in ihrem leben nie wirklich alkohol getrunken hat und da jetzt schwach und wehrlos im bett liegt und dem nichts entgegensetzen kann. sie hat die ganze nacht geweint und nicht geschlafen … mir bricht schier das herz. und dann sagt sie: „kannst du nicht herkommen?“ in diesem moment weiß ich, dass es verdammt ernst ist. und beschließe, am nächsten tag urlaub einzureichen und loszufahren. vorher rufe ich aber nochmal die station an und sage der schwester, sie möge doch bitte mit dem pfleger oder arzt sprechen, der diese sprüche gemacht hat. selbst wenn sie trinken würde, wäre es einfach ein menschliches armutszeugnis, seine launen an kranken menschen auszulassen. meine schwester setzt sich in ihr kleines autochen und kommt zu mir nach berlin.

montag gehe ich ins büro, stelle einen urlaubsantrag, informiere meinen bereich darüber, dass ich den per mail schicke und nicht darauf warten kann, dass er genehmigt wird. ich muss zu omma. ich gehe wieder nach hause, unterwegs überflutet mich die panik. die panik, omma könnte das nicht überleben. diese panik wird von nun an mein begleiter sein. sie ist die große schwester des skeptischen teufels, der an mir nagt. wir packen die katze ein, die zu dieser zeit noch die offene stelle am hinterbein und das hosenbein als leckschutz anhat. da ich nicht weiß, wann ich zurückkomme und keinem sitter zumuten will, sich darum kümmern zu müssen und auch, damit die arme mieze nicht die ganze zeit allein ist, ist das die beste lösung. zum ersten mal in meinem leben muss ich mir den schlüssel für mein elternhaus bei jemandem abholen. zum ersten mal in meinem leben ist niemand in diesem haus, als ich hereinkomme. es fühlt sich falsch an. die panik kriecht wieder hoch. ich rufe auf der station an. omma wurden vormittags die varizen operativ verödet und ich will erstmal nachfragen, wie es ihr geht. ja, sie sei noch benommen, aber wenn wir so gegen 17 uhr kommen, sollte es okay sein. ob wir grießpudding mitbringen dürfen? „na klar!“ sagt schwester annemarie. ich mag annemarie. bis zu diesem zeitpunkt habe ich seit fast 24 stunden nicht gegessen. inzwischen ist der hunger aber ein wenig größer als die abscheu vorm essen. also gehen wir essen, am hafen in wieck, noch einmal boddenluft schnuppern, kraft tanken, bevor wir ins krankenhaus fahren. wir finden die notaufnahme und werden nach kurzem warten in ihr zimmer gebracht. und da liegt sie, meine arme omma. eingefallen, blass, das gesicht ganz spitz, die augen ein bisschen trüb. als sie mich sieht, strahlt sie. ich lege meinen kopf an ihre schulter, damit sie meine tränen nicht sieht. ich muss jetzt stark sein, will sie nicht noch mehr verängstigen. sie sagt immer wieder „mein mädchen! dass du da bist, ist so schön!“. meine schwester wartet an der tür. sie und omma haben sich das letzte mal gesehen, als sie gerade laufen konnte. aber sie unterhalten sich und ich bin dankbar, denn mir fehlen die worte. ich habe angst, die panik ist wieder da, ich fühle mich unwohl. die gerüche, die situation, das gewusel auf dem flur … das ist alles zuviel. als meine schwester kurz mal draußen ist, fängt omma an, ich müsse jetzt geld abholen, falls ihr was passiert und mich um lucy kümmern. sie macht die große abschiedstour. ich lächle das weg und sage ihr immer wieder, dass wir jetzt erstmal gucken, wie es weitergeht, jetzt bin ich ja da. nach knapp drei stunden geballter lindenbaumpower ist omma auch viel optimistischer und besser drauf. einerseits will ich nur noch raus, andererseits will ich sie nicht da allein lassen. schließlich gehen wir aber, weil omma doch zusehends müder wird. es war ja auch ein langer tag. wir verabreden, morgen wiederzukommen.

dienstag fahren meine schwester und ich in die stadt und gehen in den tierpark. ich zeige ihr ommas erdmännchen und den rest des parks. wir lernen helge kennen, den superentspannten tierparkkater und plauschen mit einer pflegerin, während wir helge flauschen. auf dem weg in die stadt hat omma angerufen und mir gesagt, dass sie auf die normale station verlegt wird und wir uns ruhig zeit lassen sollen, das dauert bestimmt ne weile. vom tierpark flaniere ich also mit meiner schwester über den greifswalder wall bis zur mensa und von dort aus durch die fußgängerzone zurück. am markt essen wir mittag und schlendern zurück zum auto, um wieder zum krankenhaus zu fahren. ich rufe nochmal bei der notaufnahme an, um zu fragen, ob omma schon verlegt ist und wo die station ist. der tag ist sonnig und ich bin vorsichtig optimistisch. nach einigem suchen finden wir die station. eine schwester fragt uns, zu wem wir wollen. „ah ja, zimmer 10. da müssen sie sich den kittel und mundschutz und handschuhe anziehen, die hatn keim.“ rumms, hallo panik. ihre zimmernachbarin in der notaufnahme hatte wohl diesen keim und eventuell hat omma den jetzt auch und liegt darum allein im isolierzimmer. die gesamte station inklusive personal versprüht den charme der späten 80er. wir verhüllen uns also etwas ratlos und betreten das zimmer. nach der totalüberwachung auf der notaufnahme ist das ein schock. keinerlei überwachungsgeräte, flexyle und tröpfe ab. die flexyle sei rausgerutscht und soll neu gelegt werden. die luft ist furchtbar trocken. omma weiß gar nichts von dem keim und fällt aus allen wolken. sie sagt: „jetzt hab ich alles überstanden und nu sterb ich an so nem keim.“ wir lächeln das weg. meine schwester macht sich „sehr beliebt“, weil sie im 30-minuten-takt die schwestern aufsucht, wann denn nun die flexyle neu gelegt wird, ob der blutdruck und das fieber gemessen werden, ob man mit einem arzt sprechen kann etc. in den fast fünf stunden unserer anwesenheit kommt gerade mal ein schlecht gelaunter junger arzt ins zimmer geschlurft, der missmutig die flexyle legt. die tröpfe schließt er aber nicht an, das ist schwesternarbeit. omma hat einen blasenkatheter, das gefäß dafür ist fast voll, interessiert aber niemanden. als wir gehen, sollen wir unsere nummern dalassen. wir schreiben auf den zettel, dass bitte heute noch fieber, blutdruck, blutzucker und urinbehälter überprüft werden mögen. nach der op hatte omma leichtes fieber gehabt. auf der notaufnahme hat sich die schwester sofort darum gekümmert und einen paracetamoltropf angehängt. hier habe ich das gefühl, omma könnte auch allein in einer leeren seitengasse liegen und wäre besser versorgt.

mittwoch wollen wir zum stationsarzt gehen. gnädigerweise gewährt dieser pro tag eine stunde zeit für angehörige. vorher fahren wir nach wieck, gehen ans wasser und am hafen zurück, nerven einen fischer mit seinem vollen boot und gehen in die pizzeria, in die omma und ich immer gehen. danach noch ein boddenmodder-eis. ohne geht nicht. im krankenhaus erklärt mir der arzt auf dem flur im schönsten publikumsverkehr, was ich eh schon weiß. die varizen haben geblutet, nun muss man sehen. der keim ist nur innerhalb des krankenhauses relevant, solange daraus keine infektion entsteht, ist alles okay. dabei ist er immerzu damit beschäftigt, sich im spiegel hinter mir selbst zu bewundern. donnerstag oder freitag will er sie entlassen. „wie bitte? in dem zustand? sie kann ja nicht mal aufstehen?“ naja, man wird sehen. wir gehen zu omma und erzählen ihr das. omma setzt das gesicht auf, das ich nie vergessen werde: ängstliches kaninchen vor der schlange. bis nach hause wird sie es behalten. während der visiten erfahren die patienten gar nichts. der stationsarzt kommt einen schritt ins zimmer und von dort aus erklärt er nach papierlage kurz die lage und geht wieder. als wir mittwoch ins zimmer kommen, steht auf ommas nachttisch eine schale mit zwieback. für eine patientin mit akuten op-narben in der speiseröhre, mit ösophagusvarizen und erhöhter blutungsneigung wegen der leberzirrhose. keine weiteren fragen, euer ehren. wir bekommen aber immerhin einen testrollator ins zimmer, weil sogar omma inzwischen dämmert, dass es vorerst auch zuhause nicht ohne gehen wird.

donnerstag will meine schwester wieder nach hause fahren. dem wochenendverkehr entgehen. ich habe unser autohaus angerufen, beim letzten versuch, das auto aus der garage zu fahren, hat omma den spiegel abgefahren. donnerstag kann das repariert werden und gleich die reifen gewechselt. wir fahren also mit zwei autos vormittags ins krankenhaus. gegen mittag fahre ich zum autohaus und lasse alles reparieren. auf dem rückweg fahre ich zu einem sanitätshaus und lasse mir mal rollatoren zeigen. ich suche natürlich das porschemodell für omma aus. ein kleiner, wendiger alurolli mit tasche vorn dran und so leicht, dass er beim ziehen der lasche zum zusammenklappen mit hochkommt. mit den katalogen und infos bewaffnet schneie ich nochmal bei omme rein. da sie nicht mit mir gerechnet hat, freut sie sich wie bolle. ich erkläre ihr alles, auch, wie das mit der zuzahlung läuft. inzwischen isst sie seit zwei tagen brav dreimal am tag, also mache ich ihr abends immer reiterchen (also stulle schmieren und in happen schneiden), so wie sie es für mich immer gemacht hat. am freitag wollen wir zusammen „let’s dance“ gucken. dafür brauchen wir boxen mit klinkenstecker und ich verbünde mich mit der schwester, die dann nachtschicht hat und verspricht, mich nicht rauszuwerfen. als ich abends endlich nach hause komme, fällt mir ein, dass ich die stelle vom tier seit zwei tagen nicht verarztet habe und schaue nach. ich muss zum tierarzt.

freitag beginnt also mit dem obligatorischen telefonat mit omma und dann folgt der tierarztbesuch. ich sage, dass ich die stelle jetzt zugemacht haben will, sie mögen es nähen. die tierärztin nimmt abstriche. das ergebnis ist semigut: es gibt veränderte zellen. das kann von der dauerentzündung sein, aber auch tumor kann man nicht ausschließen. wir machen einen op-termin für kommenden mittwoch mit der option, dass ich montag anrufen kann, ob eine lücke  für eine frühere op ist. abends fahre ich zu omma, mache ihr reiterchen zum abendbrot, richte die boxen ein und wir gucken „let’s dance“. ein surreal schöner abend. ich bin gegen 0:30 wieder im haus und falle ins bett.

samstag wache ich morgens auf und stelle fest, dass das tier sich über nacht das hosenbein ausgezogen hat. ich bekomme es auch nicht wieder an. also wieder zum tierarzt, plastikkragen holen. was bedeutet: ab jetzt ist sie völlig auf mich angewiesen. mit dem kragen kann sie weder fressen noch trinken. endlich eine sorge mehr. nachmittags fahre ich auf dem weg zu omma bei der örtlichen mall vorbei. ich kaufe blumen für omma und drei shirts und einen pulli und ballerinas für mich. in greifswald ist frühling und ich hatte nur klamotten für eine woche dabei. ein shirt, den pulli und die schuhe behalte ich an, den rest nehme ich mit und zeige ihn ihr. sie findet das alles super. nach dem abendessen mit reiterchen mache ich mich auf den heimweg. inzwischen bekomme ich beim anblick der krankenhaustür schon einen trockenen mund wegen der schlechten luft dort. außerdem sehe ich, dass es omma zwar körperlich täglich besser geht, aber psychisch die kurve nach unten zeigt. sie liegt immer noch allein dort, mag nicht fernsehen und lesen auch nicht und starrt die wanduhr an.

sonntag bittet sie mich, die wanduhr auf sommerzeit zu stellen. mach ich natürlich. wir haben einen schönen nachmittag und abends gucken wir lindenstraße, hand in hand. bis die schwestern reinstürmen, um endlich mal das bettzeug mit den blutflecken von dienstag zu wechseln. omma geht inzwischen nicht mehr auf den toilettenstuhl, sondern allein aufs klo, kann sich morgens selbst waschen und zähneputzen. inzwischen ist montag angesetzt für die entlassung. problematisch ist, dass sich nun wasser im bauch sammelt. das drückt auf den magen und auf die lungen, was wiederum luftnot und appetitlosigkeit verursacht. sie bekommt tabletten zum entwässern.

montag rufe ich morgens wie immer an. sie sagt, sie hat fast die ganze nacht am bettrand gesessen und gelesen, weil sie wegen des wassers nicht einschlafen konnte. ich sage, ich komme so, dass ich mit dem arzt sprechen kann. bis zu diesem zeitpunkt hat keiner mit ihr oder mir über den zustand oder eine prognose gesprochen. die sozialarbeiterin war da, um die betreuung durch einen pflegedienst anzukurbeln und hat den rolli verschrieben. ich warte mit einer anderen angehörigen auf dem flur, sie bestätigt meine erfahrungen, auch sie erfährt nichts, wenn sie nicht informationen einfordert. nach 20 minuten erklärt mir der arzt wiederum auf dem flur, aber diesmal mit dem rücken zum spiegel, dass sie nicht mehr nach hause kann. sie muss ins heim, direkt. die prognose ist sehr schlecht, es könne wunder geben und sie könne sich noch einmal rappeln, aber es kann auch morgen vorbei sein. wer denn ihr vormund ist? sie habe keine vormund, sage ich, warum auch, sie ist ja fit im kopf und hat bis hierhin auch selbstbestimmt allein gelebt. na, dann müsse man mal mit ihr sprechen, und stürmt in ihr zimmer. von schutzkleidung ist inzwischen kaum noch eine rede, niemand überprüft das und nur die hälfte hält sich dran. in ihrem zimmer stehen drei menschen, die sie gerade befragen wollen, weil sie sich zur teilnahme an einer studie zur leberzirrhose hat breitschlagen lassen. auf die frage, ob sie gehen sollen, sagt der arzt nur, das sei nicht nötig, das dauere nicht lange. und setzt sofort an: „frau w., Sie können nicht mehr nach hause, Sie müssen ins heim.“ omma bricht auf dem punkt zusammen und weint. ich setze mich zu ihr aufs bett und nehme sie in den arm. die drei glotzen. ich schicke sie raus. der arzt sagt, er müsse seine diagnose von letzter woche revidieren und das täte ihm leid. ich atme durch und sage, dass ich die sozialarbeiterin sprechen möchte. zwischen „aus dem krankenhaus ins doppelzimmer im heim“ und „allein zuhause“ müsse es facetten geben. er sagt zu, sie anzurufen. knapp 30 minuten später, in denen ich meine verzweiflung kaschiere und omma mut zuspreche, kommt die sozialarbeiterin. und sagt: „ich sehe das anders. ich hab mit dem doktor jetzt auch geschimpft, das geht so nicht. ich habe ihre entlassung morgen befürwortet und der pflegedienst meldet sich bei Ihnen wegen der absprachen.“ die könnten bis viermal am tag kommen. omma hat wieder ihr kaninchengesicht. sie hat angst vor zuhause und angst vorm heim und angst vor allem und ich bin ihr halt. ich sage ihr „na siehste, dann kommste morgen erstmal nach hause und dann gucken wir weiter. bis sonntag bin ich auf jeden fall noch da und die osterwoche ist kurz, das sind nur vier tage. wir gucken jetzt erstmal.“ als ich nach hause kam, hab ich mich betrunken und geheult. die panik war wieder da, sie war vormittags schon da und sagte mir, dass omma nie wieder nach hause kommt. ich wusste, omma muss hier raus. hier drin stirbt sie scheibchenweise und allein.

dienstag bin ich mit organisieren beschäftigt. den rollator und den toilettenstuhl für zuhause, der pflegedienst, ihren transport. hätte ich nicht zweimal nach information gefragt, hätte man mich an diesem tag angerufen und mir gesagt, sie wird entlassen und ob sie gebracht werden soll. nachdem die station angerufen hat, rufe ich omma an. die weiß noch gar nichts von ihrer entlassung. ich fahre zum sanitätshaus und holle rolli und toilettenstuhl. fahre ins krankenhaus und packe ihre sachen. warte mit ihr auf den entlassungsbrief. gehe mit dem entlassungsbrief nochmal zum arzt, weil das wieder was von „leberzirrhose wegen alkohol plausibel“ drinsteht. er streicht alles raus, ist sehr demütig und kooperativ. dann warten wir auf den transport. der kommt, die leute reden nur mit mir. ich sage ihnen, sie können auch mit ihr reden, sie ist klar im kopf, nur schwach auffe beine. endlich sind wir zuhause. omma sagt, sie will auf keinen fall ins bett. und den toilettenstuhl braucht sie auch nicht, der kann hoch ins alte schlafzimmer. wir essen abendbrot, reiterchen mit käse und joghurt. irgendwann bringe ich sie ins bett, helfe ihr beim aus- und umziehen und gebe ihr einen gute-nacht-kuss.

mittwoch früh um 7:30 kommt die tante vom pflegedienst, um die details zu besprechen. wir sagen, dass wir viermal täglich jemanden brauchen, damit möglichst wenig zeit allein ist, in der niemand guckt. in der zeit, die omma im krankenhaus war, habe ich das schloss auswechseln lassen, sodass man auch aufschließen kann, wenn von innen ein schlüssel steckt. die schlüssel zum schloss habe ich übers dorf verteilt. die tante vom pflegedienst sagt, sie könne erstmal nur die morgendliche pflege abdecken, die leiterin sei im urlaub und sie würden sich montag melden, wie sie das organisieren können. ich bringe das tier zum tierarzt wegen seiner op. mittags essen wir auf ommas wunsch kartoffelsuppe und nachmittags lege ich mich eine stunde hin. fünf nächte mit einem kragenlöwen, der unbedingt mit unter die decke will auf einem 80cm-bett haben ihre spuren hinterlassen. gegen 16 uhr fahre ich zum sanitätshaus, einen duschhocker holen und hole dann das tier ab. von jetzt ab habe ich ein schlechtes gewissen, wenn ich omma unten und das tier oben allein lasse.

donnerstag komme ich früh um kurz nach sechs nach unten. omma liegt im bett mit kaninchengesicht und jammert. sie hat nicht schlafen können wegen des wassers im bauch und ist mürbe und will nicht mehr. „lass mich gehen, mein mädchen.“ die panik greift wieder zu. ich kämpfe sie nieder und versuche, sachlich zu bleiben. „was möchtest du? heim? krankenhaus? hospiz?“ allein könne sie nicht hierbleiben, sie wolle ins heim. ich sage ihr, dass im heim die wahrscheinlichkeit, dass bei einem zwischenfall der notarzt gerufen wird und sie ins krankenhaus kommt, groß ist, weil die das müssen. das wolle sie nicht. also hospiz? ja. ich durchwühle eins der telefonbücher nach „hospiz“ und finde „hospiz-dienst“. dort rufe ich an. eine freundliche, hilfsbereite stimme erklärt mir, dass das die nummer des hospiz-dienstes sei und dieser mit mehr als 60 ehrenamtlichen schwerkranke und sterbende zuhause begleite und auch für die angehörigen da sei. ob es hilfreich wäre, wenn jemand am nachmittag vorbeikäme? oh ja! außerdem versuche ich, einen notar zu finden. omma hat weder vorsorgevollmacht noch patientenverfügung. das will ich versuchen zu regeln. weiterhin rufe ich ihre hausärztin an, ob sie oder der kollege vorbeikommen könnten wegen der beschwerden. der pflegedienst kommt zur morgentoiletten, danach frühstückt omma und ich muss mit dem tier nochmal zum tierarzt zur nachkontrolle. der vorteil an den alten netzwerken ist, dass ich bei „unserer“ tierärztin bin, die eine gute freundin von omma ist und die mich auch schon ewig kennt. bei ihr bekomme ich einen zusammenbruch, was okay ist, weil sie es ist. ich bin panisch, ängstlich, ratlos. noch ist der tod das worst case scenario. sie fängt mich auf, versichert mir, dass sie ommas lucy nehmen wird. wir plaudern noch eine ganze weile und sie sagt, dass sie vorbeikommen will, um omma das noch persönlich zu versichern. währenddessen ruft eine weitere mitarbeiterin des hospizdienstes an und kündigt sich für den nachmittag an. full house ist ab diesem tag fast alltag. sie erklärt uns, dass zum hospizdienst noch ein spezialisiertes ambulantes palliativteam gehört, dessen ansatz eben nicht kurativ ist, sondern die verbleibende zeit so angenehm wie möglich zu machen. wir vereinbaren einen termin für den nächsten tag.

freitag gehe ich mit angst nach unten, aber omma ist schon wach und hat auch ein bisschen geschlafen. die welt ist etwas rosiger. mit dem pflegedienst geht sie sogar duschen, das war ihr größter wunsch nach dem krankenhaus. dann frühstück und mittags essen wir nudeln ganz weichgekocht mit trüffelpesto. das sap-team kommt mit einem arzt vorbei. sie sagt klar und deutlich, was sie nicht mehr will: notarzt, notaufnahme, krankenhaus, lebensverlängernde maßnahmen. ich schlucke. sie lassen notfallmedikamente da in eskalationsstufen: zum einnehmen, tropfen, zum spritzen. abends gucken wir „let’s dance“ und ein paar mal nickt omma weg, aber das ist okay. ich stelle das kopfteil ihres lattenrostes hoch und baue ihr eine kissenburg, damit sie ungefähr 45 grad höhe hat. nach „let’s dance“ helfe ich ihr ins bett und gehe schlafen.

samstag komme ich gegen acht nach unten und omma liegt friedlich eingerollt im betti und schläft. also lass ich sie, mache mir leise einen kaffee und gehe nach drüben in mein altes zimmer. als ich zurückkomme, ist sie wach im bad und strahlt mich an: „stell dir mal vor, ich hab richtig gut geschlafen!“ ich bin selig. vielleicht wird ja doch alles gut? aber seit freitag stockt die verdauung. da kommt einfach nix, trotz anreger. das skeptische teufelchen aktiviert seine große schwester und lässt mich ahnen, dass das folgen haben wird.

sonntag komme ich runter und omma sitzt am wohnzimmertisch und sagt: „ich bin gewaschen und geputzt, ich möchte gern eine pflaumenmusstulle.“ bekommt sie. an diesem tag gehen wir wie samstag schon eine hofrunde mit dem rolli. sie bekommt hühnersuppe von samstag, weil die dann so schön durchgezogen ist. und joghurt „russischer zupfkuchen“, der sie umhaut. nachmittags treffe ich mich mit einer freundin, vier stunden raus aus dem haus, zuhause wieder lindenstraße und reiterchen mit stinkerkäse. alles ist super, dafür, dass sie gerade raus aus dem krankenhaus ist. ich bringe sie ins bett, gute nacht, ich hab dich lieb. und gehe zum kragenlöwen. nehme den kragen ab und lassen dem tier ein bisschen freiheit. plötzlich rummst es unten fürchterlich. ich rufe runter: „omma?“ „ich bin gefallen!“ ich stürze runter und bin froh, dass man durch zwei türen ins zimmer kommt. denn vor einer hockt sie. sie wollte aufs klo, weil es endlich ging und dann wurde ihr schwindelig und sie ist gefallen. ich helfe ihr auf, frage, ob sie noch aufs klo will ich helfe ihr aufs klo, wische sie hinterher ab und … blut. ich sage: „du blutest. was soll ich jetzt machen? notarzt?“ nein, das team. okay, die sagen mir, das könne man nur abwarten und morgen den hausarzt anrufen. also hole ich das bettzeug runter und klappe das sofa im wohnzimmer nebenan aus, das nicht zum draufschlafen gemacht ist.

montag früh rufe ich das team nochmal an. man versichert mir, dass sowohl die schwester als auch die ärztin auf dem weg zu uns seien. der pflegedienst kann omma nur im bett waschen. ich habe nachts den toilettenstuhl von oben heruntergeholt. was ich aus dem eimer entsorge, ist eher stuhl im blut als umgekehrt. die ärztin spritzt was gegen die übelkeit, die omma hat. nachmittags kommt die mitarbeiterin des hospizdienstes. mit ihr sitze ich lange draußen und weine, weil ich gerade alles verliere. meine omma, mama, beste freundin, meinen anker und auch den ort, an den ich mich immer zurückziehen konnte, wenn alles scheiße ist. sie sorgt dafür, dass eine ehrenamtliche vorbeikommt.  das verschafft mir ein bisschen luft, mich um das tier zu kümmern. außerdem hat sie eine superidee: ein babyphone mit antwortfunktion! omma und ich reden viel an dem abend. plötzlich ist ihr tod nicht mehr das worst case scenario, sondern das unausweichliche ziel des weges. wir sind beide sehr ruhig, sehr traurig, weinen beide, lachen zusammen. sagen uns, wie lieb wir uns haben. ich schlafe wieder im wohnzimmer.

dienstag sagt sie mittags zu mir, sie möchte so gern grießbrei mit apfelmus. also koche ich greißbrei und wir essen zusammen. mir wird jeder happen im mund immer mehr, weil ich spüre, dass es unsere letzte gemeinsame mahlzeit ist. aber ich esse auf und sie will sogar nachschlag. ich gehe nach oben, das tier füttern und mich umziehen, weil ich, wenn die ehrenamtliche kommt, einkaufen will. das babyphone kaufen und alle joghurts „russischer zupfkuchen“, die im kühlregal von real,- stehen. ich komme wieder runter und omma sagt: „ich hab dich so gerufen! ich musste aufs klo!“ oje, ich entschuldige mich und wir gehen auf den toilettenstuhl neben dem bett und plötzlich starrt sie an die decke und reagiert nicht mehr. ich schnipse und klopfe sanft auf ihre wange und sie sagt „ich bin ja hier“ und ich hieve sie ins bett und das ist extrem anstrengend für uns beide. ich rufe das team an und die kommen auch schnell und ziehen ihr eine windel an. zum ersten mal seit callys tod machen sich die inkontinenzunterlagen bezahlt, die wir nun omma unter den hintern schieben. ich bin an dem punkt, an dem ich denke, dass ich das nicht allein gebacken bekomme. nebenbei habe ich mit dem pflegedienst telefoniert, der mich montag schon anrufen wollte und dann um 15:10 uhr schon im feierabend war. die wurden auch noch pampig und ich sagte nur, dass sich die situation seit mittwoch dramatisch verschlechtert hat und ich eine verlässliche aussage brauche, weil ich es allein nicht schaffe. die schwester vom palliativteam konnte ein bett in einer palliativ-wg anbieten, aber omma wollte zuhause bleiben und sie ist die chefin. also bleibt sie zuhause. abends saßen wir wieder lange zusammen, ich fragte sie, ob ich jemanden anrufen solle und sie sagte „e. wenn alles vorbei ist.“ sie sagte noch „jetzt bring ich dein ganzes leben durcheinander, mein mädchen …“ und ich sagte ihr, dass das okay ist, weil ich ihres ja auch ganz schön aufgemischt habe. irgendwann ging ich nach oben, nun aber mit babyphone. sie rief mich etwa 30 minuten später und ich ging wieder runter. ihr sei so schlecht. ob ich ihr was spritzen soll gegen die übelkeit? oder morphintropfen geben? nein, will sie nicht. irgendwann sagte sie: „geh ins bett, mädchen.“ und das tat ich. was sollte ich auch sonst tun?

mittwoch früh gegen halb fünf höre ich omma übers babyphone husten wie jemanden, der spucken muss. also gehe ich runter. spreche sie an. „ich muss raus, mir ist schlecht!“ „omma, du kannst nicht aufstehen, ich hab hier einen eimer, wenn dir schlecht ist.“ sie liegt immer noch im 45-grad-winkel und rutscht immer weiter richtung bettkante. alle paar minuten versucht sie, aufzustehen. meine panik ist wieder da. dieses mal allerdings ist es die panik, dass sie aus dem bett fällt und ich sie nicht wieder reinbekomme. ich versuche im 30 minuten-rhythmus das team anzurufen, aber keine antwort. irgendwann gegen 7 erreiche ich auf der bereitschaftsnummer des neuen pflegedienstes jemanden. die kommt auch recht schnell, hilft mir, das kopfteil wieder runterzustellen, omma weiter nach hinten im bett zu lagern. danach hat omma zwar immer noch anwandlungen aufzustehen, aber die lagerposition lässt es nicht zu. gegen mittag kommt eine weitere pflegerin, die sie ganz lieb in ein neues höschen bringt, aber die dreherei verursacht, dass omma das blut ausspuckt, das im magen ist. also neues nachthemd und neues kissen. abends kommen zwei gute freundinnen von omma, inzwischen reagiert sie nicht mehr bewusst auf ansprache. die pflegerin mittags hatte mir den rat gegeben, omma für eine weile allein zu lassen, manchmal bräuchten sie das, um gehen zu können. als die beiden weg waren, ging ich nach oben zum tier. bald hörte ich aber übers babyphone, dass die schnappatmung intensiver wurde und dachte mir: „so kannst du sie nicht allein lassen.“ also suchte ich mir alle decken zusammen, die wir haben und legte mich vor ihr bett. und schlief ein.

donnerstag gegen 4 wache ich auf und das zimmer ist ganz still. ich öffne das fenster und wünsche ihr eine gute reise.

ich bin jetzt

 

mutterseelenallein.

p.s.: das, was dem tier rausgeschnitten wurde, war ein bösartiger hauttumor.

auch eine rachel ist mal traurig

während ich das schreibe, sitzt meine mieze, meine kleine sahneschnute, hinter mir am fenster.

wer der meinung ist, haustiere sind doch nicht wichtig und nicht verstehen kann, warum man daran hängt, kann, darf und sollte jetzt wegklicken.

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lobhuddelei auf die beste omma/mama der welt

heute wird es persönlich. aus gründen. dies ist eine lobhuddelei auf meine omma, die gleichzeitig auch meine mama ist. und das hat nichts mit inzucht zu tun.

family selfie

meine omma ist 1936 geboren, mitten in die kriegsvorbereitungen. ihr vater ist früh eingezogen worden und leider schnell gefallen. trotzdem weiß omma noch gaaaaanz viele witze und gassenhauer von ihm zu erzählen. ihre mutter ist mit ihr und ihrem jüngeren bruder im krieg nach liebenwalde in brandenburg gegangen, weil dort die versorgung mit lebensmitteln besser war. trotzdem haben omma und ihr bruder als kinder beim schweinebauern aus dem kartoffelkocher geklaut, weil sie hunger hatten und die frischen pellkartoffeln zu verlockend waren. nach dem krieg sind sie in berlin aufgewachsen, omma hat nach der 8-klassenschule eine lehre zur krankenschwester angefangen. damals muss sie ein echt heißer feger gewesen sein, denn bei den monatlichen tanzveranstaltungen standen die herren bei ihr schlange. 😉

sie verliebte sich irgendwann und weil auch in den 50ern die leidenschaft manchmal größer war als die liebe, wurde sie schwanger. damals „heiratete man“ eben, wenn sie schwanger wurde. ihr gatte war erbe eines lebensmittelladens. meine mutter wurde geboren und war der sonnenschein des hauses und der straße. meine tante kam einige jahre später dazu. meine omma ließ sich irgendwann scheiden und pflegte mit ihrer nachfolgerin bis zu deren tod eine innige freundschaft. geht also auch.

ich lernte meinen leiblichen großvater noch kennen, ich erinnere mich aber kaum an ihn. er war „opa mit dem bart“ und hatte einen dalmatiner, der so groß war wie ich. außerdem hat er mich öfter mit dem motorrad vom kindergarten abgeholt, was ich voll doof fand, weil ich dann immer einen schutztrichter aus folie aufsetzen musste, der von innen beschlug und es war warm darunter und überhaupt eben voll doof.

auf die probleme mit meiner mutter möchte ich hier nicht näher eingehen, long story short: sie bekam mich sehr früh, meinen bruder so schnell danach, wie man halt nach einer geburt schwanger werden kann und war überfordert. eines tages offenbarte sie meiner omma den satz, der mein leben verändert hat: „entweder du nimmst sie oder ich geb sie ins heim.“ da war ich 3,5 jahre alt und hatte schon einiges hinter mir. trotzdem fragte mich omma, als hätte ich eine wahl, ob ich lieber bei ihr bleiben möchte oder bei meiner mutter. zu dieser zeit hatte ich schon immer wieder und auch länger bei ihr gelebt und meine entscheidung war eindeutig: „bei dir!“

omma war zu dieser zeit 46 und oberschwester in der sanistation im ostbahnhof. sie hat für mich ihr gesamtes leben umgekrempelt. mich morgens zur tagesmutter gebracht und nach dem dienst noch eingekauft und mich abgeholt. auch zu ddr-zeiten ging das nur mit einer tagesmutter, weil die krippen nicht lange genug offen waren. sie lernte den mann kennen, der dann mein „echter“ großvater wurde, sich aber nie in mein herz kämpfen konnte. auch, wenn ich heute zugeben muss, dass er es auf seine art wohl wirklich versucht hat. sie zogen gemeinsam nach guest, ein winziges dörfchen nahe greifswald (das aber älter ist als greifswald!). und ich wurde mitgenommen. meine worte, als ich in das auto stieg, das mich von meiner mutter (und meinem bruder weg) nach guest brachte, waren: „und ich muss nie wieder hierher zurück?“

ich erlebte eine kindheit auf dem dorf, wie sie schöner nicht hätte sein können. um mich herum waren immer tiere, natur und meine omma. sie hatte mit ihrer zweiten heirat 1984 entgegen allen ddr-maximen das hausfrauendasein gewählt, ich ging aber trotzdem in den kindergarten. das war gut, denn wenn ich nach hause kam, nach einem langen tag, war da omma und hat mir mein lieblingsessen gemacht und mich in den schlaf gesungen. in der ersten zeit im haus auf dem land schliefen meine eltern (ja, ich nenne sie so) unten, mein zimmer war oben. damit ich mich nicht fürchte und nicht nachts im dunklen runtermusste, hatte ich ein angstlicht und einen pullereimer. klingt albern, aber ich war ein 4jähriges mädchen mit großen trennungstraumata.

als ich ungefähr 8 war, kam die jugendhilfe (jugendamt der ddr) zu mir und teilte mir mit, dass meine mutter heiraten würde und mich zurückhaben wollte. ich müsste mich nicht sofort entscheiden, sondern könnte darüber nachdenken in aller ruhe. ich entschied mich gegen sie, musste aber, da sie der adoption durch meine großeltern noch immer nicht zustimmte, ihren neuen namen auch annehmen. meine eltern haben mich damals in keinster weise beeinflusst. sie haben mir die entscheidung allein überlassen. gerade und besonders meine omma wusste, dass ich eine kluge entscheidung treffen würde. soviel vertrauen hatte sie in mich.

1989 stimmte meine mutter der adoption endlich zu. für mich wurde damals nur amtlich gemacht, was für mich fakt war. omma aber weinte die gesamte zeremonie durch und erst heute verstehe ich, warum.

meine omma hat mich immer unterstützt, wo es nur möglich war. sie hat „meine männer“ vielleicht nicht immer gut gefunden, aber nie über sie gelästert. sie hat mich sein lassen, was ich wollte. nach dem abitur habe ich eine lehre angefangen. ich weiß, dass sie enttäuscht war, weil ich ja abi hatte, aber sie stand hinter mir. als ich diese lehre kündigte und zur uni ging, war sie ganz aus dem häuschen. als ich meinen magisterabschluss hatte, hat sie bei der ostsee-zeitung den halben nachmittag angerufen, um die kinotickets zu gewinnen, die am nächsten tag in der zeitung mit namen und gruß veröffentlicht wurden.

meine einzige maxime im leben war „werde nicht wie deine mutter“. nicht, dass meine omma mir das eingebläut hätte. das habe ich selbst entschieden. und ich bin ihr genaues gegenteil.

und ich bin die einzige aus der familie, die mit ihr den 80. geburtstag gefeiert hat. es war ein großes jubiläum und ich habe lange überlegt, womit ich ihr einen unvergesslichen tag machen kann. omma steht auf erdmännchen, ist patin eines erdmännchens im greifswalder tierpark. also habe ich dort angerufen und mal gefragt, ob was geht und wenn ja, was? und bekam die reviertierpflegerin ans telefon, die mir zusagte, dass wir an ommas geburtstag gern kommen können und sie würde sich zeit für uns nehmen.

also zerrte ich omma an ihrem 80. ins auto, fuhr mit ihr in den tierpark und wir standen bei den erdmännchen … und die tierpflegerin war nicht da. außerdem gab es noch einen verletzten schwan und ich wusste, dass bärbel (die tierpflegerin) allein war und sah meine geburtstagsfelle davonschwimmen … aber ich rief nochmal an der kasse an und omma und ich waren mit bärbel IM erdmännchengehege. das war toll! die sind so neugierig und so kommunikativ! omma hatte 1000 fragen und bärbel hat sie alle beantwortet. anfassen durften wir leider nicht, weil die schnell beißen, aber bärbel meinte „fasst sich an wie katze!“.

liebe omma, ich danke dir für alles, was du mir gegeben hast und wünsche dir nur das allerbeste. ganz viel gesundheit und noch ganz viele jahre. zu deinem 90. geburtstag plane ich schon mal eine „dinner for one“-version mit dir und für dich. ich kann meine liebe zu dir nur selten in worte fassen, weil wir keine gefühlsduselige familie sind. aber ich liebe dich unbeschreibbar und möchte dich noch so lange in meinem leben haben, wie du magst. ich liebe dich einfach.

dein mädchen.

wer schön sein will muss leiden?

so etwa einmal im jahr überkomt mich die idee, ich müsste mich doch mal weiblicher geben. nicht, dass ich rumlaufen würde wie ein bauarbeiter, aber ich bin halt eher so der praktische typ.

ich habe ziemlich lange haare. das wissen die meisten nicht, weil ich sie fast ausschließlich zusammengerödelt am hinterkopf trage. ich schminke mich kaum bis nie. ich bevorzuge flache, bequeme schuhe und hosen.

aber ab und zu gibt es diesen stachel, der mir sagt: komm rachel, machen wir uns richtig schick und verkleiden uns mal als mädchen. das geht dann so:

ich lasse mir die fingernägel wachsen. und lackiere sie. ich lackiere meine fußnägel. ich rasiere mir die beine frisch. ich lege make-up auf. ich ziehe mir hübsche wäsche und ein kleidchen an. ich lasse meine wallemähne wallen. ich ziehe hochhackige schuhe an. und verlasse das haus.

nehmen wir an, draußen ist ein lauschiger, warmer sommerabend. ein brise weht angenehm durch die berliner straßen.

frisch geschminkt mit make-up, puder, lidschatten und nur drei versuchen, die mascara wangenfleckfrei auf die wimpern zu zaubern, verlässt eine wohlduftende rachel im kleidchen mit hohen pumps und mit wallender haarpracht das haus. ca 100 meter hinter der haustür weht ihr der wind ins haar und selbiges ins gesicht. alle versuche, die mähne mittels hintersohrschieben und ähnlichem zu bändigen, scheitern. erste striemen ziehen sich durchs frische make-up. die schwüle luft lässt sie unter dem make-up zerfließen. selbiges glänzt innerhalb weniger minuten trotz puder wie eine frische speckschwarte.

die wärme erzeugt unter dem kleid innerhalb kürzester zeit ein tropisches klima, das seinesgleichen sucht. ungefähr 300 meter hinter ihrer haustür wünscht sich rachel dringend eine thigh gap. der string klemmt in der kimme, als wollte er dort ein weltimperium eröffnen und nie wieder weggehen. beim ersten hastigen umsteigen in u- oder s-bahn bemerkt rachel, dass (mindestens) einer der pumps scheuert oder schubbert oder drückt. sie weiß auch, welche fußwege heute noch vor ihr liegen. und selbst wenn diese eher kurz sein sollten, wird es mindestens für eine blase wenn nicht sogar für eine aufgescheuerte blase reichen.

während der fahrt fällt rachel auf, dass beim beinerasieren wieder haare stehengeblieben sind. das kleid rutscht ständig und der bh kneift. immerhin bekommen die inneren obeschenkel während der fahrt im sitzen pause, wobei das klima unterm kleid nicht besser wird, weil man als frau ja eher selten drei sitzplätze beansprucht, weil man die beine weit spreizt, wie es manche männlichen exemplare gern tun. dank der langen krallen tippt sie mehrfach die falsche app auf dem smartphone an und kann kaum texten.

unter den offenen haaren schwitzt rachel wie ein wombat bei der liebesjagd und verflucht sich für die hammeridee, sie doch heute mal offen zu tragen und extra kein haargummi mitzunehmen, um nicht in versuchung zu geraten, sie beim ersten schweißausbruch wieder zusammenzubinden. am treffpunkt angekommen sieht rachel etwas derangiert aus und verabschiedet sich direkt nach einer kurzen begrüßung auf die toilette.

im spiegel sieht sie ein glänzendes gesicht mit pandaaugen von der verschmierten mascara, deutlich sichtbare krähenfüße dank verkrustetem make-up. der nacken fühlt sich an, als würde dort eine feuerameisenkolonie eine wilde party feiern. am rechten fuß ist eine blase aufgegangen und wird den rest des abends die hölle auf erden sein, denn als nichttussi hat rachel natürlich kein erste-hilfe-kit in ihrer riesenhandtasche, weil rachel als nichttussi auch keine riesenhandtasche sondern nur eine tasche für handy, zigaretten, portemonnaie und fahrschein hat. mit toilettenpapier werden kleinere restaurationsarbeiten im gesicht vorgenommen, denn notfall-make-up passt auch nicht in die kleine, praktische tasche. dann geht rachel an die bar und bestellt cuba libre.

irgendwann kommt sie nach hause. mit viel cuba libre im blut und müde fällt sie in ihr bett. am nächsten morgen kommt sie ins bad und fragt sich beiläufig, wer der panda in ihrem spiegel ist.

jaja, eine frau sein ist super. wozu das ganze gerödel?

und bei euch so?

eure rachel (die sich jetzt erstmal die krallen schneidet und den nagellack entfernt.)

 

for old lang syne
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silvester. ich fühle mich wie miranda in dem clip. allerdings ohne eine carrie.

„2014 ist das jahr des pferdes. ich bin ein pferd. das wird mein jahr!“ sagte ich am 1.1.2014. 365 tage später weiß ich es besser.

vielleicht fällt das alles aber auch nur in die kategorie „alles gute ist nie beisammen“. wenn ich schon einen job habe mit zauberhaften kollegen und spannenden aufgaben, wäre es nun wirklich zuviel verlangt, auch noch soziale kontakte oder gar amouröse ambitionen bedient zu bekommen. oder ruhe vorm finanzamt. oder überhaupt einfach mal wieder einen einzigen unbeschwerten tag ohne ständige sorgen um dies und das und rennereien wegen diesem und jenem.

also weine ich jetzt ein bisschen, putze mir dann die nase, stehe wieder auf, rücke mein krönchen zurecht und klopfe mir den staub von den knien. klebe mir comicpflaster auf die schürfwunden an den knien und auf dem herzchen und dann gehe ich raus in diesen letzten abend dieses jahres, um das neue trotz allem optimistisch zu begrüßen. es kann ja nichts für das alte und hat eine chance verdient. ich gebe ihm 14 tage dafür.

euch allen wünsche ich das, was ich mir selbst auch wünsche, denn wir alle haben das verdient: liebe, zuversicht, glück, gesundheit, aufmerksamkeit, dass es jemanden gibt, der euch großartig findet und das auch zeigt und ein bisschen steter ruhiger fluss statt immer nur wildwasser.

wir sehen uns nächstes jahr.

eure rachel <3

das sonntagsphänomen

kennen Sie das sonntagsphänomen?

es äußert sich folgendermaßen: egal, ob Sie am samstag abend unterwegs waren oder nicht, ob Sie den sonntag mit aktivität verbracht haben oder nur rumgesumpft: Sie sind total erschlagen. sonntage sind sumpftage (Sie haben vermutlich keine kinder). und Sie sumpfen und sumpfen…bis ungefähr eine stunde vor dem zeitpunkt, an dem Sie ins bett gehen sollten. und dann setzt der „hammy auf energydrink-effekt“ ein.

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Sie sind also wach wie ein eichhörnchen auf energy drink. selbst wenn Sie es im noch akzeptablen zeitfenster ins bett und in den schlaf schaffen, wachen Sie zwischen 23 und 1 uhr  auf und sind… WACH!

ich kenne dieses phänomen schon sehr lange. es hat nichts mit meinem job zu tun, denn ich hatte das auch zu zeiten,  wo der montag ereignislos werden würde. ich mag meinen job sehr und finde ins büro gehen alles andere als widerlich. und trotzdem schlafe ich von sonntag auf montag immer (!!!) schlecht.

kennen Sie das auch? können Sie das erklären? dann jetzt bitte!

liebe mütterfreundinnen

… ihr nervt.

ich warte kurz, bis sich das geschrei gelegt hat.

moment.

gleich.

so. jetzt.

wisst ihr noch damals? da waren wir unterwegs. da haben wir nächte durchgequatscht. wir konnten uns gegenseitig jederzeit anrufen. wir haben uns gegenseitig taschentücher und alkohol gereicht, wenn das herz gebrochen war. wir haben alles zusammen durchgemacht: studium, abschluss, erste holprige schritte auf dem karriereweg, wenig geld, gar kein geld, arbeitslosigkeit, frust, freude. konnten über alles reden. eltern, geschwister, sorgen, nöte, vom liebeskummer bis zur abtreibung. haben uns aufgebaut, miteinander gelacht und konnten uns aufeinander verlassen. wir hatten unsere gemeinsamen tage mit ihren ritualen. männer kamen und gingen, das „wir“ blieb immer. nichts hätte dazwischen platz gehabt. wir hätten uns füreinander in kugelhagel gestürzt, um die andere zu retten.

dann, eines tages kam ein „ich hab jemanden kennengelernt“. ich lernte den auch kennen und erkannte: ohoh, das ist kein strohfeuer, det wird ernst. auf einmal war das „wir“ ein „wir zu dritt“. auf einmal waren unsere tage nicht mehr unsere tage, sondern es hieß „also wir planen…“ und „komm doch dazu.“ plötzlich war ich das anhängsel, das dritte rad am moped.

dann kam ein „ich bin schwanger“. und ich dachte „jo, passiert“. und damit ging es los. essen gehen spontan ging nicht mehr, weil man ja als schwangere heutzutage offenbar weniger lebensmittel schadlos essen darf als jemand mit gluten-, laktose- und 43 anderen lebensmittelunverträglichkeiten zusammen. was trinken gehen ging nur noch so semi, weil alkohol und schwangerschaft…naja…heikel und dann vielleicht noch in einer bar, in der geraucht wird…ganz schwierig…“aber komm doch zu uns. paar xy kommt auch“. (auch so ein phänomen: paare ziehen andere paare magisch an.)

so eine schwangerschaft ist ja auch irgendwann vorbei und dann wird sich das schon regeln, dachte ich in meiner grenzenlosen naivität. aber nein. natürlich nicht. kind, haushalt, alles zusammen und alles neu, das geld knapp, der druck groß…natürlich hat man da als freundin verständnis und wartet also weitere monate ab, bis das kind abgestillt ist. sein sollte. also theoretisch auch ist. zumindest…naja…nicht so einfach. also wartet man noch ein paar wochen verständnisvoll. (dieses verständnis setzt ihr übrigens ganz selbstverständlich voraus. und seid vermutlich noch neidisch auf uns, die wir nun vermeintlich ohne euch eine party nach der anderen rocken.) mittlerweile ist es einfacher, eine spontane privataudienz beim papst oder ein interview mit madonna zu bekommen als euch ans telefon. das ist immer auf vibro gestellt, falls das kind schlafen sollte, damit es nicht aufwacht.

dann endlich: der erste abend nach anderthalb jahren, der das „wir“-revival bringen soll. natürlich nach dem rhythmus des kindes getimet. auch ganz selbstverständlich von euch vorausgesetzt. aber nach anderthalb jahren bin ich kompromissbereit. wir treffen uns also. gehen in den club. wie früher. das wird so toll! der abend ist überfrachtet mit erwartungen, die sich alle erfüllen, bis… nach einer stunde das telefon klingelt. das kind würde nicht einschlafen und bräuchte mama. natürlich geht ihr nach hause. natürlich setzt ihr verständnis dafür voraus und erwartet es auch. natürlich bringe ich es euch entgegen. auch wenn in mir gerade welten zerbrechen, weil mir klar wird, dass es nie wieder ein „wir“ geben wird. zumindest nicht so, wie ich es kenne.

aber die hoffnung bleibt. so ein kind wächst ja unweigerlich. wird selbstständiger. wer denkt, dass es nun einfacher wird: weit gefehlt. um das zweite lebensjahr herum setzt ein interessanter mechanismus ein: vor anderen eltern ist das eigene kind das klügste, am weitesten entwickelte und großartigste überhaupt. nimmt man es aber mit zu nicht-eltern und es benimmt sich dort einfach wie eine bockige, unerzogene kackbratze, ist es plötzlich in seiner entwicklung um monate zurück, weil. die gründe sind so mannigfaltig wie an den haaren herbeigezogen. fakt ist: wenn das kind dabei ist, muss ich es nicht sein, weil ich eh nicht existiere.

unnötig zu erwähnen, dass „unsere“ ritual-tage inzwischen familientage sind, die mit anderen paaren, vorzugsweise eltern verbracht werden. in der planung der freizeit rücke ich immer weiter nach hinten. getroffene vereinbarungen können von euch jederzeit wegen des kindes umgeworfen werden oder nur mit kind stattfinden. spontan ist ein wort aus der vergangenheit, entweder ist das kind krank oder muss aus der kita abgeholt werden oder ins bett gehen oder ihr selbst jetzt ins bett gehen. in die kategorie „spontan“ fällt inzwischen: „du, das kind schläft schon, komm doch zu uns, paar xy kommt auch, wir können doch auch hier wm gucken“ (auf einem laptop, mit wackligem stream, zu fünft plus kreischendem kleinkind.)

und immer noch und immer mehr und immer wieder erwartet ihr selbstverständlich, dass wir zurückstecken, verständnis haben, runterschlucken. schließlich habt ihr ja kinder. ihr habt zukunft produziert, während wir hedonistisch single und kinderlos von party zu party ziehen und die nächte durchmachen.

 

 

und was wäre, wenn ich einfach zuhause sitze, allein, jeden abend, weil ihr fehlt? wenn ich mich am wochenende frage, was ich mache und mich gar nicht mehr bemühe, euch anzurufen, weil ihr eh keine zeit haben werdet? was wäre, wenn mich eure dreisamkeit einfach einsam gemacht hat? habt ihr dann auch verständnis und lasst alles stehen und liegen, wenn ihr das wisst? so wie ich, wenn ihr eine (für euch vage, für mich verbindliche!) vereinbarung trefft (und wegen des kindes wieder absagt)?

was, wenn ich traurig bin und genau euch brauche? weil nur ihr mich so gut kennt wie keine andere. was dann?

ich sags euch: dann bin ich allein. und ihr zu dritt.

gretchens fail

guten tag. mein name ist rachel und ich finde, „doctor’s diary“ ist sexistische kackscheiße. bitteschön.

wer mich kennt, weiß, dass ich keine männerhassende hardcorefeministin bin. schlimm genug, dass man als frau solche erklärungen heutzutage voranstellen muss. ich finde es charmant, wenn man(n) mir die tür aufhält oder mir ein kompliment macht (ohne dabei nur auf mein dekolleté zu starren). also ich halte mich diesbezüglich für recht konservativ, jedoch selbstbewusst im umgang mit alltagssexismen.

ich habe die oben genannte serie nie verfolgt. am donnerstag spülte sie eher zufällig vor allem an mein ohr, weil mein tv gern läuft, während ich am rechner einige meter entfernt sitze. und ich dachte: „seriously? DAS ist eine der erfolgsserien?“

eine serie á la bridget jones, nur viel schlimmer. die protagonistin, gretchen (was für ein name!) ist ende 20 und ihr verlobter hat sie betrogen, weshalb sie ihn verlassen will. oder hat. der kommentar ihrer mutter: „gretchen! du bist fast 30! du kannst doch jetzt nicht alles aufgeben! verzeih ihm und vergiss endlich die karriere!“ äh….dafuq? gretchen selbst fängt gerade als ärztin (!!!) in einem neuen krankenhaus an. wo sie auf mark trifft. ihre jugendliebe. der noch immer das gleiche arschloch wie früher ist. und sie „hasenzahn“ nennt. wie früher. was sie nicht einmal kommentiert. dafuq?

im gegenteil. sie ergeht sich in länglichen off-kommentaren, die an ihr tagebuch gerichtet sein sollen (serientitel, ne?) und dem zuschauer verraten: ärztinnen sind den ganzen tag damit beschäftigt, sich über ihr aussehen, ihr gewicht und ihre wirkung auf den oberarzt (mark) oder jeden anderen halbwegs attraktiven arzt gedanken zu machen und wenn sie zufällig ein menschenleben retten, dann fällt das eben unter zufall. laut „doctor’s diary“ ist der einzige große wunsch einer jeden frau geheiratet (ja, passiv!) zu werden.

nun könnte man sagen: „ey, rachel, komma runter. das is ne serie und überspitzt.“ sicher ist es das. ABER: um solche „gags“ zu schreiben, muss ein schreiber erstmal den rückhalt einer allgemeinen ansicht haben, dass das lustig ist und dafür muss es akzeptiert sein.

so. und da liegt für mich der hund begraben. oder der otter. oder wer auch immer.

offenbar finden es sehr viele menschen eben immer noch normal und gerechtfertigt, weibliche ärzte auf ihr aussehen und ihren sexualtrieb zu reduzieren. offenbar ist es allgemein anerkannt, dass frauen gedemütigt und benachteiligt werden. im zusammenhang mit der in den werbepausen dieser serie gezeigten werbung bekomme ich eine dezente krawatte. werbung für frauen. straffende bodylotions. superglanz-shampoos und anderes haarzeugs. kaltwachsstreifen und epilierer für perfekt haarlose körper. make-up. powerfrauen mit powerdeos.

und dann weiß ich eben auch, wo die „gags“ in dieser serie herkommen: es wird uns frauen täglich in höchster dosis eingebläut, dass unsere schönheit, unser aussehen, unsere figur, unsere haare, unsere haut unser kapital sind. deos für männer werden beworben mit „perform like a man“ und wirken 72 stunden. wir sollen täglich unser einziges kapital cremen, waschen, pudern, shampoonieren und glossen. weil wir als das „schöne geschlecht“ ja sonst auch nix weiter zu bieten haben. außerdem sind wir auslaufmodelle und benötigen, um das diskret zu verstecken, permanent binden, slipeinlagen oder tampons und wir haben scheidenpilz.

ich will es nicht unnötig ausbreiten: ich hab die schnauze voll von (deutschen) serien und werbungen, die mir erklären, wie frauen funktionieren (sollen). ich bin eine singlefrau mitte 30, die sowohl ihre kontinenz als auch auch ihr leben ziemlich gut im griff hat und in einem job arbeitet, in dem es bei weitem nicht darum geht, nur die zahlreichen (durchaus auch sehr attraktiven) männer anzuhimmeln, sondern mit ihnen zusammenzuarbeiten, um ein gutes ergebnis zu erreichen. irgendwann muss doch mal schluss sein mit diesem weibchen-ideal! HIMMELGESÄSSUNDNÄHGARN!

bestandsaufnahmenrant

hmmm…wie fang ich es an? am besten so:

„ich kann gar nicht verstehen, warum jemand wie du noch single ist.“

hätte ich jedesmal, wenn dieser satz fiel, einen euro dafür bekommen, wäre ich heute reich.

es war nie so, dass ich einen plan für mein leben gehabt hätte à la: mit 35 biste verheiratet und hast 2 kinder, haus, hund. im gegenteil. sehr lange vertrat ich vehement den standpunkt, dass ich niemals heiraten oder gar kinder haben werde. immer wieder wurde mir gesagt: „hihi, ja, eines tages, da kommt die biologische uhr!“ und ich sagte immer: „ja, manchmal hör ichs ticken, ist aber nur der wecker aufm nachttisch.“. und damit war die sache durch. wird sich schon irgendwie alles regeln, dachte ich.

wenn ich heute zurückschaue, war ich den größeren teil meines lebens single. selten gewählt. aber lange auch nicht als tragisch empfunden. mit anfang 20 hatte ich eine beziehung, die drei jahre ging und dann endete, weil die vorstellungen eines mannes anfang 30 von denen einer frau anfang 20 doch abweichen. wenn dann noch 500 km entfernung dazu kommen, wirds schwierig. so ging die ganze sache also recht unrühmlich zu ende, mit dolle herzaua. seis drum. lange her.

ich studierte fertig, zog nach berlin. ich war 28, seit fünf jahren single und mit meinem singledasein okay, wenn auch nicht 100% zufrieden. ich war immerhin in der geilsten stadt der welt! ist sie immer noch, wenn auch entromantisiert. denn: was sich in greifswald, einer stadt mit massivem frauenüberschuss, andeutete, wurde in berlin perfektioniert. martin „gotti“ gottschild hat es sinngemäß mal in die worte gefasst: „in berlin muss sich niemand binden, weil an der nächsten ecke der nächste steht, der sich auch nicht binden will.“ in einer der großen tageszeitungen (ich weiß wirklich nicht mehr, welche es war, sonst würde ich sie verlinken) las ich vor nicht allzu langer zeit den satz: „berlin ist die stadt der singles, die es bleiben wollen.“ das ist natürlich quatsch. denn 1.) gibt es ja auch in berlin menschen, die sich finden und zusammen bleiben und 2.) gibt es auch hier natürlich menschen, die single sein nach einer weile einfach doof finden.

und damit komm ich wieder zu mir. ist ja auch mein blog. hihi. ich lebte also so vor mich hin. ging feiern, traf männer und…stellte schnell fest: egal, ob du mit ihnen direkt was anfängst oder nicht: sie melden sich nicht mehr. okay. dann also partys. hört man ja immer wieder, dass sich leute auf partys treffen. von denen gab es in meiner berliner zeit nur leider wenige, die nicht von mir initiiert wurden. also auch nix. und wie ich so immer länger in berlin lebte und immer länger single war und je mehr freunde sich fest banden und familien gründeten und je mehr es mich frustrierte, traf ich immer mehr männer, die sich genau in zwei kategorien fassen lassen: die einen suchen jemanden, der ihnen den weg zeigt. sie sind eher unsicher, vor allem emotional und antworten auf fragen wie „worauf hast du denn lust?“ oder „welchen film wollen wir denn gucken?“ grundsätzlich mit „mir egal, sag du!“. das ist auf die dauer recht anstrengend, denn auch wenn diese männer einer frau gern die welt zu füßen legen würden, muss man ihnen als frau erstmal sagen, wo der weg dahin ist. und dann kann man ihn auch allein gehen.

die andere kategorie ist jedoch nicht wirklich angenehmer. das sind die „du, ich such eigentlich grad nichts festes, aber eine affäre/offene beziehung/ich hab ne offene beziehung“-typen. und das binden sie dir auch direkt auf die nase. beim ersten gespräch. egal, ob das kennenlernen spontan in ner kneipe stattfindet oder sonstwie. und ich denke dann immer nur: „jo. schön. tmi. weißte, früher hat man sich nochmal aufn kaffee getroffen oder abends und dann nochmal und nochmal und geguckt, ob was geht, aber das ist mit dieser aussage ja auch mal einfach makulatur.“ zumal „ich such grad nix festes“ ja eigentlich auch nur bedeutet „ficken wär schon geil, aber für mehr reichts dann auch nicht“. offenbar ist heute die größte bedrohung, sich binden zu „müssen“, ja es wird von vornherein als zwang empfunden, eine beziehung einzugehen. als wäre man dann am andreaskreuz im keller angekettet und auf die gnade der frau angewiesen, was essen und ab und zu mal rumlaufen angeht. „beziehung“ ist heute offensichtlich das worst case scenario.

so langsam komme ich an einen punkt in meinem leben, an dem ich feststelle: es regelt sich eben nicht irgendwie. was nicht daran liegt, dass ich nicht will, sondern daran, dass „bindung“ und „verbindlichkeit“ heutzutage offenbar schimpfwörter sind. oder ganz doll böse, gefährlich und um jeden preis zu vermeiden. ich komme an einen punkt in meinem leben, an dem ich feststelle, dass ich auch nicht aktiv etwas dagegen tun kann oder mich dafür oder dagegen entscheiden, weil ich die chance dazu gar nicht bekomme. man trifft sich, redet, der abend verläuft angenehm – und plötzlich kommt aus dem nichts „du, aber was festes will ich nicht“. anfangs fragte ich mich noch, ob ich jetzt sooo verzweifelt gewirkt habe, dass ihm das zu betonen so wichtig war. oder ob ich so wirke, als ob ich in der handtasche direkt die hand- und fußfesseln mit mir herumtrage, um ihn anzubinden und nie wieder wegzulassen. kurz: ich fragte mich, ob ich irgendwas falsch gemacht habe. und stellte fest: ja, ich bin nicht ganz einfach, nicht schlicht und leicht zu durchschauen, aber so prinzipiell finde ich mich schon sehr okay so. und ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass ich einem mann jemals in den ersten beiden stunden ungefragt auf die nase gebunden hätte, dass ich gedenke, ihn in sechs monaten heiraten und danach direkt mit der familienplanung beginnen zu wollen. was ja das gegenstück zu den informationen wäre, die mir ungefragt erteilt werden.

ich habe auch schon den einen oder anderen mann getroffen, der bass erstaunt war, dass ich nicht sofort einen hysterischen tobsuchtsanfall bekam, wenn er mit seinen jungs um die häuser wollte. der seine vermeidungs- und „ich sag besser nix und ruf auch nicht an“-strategie fuhr, weil er mit einem solchen rechnete und dann verwundert feststellte, dass bei mir bescheidsagen einfach ausgereicht hätte. weil ich das ganz normal finde. und der, wenn er das feststellte, mich ganz schnell abschoss. bzw. in die freunde-schublade steckte. was aufs gleiche rauskommt. denn seltsamerweise stehen männer auf dieses gezicke. auch, wenn sie immer sagen, dass das ja ach so anstrengend ist.

liebe männer (und auch frauen): es gibt wundervolle frauen (und auch männer) da draußen. die meisten haben weder vor, euch einzusperren noch euch anzuketten. wie wäre es, wenn ihr es einfach mal ausprobiert? mal nen drink und dann noch nen kaffee und dem ganzen die möglichkeit gebt, sich zu etwas zu entwickeln, bei dem man mutmaßen kann, ob es mehr als ein paar treffen werden könnten? statt sofort abzublocken und eure freiheit zu propagieren? jeder/m frau/mann von vornherein zu unterstellen, dass sie/er ja euch nur festketten will, vor allem ab einem bestimmten alter? und ja, ich weiß, ich habe geschlechtsgenossinnen, deren einziges ziel ist, geheiratet zu werden, aber die sind zum glück ja immer seltener. gerade wir so mit mitte 30 und älter sind natürlich nicht ohne macken und altlasten. ihr nicht, wir nicht. wir haben alle scheiße erlebt, unsere herzen haben narben und wir haben alle angst, dass noch mehr davon dazu kommen. aber es deswegen ganz lassen?

ganz ehrlich, liebe berliner männer: ich mag euch. aber langsam frustriert ihr mich, weil ihr mich (und viele andere bezaubernde frauen) unter generalverdacht stellt.

das kind in meinem kopf

in meinem kopf wohnt ein kleines mädchen. es ist ungefähr drei jahre alt. es hat große, blaue augen und blonde löckchen. ein kleiner engel. dieses mädchen ist traurig. es hat in seinem leben sehr früh eine botschaft bekommen: „du bist es nicht wert.“ trotzdem hat es nie aufgegeben. es hat sich angepasst, zurückgenommen und unauffällig überlebt. bei all dem ist sein mantra „du bist es nicht wert!“ zur selbsterfüllenden prophezeiung geworden. scheitern und schlechtfühlen sind sein antrieb. weil das alles ist, was es kennt. jeder erfolg wurde ihm kleingeredet, relativiert, als selbstverständlichkeit hingestellt, nichts besonderes. „glaub bloß nicht, dass du wichtig bist. du bist es nicht wert.“

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und während ich heranwuchs, älter wurde und irgendwann auch erwachsen, blieb dieses kleine mädchen in meinem kopf und forderte sein scheitern, sein schlechtfühlen ein. jeder rückschlag war nicht nur bestätigung, sondern auch befriedigung. es redete alles klein und wertlos, bis ich es glaubte und es auch so kam. seit drei jahrzehnten nun sitzt dieser kleine blonde engel in meinem kopf. mit den jahren ist aus der kleinen süßen ein echter racheengel geworden. sie bockt und zickt, wenn sie nicht bekommt, was sie will: scheitern und schlechtfühlen. sie versucht, mir sämtliche positiven gefühle auszutreiben und zu relativieren. wie ein schlecht erzogenes dreijähriges mädchen in der quengelzone an der kasse wirft sie sich brüllend auf den boden, weil sie mit der momentanen situation nicht klarkommt: zum ersten mal in meinem leben gibt es da die ahnung von sicherheit, von zukunft.

und genauso schwer, wie es vermutlich einer mutter fällt, ihr kind zu lieben, wenn es im supermarkt die große schrei-arie anstimmt, so schwer fällt es mir zurzeit, die kleine auf den arm zu nehmen, ihr den rücken zu streicheln und ihr zu sagen, dass es okay ist. dass wir es verdient haben. und dass es zeit für sie ist, erwachsen zu werden. so schwer fällt es mir, ihr die wütenden krokodilstränen aus den traurigen blauen augen zu tupfen. ihr zu vermitteln, dass das, was gerade passiert, etwas gutes ist, das uns weiterbringt. ein großer weg aus kleinen schritten. ich weiß, dass sie sich nicht mit einem plüschtier besänftigen lässt, oder mit süßigkeiten. das einzige, was sie beruhigen würde, wäre ein erneutes scheitern. und während ich das schreibe und sie bemerkt, dass ich mich mit ihr beschäftige, sät die kleine kröte auch schon wieder zweifel: „du wirst die probezeit niemals überstehen. du bist es nicht wert.“ und ich möchte ihr eine runterhauen oder sie wegsperren. aber das macht man mit kindern nicht. man muss sich mit ihnen auseinandersetzen, ihnen erklären, zeigen und beweisen, dass es anders ist und das auch gut so ist. und so muss ich nun als erwachsene das versuchen zu vermitteln, was die ersten erwachsenen diesem traurig-wütenden kleinen mädchen ausgetrieben haben: urvertrauen. selbstvertrauen. selbstwertgefühl. das bewusstsein, dass das leben nicht nur aus schlechten dingen besteht und auch nicht bestehen kann und auch nicht sollte. das bewusstsein stärken, dass gute gefühle viel schöner sind als negative, wenn man sie zulässt und nicht kleinredet.

ich muss mit diesem kind in meinem kopf leben. denn diese kleine rachel gehört zur großen rachel dazu.

homophopbie? dafuq?

in den letzten wochen ist das thema (homo)sexualität wieder sehr hochgekocht. zum einen durch herrn hitzlsperger, zum anderen durch ein konzeptpapier, das andere lebensentwürfe als mutter, vater, kind an schüler in bawü bringen will. von „schwuler umerziehung“ ist die rede, gar davon, dass es ja kein wunder sei, dass deutschland bei pisa so schlecht abschneide, wenn sich unsere schüler nur noch mit alternativ zum klassischen hetero-lebensentwurf existierenden beschäftigen müssen etc. ich verzichte bewusst auf verlinkungen, die grässlichen fratzen der borniertheit und homophobie zeigen sich selten in artikeln sondern eher in den kommentaren.

ich persönlich finde es müßig, die leier des „homosexualität existiert nun mal, lebt damit“ oder „wann genau hast du dir deine heterosexualität als lebensentwurf ausgesucht?“ noch spielen zu müssen.

aber ich fände es großartig, wenn in lesebüchern der ersten klasse einfach ganz unkommentiert ein homosexuelles paar vorkäme. (adam und andi sind im haus.) wenn in sachaufgaben einfach mal ein bild eines schwarz/weißen paares zu sehen wäre. wenn dort auch rollstuhlfahrer vorkämen oder andere „behinderungen“ thematisiert würden („das ist susi. susi kann nicht sehen. darum hat susi einen hund. der hund heißt bello und sagt ihr, wo sie an der straße stehenbleiben muss.“).

ein kommentar, den ich las, meinte sinngemäß: natürlich besteht homosexualität nicht nur aus sexualität. aber sie terminiert sich darüber. ein vater, der seinen sohn/neffen/bruder/vater liebt, sei ja nicht homosexuell, weil er den liebe. erst, wenn es um geschlechtsverkehr ginge, wäre die „definition komplett“. und ein vater, der seine tochter/nichte/schwester/mutter liebt ist dann was? pädophil? inzestiös? ödipal? die vielfalt der ausreden, warum es „unnormal“ ist, jemanden vom eigenen geschlecht zu lieben und warum wir also deshalb unsere kinder vor diesem wissen beschützen müssen, um sie nicht zu beeinflussen, fasziniert mich auf perfide weise. wie die aale winden sich die homophoben, um ihre „argumente“ auf vermeintlich feste beine zu stellen und können doch jederzeit von der wissenschaft mit einem kleinen windhauch einfach umgepustet werden. ein paar fragen reichen völlig aus. zuvorderst: „wann hast du aktiv entschieden, heterosexuell sein zu wollen?“

und doch, und doch löst auch 2014 das wort „homosexualität“ in verbindung mit „schule“ sofort abwehrreaktionen aus: „aber man muss doch kinder nicht übersexualisieren!“ nö, aber in unserer trotz allem offener werdenden gesellschaft werden die kinder sowieso mit gleichgeschlechtlichen paaren oder transgendern oder anderem konfrontiert. und sie fragen nach: „warum hat der onkel bill den gleichen nachnamen wie der onkel martin? sind die verwandt?“ damit warten kinder nicht bis zur pubertät – aber wenn sie eine antwort bekommen („martin und bill sind verheiratet, auch männer können einander heiraten, wenn sie das möchten“) ist es ja in der regel gegessen. diese ewig gestrige vorstellung, dass kindern nun in der schule sämtliche homosexuellen sexualpraktiken „beigebracht“ werden ist natürlich quatsch. sie bekommen ja auch nicht die bandbreite heterosexueller sexualpraktiken beigebracht. „warum heißt onkel martin jetzt martina und hat lange haare?“ „Weil er so jetzt glücklicher ist.“ zack bumm. kind zufrieden.

was das schlimmste an der sache ist, ist, dass der (homosexuelle/transsexuelle/…) mensch völlig unwichtig wird. er/sie wird auf seine absolute privatzone reduziert: sexualität. aber genauso wenig, wie mich die genauen vorlieben meiner nachbarn interessieren, interessieren sie mich bei meinen homosexuellen/transsexuellen freunden. das sind menschen, die ihren platz in meinem herzen verdient haben, weil ich sie lieb habe. und das hat mit ganz vielem zu tun, aber sexualität gehört nicht dazu. sie sind mir wertvolle menschen. punkt. kein heterosexueller würde es ohne weiteres akzeptieren, dass man ihn auf seine schlafzimmeraktivitäten reduziert. warum tun wir (heteros) es dann ganz selbstverständlich bei anderen?

kinder sind von natur aus neugierig und kennen keine grenzen. ich finde es unfair, ihnen welche zu setzen, weil man nicht über den eigenen tellerrand hinaussehen mag, weil man dann akzeptieren müsste, dass die welt keine scheibe ist. kinder sehen sehr lange einfach nur den menschen ohne gesellschaftliche konventionen. ob er nett ist, coole spiele kennt oder mit kindern nichts anfangen kann. wenn etwas von ihrer gewohnten sichtweise abweicht, fragen sie nach. mit einer einfachen antwort ist das „problem“ aus der welt und der mensch rückt wieder zurück in den mittelpunkt. warum soll das in der schule aufhören? kein kind geht daran kaputt, wenn es von vornherein erfährt, dass auch zwei männer/frauen zusammen sein können und einfach glücklich sind, dass auch zwei männer/frauen ein kind haben können oder dass es menschen gibt, die körperliche beeinträchtigungen haben. diese menschen sind da draußen! irgendwann werden auch eure kinder sie sehen, egal, wie sehr ihr sie davor beschützen wollt! aber sie werden sehr viel unbefangener und viel selbstverständlicher damit umgehen, je früher sie davon erfahren. ganz ohne erwähnung von sexualpraktiken oder sowas.

homophobie, angst vor inklusion oder vor allen lebensentwürfen, die der „norm“ widersprechen, ist sooo 50er jahre…aber heilbar.

p.s.: ich setze keineswegs körperliche beeinträchtigungen mit homo/transsexualität gleich. ich finde nur, beide gruppen sind in unserer heterosexuellen, körperlich gesunden (achtung, sarkasmus!) welt unterrepräsentiert.

blogstöckchen…

da passt man einmal nicht auf und schwupps, kriegt man von hinten einen mitm blogstöckchen übergezogen.

ich beantworte das dieses mal wirklich nur, um damit folgende bitte zu verbinden:

tut mir das nicht an. als teenie habe ich begeistert in jedes steckbriefbuch geschrieben und alle fragen beantwortet, hatte selbst eins (handgeschrieben, also alle formulare manuell vorgetragen!). aber die teeniezeit ist lange vorbei.

mir an den kopf geworfen hat das ding der peter g. spandl. und noch was: ich werfe keine stöckchen weiter. call me partypuper.

 

1. Nach welchen Kriterien suchst du morgens dein Outfit aus?

nach lust, laune und etwaigen anlässen.

2. Was ist Deine Lieblingsspeise?

pasta in allen variationen.

3. Welche “erste” Schallplatte, Kassette oder CD hast Du Dir von Deinem Taschengeld gekauft?

new kids on the block, vermute ich mal.

4. Hast du Angst, du könntest eines Tages wegen irgendwas abgemahnt werden, was du in deinem Blog tust oder unterlässt?

nö. die bilder sind meine, ich verlinke selten und ich werbe nicht.

5. Woher kamst du, als du das letzte Mal aus einem Flugzeug geklettert bist?

london, business trip.

6. Welche Musik hörst Du, wenn Du an Deinem Blog schreibst? Oder hörst Du gar keine?

ich höre selten musik zuhause. noch seltener, wenn ich allein bin.

7. Welches Produkt steht schon am längsten in Deinem Kühlschrank? Und wie lange wird es noch dort stehen?

ein geschlossenes glas tahimi. bisher störts da niemanden.

8. Was war für Dich “das” Buch in den letzten 12 Monaten?

„die mondspielerin“ von nina george

9. Fotografiere Deine Socken, die Du JETZT trägst und füge das Bild zu den anderen Antworten.

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10. Was ist der höchste Betrag (für eine Person), den Du jemals für ein Menü im Restaurant ausgegeben hast – und war es das wert?

für ein gemeinsames essen um die 50 euro und ja, es war ein schöner weiberabend.

schlaf, kindchen schaf

ja. richtig. schaf. offenbar halten „uns hier unten“ immer mehr von „denen da oben“ für schafe.

fall edathy:

da wird jemand verdächtigt, sich im grenzbereich zur kinderpornografie angesiedelte fotos/videos gekauft zu haben. der innenminister bekommt das mit und weil gerade koalitionsverhandlungen sind und es einen politiker aus den reihen des anderen koalitionärs betrifft, wird dessen chef benachrichtigt. nicht, dass der nachher einen posten bekommt, von dem er wegen dieser fotos runterfliegt. nicht auszudenken, dieser imageschaden! doch damit nicht genug. diese info wird innerhalb der partei weitergereicht, bis schließlich einer mal beim bka anruft, ob das denn auch so stimme? im dezember verfasst der eventuell zu beschuldigende einen seltsamen beitrag in einer regionalzeitung, dass er sich ändern müsse, weil es äußere zwänge gebe, er das aber gar nicht wolle. anfang januar meldet sich eben dieser krank. kurz, bevor die presse wind von der sache bekommt, legt er sein mandat nieder.

und ich als bürger darf mir nun das possentheater angucken, wie erst der ehemalige innenminister gehen muss, der parteichef aber sofort lospoltert, dass es in SEINER partei aber sicher keine personellen konsequenzen geben werde, nur um dann einen tag später zu verkünden, dass nun der mutmaßlich eventuell zu beschuldigende vermutlich mit einem parteiausschlussverfahren rechnen müsse. während natürlich er, der chef und andere beteiligte in der posse sich menschlich und politisch vertretbar verhalten hätten. währenddessen wiederum ist die erste äußerung des mutmaßlich vielleicht zu beschuldigenden zum fall selbst, dass er sich strafrechtlich korrekt verhalten habe. wenn sich tatsächlich noch bilder/videos finden sollten, dann vermutlich solche, die minderjährige zwar nackt zeigen, aber nicht in sexuell motivierten posen. und egal, wie diese bilder auch immer zustande gekommen sein mögen (heimlich, unter zwang etc.), stellen sie eine rechtliche grauzone dar, die strafrechtlich nicht abgedeckt ist.

wie krank ist eine welt, in der man fotos und videos von fremden, nackten kindern kaufen kann? in der ich mir als elternteil am strand gedanken machen muss, dass eventuell jemand mein nacktes kind fotografiert oder filmt und diese bilder meistbietend im internet an leute verhökert, die sich in dieser grauzone darauf einen abrubbeln?

aber die posse geht ja weiter. ich soll nun also nicht nur brav mit ansehen, wie ein kopf nach dem anderen rollt. nein, ich soll auch glauben, dass das geschwätz drumherum wahr ist. ich soll glauben, dass innerhalb der partei niemand außer den bisher bekannten davon gewusst haben soll. ich soll glauben, dass niemand dem betroffenen etwas gesteckt haben soll. ich soll glauben, dass jemand, der im verdacht steht, sich solche bilder gekauft zu haben, nicht vier monate vorlaufzeit genutzt haben soll, um etwaige härtere bilder von seinen festplatten zu tilgen. und vor allem soll ich glauben, dass all das nichts, aber auch gar nichts mit reinem machterhaltungswillen zu tun hat, mit pöstchenkungelei, mit politischem kalkül. weil: ich bin ja ein dummes schaf, mir kann man ja viel erzählen.

 

fall limburg:

da hat also ein hochwürden massiv gelder veruntreut, um sich sein leben als würdenträger massiv angenehmer zu machen. da wurden millionen verschleudert, die unter anderem auch aus meinem portemonnaie stammen, weil auch meine kirchensteuer als evangelische christin in den topf für die diözese limburg fließt. da gibt es kirchengemeinden beider christlicher ansichten, denen der schimmel die wände wegfrisst oder die soziale angebote einstellen müssen, weil das geld fehlt und hochwürden macht sich nen dicken lenz. und weil das noch nicht genug geld war, hat er sich aus stiftungstöpfen bedient. an geld, dass für bedürftige, kinderreiche familien gesammelt wurde. alles nur für die eigene eitelkeit. macht aber nix. is nicht schlimm. der wird ne weile weggelobt, bis sich die schafe beruhigt haben und dann kehrt er reumütig zurück. entschuldigt sich vielleicht auch und dann sind alle wieder gut miteinander.

was haben sie den neuen papst gefeiert. so bescheiden sei er, so volksnah, fährt sogar bus! hier nun könnte er auf den tisch hauen und seine bescheidenheit von oben nach unten verordnen. aber dafür ist schon jede menge zeit vergangen. er wird es aussitzen. vielleicht kehrt der hochwürden auch nicht zurück nach limburg, vielleicht wird er – natürlich unter beibehalt von gehalt und amtstracht – irgendwo anders eingesetzt.

 

was beiden fällen gemeinsam ist? die unverfrorenheit und selbstverständlichkeit, wie hier mit ämtern umgegangen wird. mit vertrauen. mit geld. und wie selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass wir das alles hinnehmen und schlucken. weil wir es eh nicht ändern können. und das wissen die verursacher. und können entspannt alles aussitzen, sich neu ordnen und weitermachen.

wie an es mich kotzt…

neulich in kopenhagen

szene:

eine kopenhagener familie sitzt am frühstückstisch. nehmen wir der einfachheit halber an: mutter, vater, kind. es ist sonntag morgen und der vater liest die sonntagszeitung.

vater: „du schatz?“

mutter: „ja?“

vater: „klingelt bei dir was, wenn ich den namen ‚marius‘ erwähne?“

mutter: „ich dachte, das hätten wir geklärt?!“

vater: „??? hä?“

mutter: „ach, du meinst also nicht meinen ex?“

vater: „achso. nein. ich sage mal ‚marius‘ und ‚zoo‘.“

kind: „auja, der marius! der is voll süß!“

mutter: „was ist denn jetzt mit ‚marius‘ und ‚zoo‘?“

vater: „naja, der zoo lädt ein. marius gehört in ein zuchtprogramm und ist genetisch uninteressant und soll heute nachmittag…äh…eingeschläfert werden.“

mutter: „was???“

vater: „hier steht, dass alle interessenten herzlich willkommen sind. um 14 uhr gehts los.“

mutter: „das einschläfern?“

vater: „äh…ja. so steht das hier.“

kind: „wie schläfert man denn eine giraffe ein?“

vater: „keine ahnung.“

mutter: „du willst doch da nicht ernsthaft hingehen?“

kind: „hmmm…weiß nicht…“

vater: „ach komm, das wird lustig! wir machen einen ausflug in den zoo!“

mutter: „!!!!“

kind: „???“

vater: „nicht? also kind, du musst schon auch mal lernen, wie das ist mit dem leben und dem tod. und außerdem hast du selbst gesagt, du weißt nicht, wie eine giraffe eingeschläfert wird. da kannst dus lernen.“

kind: „???“

opa schlurft rein: „ich hab das schon mal gesehen. die legen das lieblingsessen der giraffe auf den boden und wenn der kopf unten ist, kommen sie mit nem bolzenschussge…“

mutter: „papa!! ich bitte dich!“

kind: „coool!!! so mit blut und so?“

opa: „äh…ja…sicher.“

kind: „geiel! da gehen wir hin.“

opa: „ich vermute, die werden das tier hinterher an die andern viecher verfüttern. also außer blut gibts auch noch kettensägenmassaker…“

mutter: „PAPA!!!!“

vater und kind im chor: „coooooool!“

 

p.s.: ich verstehe es vollkommen, dass im zuchtprogramm unerwünschte tiere ausgesondert werden. mir ist bewusst, dass raubkatzen kein tofu essen. und ich finde es logisch, wenn ein ausgesondertes tier weiterverwendet wird.

ABER: ich finde es befremdlich, dies öffentlich zu inszenieren. ich finde es befremdlich, dies als bildungsveranstaltung zu deklarieren. und ich finde es äußerst befremdlich, dass es eltern gibt, die meinen, ihre kinder MÜSSEN das mal gesehen haben. meine meinung.

und bei euch so?

die dritte generation

wie ich gestern bei #zdflogin erfuhr, gehöre ich zur dritten generation. das sind die, die zwischen 1975 und 1985 in der ddr geboren wurden.

abgesehen von dieser information bot mir diese sendung zahlreiche argumente dafür, doch endlich mit der glorifizierung der ddr aufzuhören, die uns menschen der dritten generation angeblich innewohnt. schließlich sei die ddr ein unerträglicher unrechtsstaat gewesen, in dem alle menschen in graue lumpen gekleidet sich angstvoll umschauend durch die gegend schlichen.

nun…nein.

nein, ich glorifiziere nichts. auch ich habe schon in der grundschule zu spüren bekommen, was es bedeutet, bei eltern aufzuwachsen, die nicht nur nicht in der SED sind, sondern sogar offen bekennende CDU-mitglieder und dazu auch noch laut systemkritisch. was es bedeutet, sich als kind freiwillig in die christenlehre zu begeben. es bedeutete unter anderem, dass ich als klassenbeste eben keine auszeichnung bekam, sondern die zweitbeste ausgezeichnet wurde, deren eltern systemtreue rotsocken waren. mir ist bewusst, dass ich mit derlei eltern niemals hätte studieren dürfen. oder dass ungefähr in der 10. klasse ein unauffälliger mensch oder gar ein vermeintlicher freund gefragt hätte, ob ich denn nicht für ein studium bereit wäre, gewisse informationen an gewisse leute über gewisse leute weiterzugeben. und mir bei ablehnung gewisse wie auch immer geartete konsequenzen in aussicht gestellt hätte. mir ist bewusst, dass, hätte die ddr die angeblich vorhandenen pläne für lager für dissidenten umgesetzt, meine omma als eine der ersten auf einem transporter gesessen hätte.

all das ist mir bewusst. auch, wenn wir in einer gegend wohnten, in der wir außer dem staatseigenen fernsehen bestenfalls an sonnigen tagen auch mal körniges polnisches tv empfingen, niemals aber westfernsehen.

ich bin in einem system aufgewachsen, das mich von frühester jugend darauf vorbereitet hat, dass ich später meinen beitrag zu ihm würde leisten müssen, wollte ich nicht der allgemeinen ächtung als „asoziale“ anheimfallen. (ja so hieß das wirklich.) nun tut die kinder- und jugendbildung ja heute im grunde nicht viel anderes als genau das: leiste deinen beitrag, dein land braucht dich. nur heißt das system inzwischen anders. hmm. hmmm. wenn ich heute interviews mit gymnasiasten sehe, erschrecke ich mich oft, wie sehr die schon auf kapitalismus-spur sind mit ihren vielleicht 15 oder 16 jahren. ob das nun erstrebenswerter ist, als stramm auf sozialismus-spur zu sein, überlasse ich jedem selbst.

ein weiteres thema war nun in dieser tollen sendung das frauenbild in der ddr. laut den einspielern haben 1989 rund 90% der frauen in der ddr gearbeitet. das war problemlos möglich, weil für (laut zdf) rund 80% der kinder krippenplätze vorhanden waren. krippe, also für säuglinge und kleinstkinder unter 3 jahren. von 6 bis 18 uhr. wenn eine mutter zuhause bleiben wollte, ging das auch. von flächendeckender betreuung in kindergärten (u.a. auch in den betrieben selbst) ganz zu schweigen. abtreibungen waren ohne große schikane möglich. scheidungen waren schnell und preisgünstig vollzogen. frauen waren vollwertige mitglieder der gesellschaft, die schon von kindesbeinen an dazu erzogen wurden, eines tages auf eigenen beinen stehen zu können und von niemandem abhängig zu sein.

natürlich kann man spekulieren, dass die kinderbetreuung in diesem umfang die voraussetzung dafür war, alle arbeitsfähigen menschen ins system und den aufbau des staates zu zwingen. ein gern gewähltes argument gegen diese praxis. und sicher sind kinder in diesem system oft auch die verlierer gewesen. wenn sie nach hause kamen und keiner da war, weil beide eltern arbeiteten. wobei: die meisten schulen hatten auch einen hort, in dem man hausaufgaben erledigen konnte und eben nicht allein war. angeblich gab es signifikant viele bettnässer in der ddr. was dann als zeichen für diese unmenschliche praxis angesehen wird, die armen kinder von der mutterbrust direkt in fremdbetreuung zu übergeben. natürlich ist eine nanny oder ein au pair etwas gaaaanz anderes.

fakt ist: als ich zum ersten mal davon hörte, dass die frauen auf der anderen seite der mauer oft lieber zuhause blieben, um sich der kinderaufzucht und der pflege ihres mannes und des haushaltes zu widmen, war ich fassungslos. mein erster gedanke war: wird denen das nicht langweilig? (wir erinnern uns: 1990 gabs nicht viele tv-sender zur allgemeinen zerstreuung.) als ich anfang der 2000er von meiner damaligen besten freundin, die in tübingen studierte, stories von ihren kommilitonen hörte, die im grunde nur studierten, um eine gute partie abzugreifen und dann nie arbeiten zu müssen, war ich ein weiteres mal fassungslos.

und doch hat sich dieses weltbild über die ehemalige ddr gestülpt. kindergärten wurden geschlossen – was auch daran lag, dass kaum noch kinder geboren wurden, weil die situation so instabil war. der abtreibungsparagraf der ddr wurde zusammen mit ihren restlichen gesetzen in die ewigen jagdgründe geschickt. scheidungen sind heute langwierig und teuer, auch, weil es hier um unterhaltsansprüche geht, was in der ddr aufgrund der beschäftigung nahezu aller frauen wegfiel. andrea kiewel sagte gestern in einem einspieler sinngemäß, dass die ddr mit ihrem frauenbild dem rest der welt um etwa 10 jahre voraus war. mit der wende mussten diese frauen (und auch die gerade heranwachsenden) sich plötzlich mit problemen beschäftigen, die tief in ihre persönlichen entscheidungen eingreifen (s. abtreibungen). entscheidungen, die sie immer allein treffen konnten und auch mussten. plötzlich gab es leute, die da mitreden wollten und noch mehr: ihnen sagten, was sie zu tun haben, was sie dürfen und was nicht.

es kamen menschen, die uns im osten erklärten, was für bedauernswerte würstchen wir doch seien nach 40 jahren knechtschaft.

wir? bedauernswert? wann genau hat ein anderes volk dieser welt sein regime gestürzt, ohne dass es zu blutigen aufständen kam? ohne, dass schüsse gefallen sind? einfach dadurch, dass es sich wieder und wieder und in immer größerer zahl versammelte? sind wir, die wir diese „knechtschaft“ beendeten, nun die opfer? offenbar ja. im osten ist die arbeitslosigkeit höher und die löhne auch 25 jahre nach der wende noch niedriger. (kommt mir jetzt nicht mit dem soli, den zahlen wir auch.)

achja, dem ganzen die krone aufgesetzt hat eigentlich die forderung, die symbole der ddr, die heute als souvenirs verkauft werden, sollten wie die nazi-symbole verboten werden. nun, es gibt einen entscheidenden unterschied zwischen der nazi-diktatur und der ddr-diktatur: erstere wurde nach 6 jahren blutigem krieg von den alliierten zerschlagen, letztere vom volk selbst. die symbole der nazis stehen für millionenfachen mord an unschuldigen, die symbole der ddr stehen für ein system, das durch sein eigenes volk ad absurdum geführt und abgesetzt wurde. wenn ein speckiges t-shirt und ein hipsterbart ironisch sind, ist es ein honecker-bild heute allemal.

wie auch immer es andere sehen mögen: ich bin dankbar für meine behütete kindheit in der ddr. dass ich erst mit 13 erfuhr, dass man vom küssen nicht schwanger wird und mir auch erst da langsam der tatsache meines weiblichen körpers bewusst wurde, hat mir nicht geschadet. ich bin aber auch dankbar dafür, dass ich wegen der wende gar nicht an den punkt kam, mich eingesperrt zu fühlen. in einem alter, wo man neugierig auf die welt wird, konnte ich es sein und ausleben, die welt entdecken und reisen, wohin ich wollte. ich bin dankbar dafür, dass ich wegen der wende studieren konnte und als melkerin in der lpg arbeiten muss. ich bin dankbar für beide seiten, weil beide seiten ihr gutes haben.

wie sehr ihr das? wie habt ihr es erlebt?

jahresendgedöns

eigentlich schreibe ich meinen jahresabschluss ja immer vor weihnachten. da das aber meine regel ist, darf ich sie auch brechen.

dieses jahr war…lang und unglaublich kurz, hart und unglaublich weich, traurig und unglaublich glücklich. es war voller ereignisse, obwohl es gefühlt so vor sich hinplätscherte. es war voller menschen, auch wenn ich mich oft allein fühlte. es war voller tränen, tränen der rührung, der trauer, der verbitterung. es war voller liebe, liebe zu menschen, die mir ans herz gewachsen sind und auch zu menschen, die ich schon ewig kenne und trotzdem jetzt erst besser kennenlernte.

neue menschen kamen, alte gingen. freunde kamen und gingen, viele blieben, manche wurden herzfamilie. zu diesen menschen gehören ganz sicher @nsimn, @herrvanbohm und @onrie, aber auch @bittersuesss und @littlejamie. noch immer bin ich wieder und wieder überrascht und überwältigt von „meinen“ menschen bei twitter, von euch allen, ihr herzchen.

ein grund, warum ich dieses jahr nicht vor weihnachten auf das jahr zurückblickte, war das jahr selbst. und mein verhältnis zu weihnachten. als mein großvater noch zu weihnachten zuhause weilte, war weihnachten die hölle. die aussicht auf drei tage voller kommunikativer tretminen, unausgesprochener vorwürfe und verbitterung ließ mich schon im vorfeld rheuma bekommen. ich habe den advent immer geliebt, aber weihnachten gehasst. den höhepunkt dieses hasses zeichnet das jahr 2005, als ich pünktlich um 20.15 wieder in meiner wohnung war und den grinch guckte. passender ging es nicht. allerdings war das auch das jahr, als eine damalige gute freundin mich um 22.00 aus meinem elend in meine stammkneipe zerrte und ich feststellte: nach dem offiziellen programm gibts hier echte besinnlichkeit und ja…auch alkohol. (ich bin in einem haushalt aufgewachsen, in dem ich noch heute, mit 35 jahren, schief angeguckt werde, wenn ich nur über alkohol rede.)

in den letzten beiden jahren waren omma und ich allein. was bedeutete: ich konnte in die kirche gehen, ohne den großvater, der die zeiten der fahrten hin und zurück immer nutzte, um stimmung gegen seine frau zu machen. was drei jahre in folge dazu führte, dass ich den gottesdienst „verschlief“ und nicht hinfuhr, weil ich keine lust darauf hatte. in diesen letzten beiden jahren habe ich meinen frieden gemacht mit diesem familienfest. und in diesem jahr habe ich mich sogar darauf gefreut. denn der großvater ist nicht mehr und mit ihm sind die ewigen unausgesprochenen fragen und verletzungen gegangen, kein damoklesschwert schwebte mehr im wohnzimmer. im letzten jahr hatte omma beschlossen, dass ein weihnachtsbaum für die paar tage albern ist, dieses jahr bestand ich darauf und sie freute sich über meine freude daran und stellte fest: „es ist wirklich gemütlicher mit baum.“ überhaupt hat dieses jahr uns beide wieder ganz eng zusammengeschweißt. es gab ein paar streits, es gab aber auch meinen zusammenbruch im oktober, als ich zum ersten mal seit meinem auszug das bedürfnis hatte, nach hause zu fahren, um dort ruhe zu finden. und omma hat mir grießpudding gekocht. wie damals als kind, wenn ich traurig war. oder als teenie, wenn ich liebeskummer hatte.

und überhaupt: es war mein weihnachten. ruhig (okay, etwas sehr ruhig 😉 ), mit baum, gottesdienst und schweizer käseauflauf (traditionell seit meiner kindheit, war mal ein rezept in einer birkelpackung, die im westpaket mitkam). mein pfarrer, andreas schorlemmer, der bruder vom leipziger schorlemmer der die wende anstieß, schaute mich bei der predigt immer wieder an und vielleicht hat er mir auch zugezwinkert. in der predigt ging es um familie, irgendwie trifft er immer genau das thema, das mich gerade umtreibt. nach dem gottesdienst nahm er mich in den arm und sagte „ach, meine liebe rachel, es ist so schön, dass du da bist!“. und zack: weihnachten! 🙂 nach der bescherung und dem essen ab in die stadt, endlich (gedrosseltes, aber im gegensatz zu edge superschnelles) internet und alkohol genießen. wenn man am 25.12. keinen kater hat, wars genauso wenig weihnachten als wenn die hose nicht kneift nach den feiertagen. und als ich am 26.12. nach hause fuhr, in meine höhle mit wlan und meiner mieze, wollte ein teil von mir noch gar nicht weg. hätte ich auch nie gedacht.

und nun? was kommt jetzt?

erstmal silvester.

und am 6.1.2014 hat mein freiberuflerdasein endlich ein ende. ich fange einen spießigen job im öffentlichen dienst an. und ich freu mich drauf, endlich mal wieder was über die nächsten 3 tage hinaus planen zu können.

 

ich hoffe, ihr flauschnasen hattet ein tolles weihnachtsfest und ich wünsche euch ein großartiges, wundervolles, träume erfüllendes jahr 2014.

„und wenn auch mal eine träne rinnt – mach, dass es freudentränen sind!“ (muppets weihnachtsgeschichte)

ich drück euch!

vertrauter fremder

„ich würde dich so gern noch einmal sehen.“ deine stimme ist schwach, man hört durchs telefon, wie schwer dir das sprechen fällt. ich schlucke und sage „ja.“. keine versprechungen, die ich nicht halten werde. „ich denke an dich und ich liebe dich“, sagst du mit etwas festerer stimme. ich sage „ja“. keine versicherung, dass es bei mir genauso ist. keine lügen. auch einen sterbenden lüge ich nicht an.

du bist auf deinem weg. ich rechne jeden moment mit dem anruf, dass du ihn zu ende gegangen bist und es vorbei ist. und ich horche in mich hinein, was ich dabei fühle. du bist immerhin das, was einer vaterfigur in meinem leben am nächsten kommt. doch sollte ich dir für diese rolle ein zeugnis schreiben, liefe es auf „er hat sich stets bemüht“ hinaus.

ich versuche in mir erinnerungen zu finden, die mich nicht verbittert und enttäuscht zurückblicken lassen. und finde nur sehr wenige, kleine schätze. wie die geschichten, die du mir erzählt hast, als ich noch ganz klein war. vor dem mittagsschlaf oder in der badewanne. oder im thermalbecken in szeged, nachdem mir mit 8 jahren die trommelfelle durchgestochen wurden und ich nicht mehr richtig plantschen durfte. da hast du dich mit mir ins warme becken gesetzt, ich bis zum kinn auf der bank im wasser, du bis zur brust und hast mir wüste mixturen aus sindbad, odysseus und eigenen märchen erzählt. und ich sehe dich bei einem urlaub auf usedom, als wir abends zu dritt spazierengingen. einer der wenigen echten familienmomente. moment…es war kein urlaub, du hast dort 4 wochen als zeltplatzarzt gearbeitet und nur abends hatten wir ein wenig zeit zu dritt und gingen eben ab und zu spazieren. da kam eine blindschleiche über den weg und du hast einen irren hopser gemacht, als wäre es eine giftige viper, wir haben alle gelacht. oder die fahrradtouren, die wir gemacht haben, als ich noch klein war. oder die seltenen spaziergänge mit dem ersten boxer, den wir hatten. und sogar deine feuchten augen, als wir cally beerdigt haben und wir gemeinsam vor dem kofferraum mit dem toten hund darin standen. es sind ganz wenige kleine lichtpunkte in einem meer aus schlechten gefühlen, zurückweisung, enttäuschung, forderungen und verbitterung.

ich würde mir wünschen, dass ich mehr hätte, auf das ich zurückblicken kann, wenn du nicht mehr bist. mehr von diesen kleinoden, die mich als kind sehr glücklich gemacht haben. aber da ist nichts.

ich würde mir wünschen, sagen zu können, dass du mich auf einen guten weg gebracht hast, mich bestärkt und unterstützt hast, wie es ein vater eben tut. aber das hast du nicht.

ich würde mir wünschen, dass es mir leid tut, dich nicht mehr gesehen zu haben vor deinem tod. aber da ist nur ein ganz kleines flackern.

ich würde mir wünschen, mitleid mit dir zu haben, weil du stirbst, ohne deine frau und deine kinder nochmal gesehen zu haben. aber es war deine wahl und darum sind sie nicht da.

ich würde mir wünschen, sagen zu können, dass ich dich liebe und vermissen werde. aber das kann ich nicht.

 

ich wünsche dir eine friedliche und kurze reise ohne viele schmerzen. ich wünsche dir, dass du gut ankommst und es dir dort besser geht. das wünsche ich dir vom ganzen herzen.

deine tochter

ärger im paradies

„du, sage mal, karl-heinz, ich hab hier ne beschwerde vorliegen. von einer … rachel lindenbaum…wer isn für die zuständig?“

„na der kevin-justin.“

„die nulpe? na kein wunder…“

„wieso? was reklamiert sie denn?“

„oktober 2012 bis september 2013.“

„oha.“

„sag mal, karl-heinz, bis oktober 2012 war doch da noch ne fachkraft auf der stelle?“

„ja, aber der war zu teuer. fachkraft halt. da ham wir dann den praktikanten kevin-justin eingestellt. und den nach nem halben jahr für lau zum trainee erklärt. auf 400-wolken-basis.“

„400 wolken bekommt der? seit nem halben jahr? wo wohnt der denn, dasser nicht aufmuckt?“

„der hat wohl ein kleines wg-zimmer in wolkenkuckucksheim. aber er meinte, er würde sehr gern für 400 wolken arbeiten, wegen der referenz.“

„hmm. hmmm. naja, aber fakt ist, dass die lindenbaum jetzt so richtig sauer ist. was ist denn da schiefgelaufen?“

„naja. der kevin-justin hat der wohl ein paarmal richtig hoffnungen gemacht, die er dann nicht einhalten konnte. unsichere projekte, jobabsagen etc.. du weißt ja, die fixen das nie, die billigarbeiter. die sind froh, wenn sie überhaupt was vorweisen können abends. wegen der statistik. damit sie ihren job behalten. ich mein, guck mal raus, da stehen 130 andere, die für null wolken arbeiten würden.“

„und das ist jetzt deine erklärung oder wie? warum sitzt denn der fachmann da nicht mehr?“

„na wir haben doch die neue kaffee-espresso-mega-superduper-maschine gekauft und alle mit diesen birnenrechnern ausgestattet und das büro hier in den elfenbeinturm verlegt. irgendwo müssen wir sparen.“

„am kunden? die lindenbaum sitzt gerade heulend in ihrer wohnung!“

„nee, am personal…aber…hmmm…stimmt…dann irgendwie ja auch am kunden.“

„so karl-heinz. jetzt passe ma uff. der kevin-justin wird jetzt zur kopier- und datenbank-fachkraft ausgebildet. für volles gehalt. und für die rachel lindenbaum bist du ab heute zuständig und besorgst ihr einen vernünftigen job und eine perspektive!“

„aber chef…“

„nix aber! los gehts! glaubst du, ich hab lust, die irgendwann zusammenzukratzen und aufzubauen und das dem chef zu erklären? also. los jetzt!“

„na gut….“

 

 

p.s.: sollte sich jemand angesprochen fühlen (auch, wenn er nicht karl-heinz heißt) möge er sich gern bei mir melden: rachel[ät]rachellindenbaum.de)

 

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