rück- und ausblick

das jahr neigt sich in riesenschritten dem ende zu und irgendwie machen alle jetzt ein resümé des jahres, ziehen bilanz und planen für das neue jahr. nun, mir geht es ähnlich, war dies doch ein sehr bewegtes und aufregendes jahr mit vielen bergen und tälern.

und zum ersten mal seit jahren werde ich silvester nicht um mitternacht sagen: prost neujahr, es kann nur besser werden. sondern wahrscheinlich eher: es kann nur ruhiger werden. was mir in diesem jahr alles passiert ist, haben manche in zehn jahren leben nicht.

es begann mit meinem schritt in die selbstständigkeit. nach der kündigung meiner alten firma im vergangenen dezember setzte ich mich zuhause hin und überlegte hin und her. die medienbranche ist so überlaufen, dass man, selbst wenn man das glück hat, eine der sehr raren festanstellungen zu ergattern, davon kaum leben kann. wenn ich etwas aus meiner zeit in der redaktion dieses start-ups mitgenommen hatte, dann die gewissheit, dass ich gut bin, verdammt gut sogar. denn mit meinem eintritt in die zweifrauredaktion gingen die leserzahlen um das doppelte in die höhe, die qualität der artikel wurde merklich besser und meine artikel waren mit abstand die beliebtesten. außerdem habe ich dank des mobbings durch einen der vier geschäftsführer für mich erkannt, wo meine psychischen grenzen sind. keine schöne grenzerfahrung, aber immerhin weiß ich jetzt, was ich ab kann und was nicht. es war mir übrigens ein inneres licht zu sehen, wie die qualität der texte direkt mit meinem ausstieg um lichtjahre absackte. und ja, da bin ich unbescheiden. inzwischen tauchen die ehemals regelmäßig in den google-news erschienenen artikel nicht mehr oder nur bei dezidierter suche im netz auf. ha!

am tag meiner kündigung also ging ich nach hause, räumte mein xing-profil auf, aktivierte alte kontakte und machte erste treffen aus. schnell stellte sich heraus: selbstständigkeit kommt im ranking vor bewerben. schon bevor ich gegründet war, war ich ausgebucht. trotzdem zog sich die gründung noch bis februar hin. dann aber…

der zweite große schritt war der umzug. nach zwei jahren, in denen ich mich jeden tag darüber geärgert habe, dass ich diese wohnung genommen hatte, weil sie 50 euro billiger gewesen war als mein damaliger favorit, fand ich meine traumwohnung: direkt am wasser, mit balkon, großzügig geschnitten und vor allem zum ersten mal in meinem leben mit getrennten bereichen. ein schlafzimmer, ein wohnzimmer, ein arbeitsbereich. wunderschön gelegen und für die lage und größe wirklich nicht teuer. zumal ich zu diesem zeitpunkt sehr gut verdiente.

kundenfluktuation gibts immer und so trennte ich mich von einem kunden, der mich über den tisch ziehen wollte. dafür kam ein anderer. und so ging es super weiter – bis zum mai. an einem tag mitte mai flatterte eine email in mein privates postfach von einem namen, der mir fremd und doch bekannt vorkam. nach einigem überlegen kam ich dahinter, dass es nur mein bruder sein konnte. ich bin wegen “familiärer probleme” bei meinen großeltern aufgewachsen, meinen bruder sah ich das letzte mal mit 6 jahren, meine mutter zu meiner einschulung. und mit einem schlag stand sie da, meine schattenfamilie. mein bruder, meine schwester und vor allem meine mutter. und mit ihnen all die verborgenen und versteckten gefühle, alte wunden und verletzungen. trotzdem sehe ich dieses ereignis sehr positiv. mit meiner schwester, die ich kaum kannte, und meinem bruder habe ich mehrfach telefoniert und treffen sind geplant. meine mutter ist ein kapitel, das auf einem anderen blatt steht. und das ereignis an sich hat mich gezwungen, endlich die längst fällige therapie zu machen, die schon vor jahren hätte stattfinden sollen.

und so sehr mich das aus der bahn geworfen hat – und das hat es – ich habe mich durchgebissen und ich kämpfe weiter für meinen weg zurück ins leben und vor allem ins geschäftsleben. wenn ich sagen würde, es ist leicht, wäre es gelogen. aber dieses jahr hat mich nicht nur an die grenzen gebracht und zwar in jedem möglichen sinne. ich war ganz unten, sowohl psychisch als auch finanziell, ich war ganz oben, auch in jedem sinne. es hat mich auch dazu befähigt, endlich meine jahrzehntealte fassade zu zerbrechen. ich bin endlich ich, so wie ich immer hinter der fassade war. neu ist die verletzlichkeit, die viele von mir nicht kennen. auch, dass ich nicht mehr jede party mitnehme und plötzlich nicht mehr immer gut drauf bin, ist für viele neu. aber ich bekomme von vielen seiten zu hören, dass dieses “neue” ich, dass eigentlich ja immer da war, weicher und angenehmer ist als das alte. manchmal erkenne ich mich selbst nicht wieder. vor allem, wenn ich unsicher bin. früher war es kein problem, das zu überspielen, aber heute wird es eben direkt bearbeitet. ungewohnt, neu, aber es fühlt sich gut an. ich höre wieder mehr auf mich und nehme mir die ruhe, wenn ich sie brauche, auch auf die gefahr hin, andere damit vor den kopf zu stoßen. das habe ich 31 jahre lang nicht gemacht.

“und privat?” geiern jetzt alle… nun, das jahr begann mit einer liebelei, von der ich mir gewünscht hätte, dass mehr daraus wird. leider hat es nicht sollen sein. es hat einfach nicht gepasst, vielleicht war ich auch zu verkopft. die jahresmitte war das endgültige ende einer langen liebe, die nie eine liebe sein durfte. und doch wusste jeder, dass es sie gab. doch es kam die erkenntnis, nach 2,5 jahren abstand mit nur seltenen treffen, dass er sich nie ändern wird, ich aber weiter gegangen bin. also habe ich ihn zurückgelassen. und da steht er jetzt immer noch, ein wenig verdutzt und er wird spätestens zu weihnachten noch mehr staunen, wenn er sieht, was aus mir geworden ist.

denn im gegensatz zu ihm bin ich glücklich. und ja, auch (puh, anlauf nehmen, tief durchatmen…) verliebt. zum ersten mal richtig seit acht jahren. es fühlt sich verdammt gut an, verdammt richtig. und egal, was daraus wird, in jedem fall bleibt mir die erinnerung, dass ich dadurch meine gefühle wieder gefunden habe. echte gefühle, nicht gespielte, nicht gewollte oder von mir selbst abverlangte. sondern einfach so, gefühle, die mich wie ein warmer sommerregen überrascht und glücklich gemacht haben. dafür bin ich sehr dankbar.

ja, es war ein gutes jahr. und bei euch so?

2 Responses

  1. Artemisia Says:

    Alles Gute für das kommende Jahr wünscht Dir Deine treue Leserin !
    Natürlich auch eine schöne Weihnachtszeit, beruflichen Erfolg und natürlich auch Glück in der Liebe….

  2. rachel Says:

    vielen dank, meine liebe. und ich freue mich, dass du schon so lange treu mitliest!

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