wie weit sollte zivilcourage gehen?

vor nicht einmal einer stunde stellte ich via twitter meinen follower die frage, wie lange sie warten würden, bevor sie beim verdacht auf häusliche gewalt die polizei einschalten würden.  drüben brüllte und knallte es, eine weinende und schreiende stimme war zu hören. meine nachbarn sind des öfteren laut und vorsichtig ausgedrückt temperamentvoll, doch solche geräusche waren mir neu.

um es kurz zu machen: ich habe nichts unternommen. und ich fühle mich nicht gut dabei. ich hatte angst vor dem jähzornigen vater, der den ganzen tag seine familie zusammenbrüllt und sie fest unter der knute hat. die idee, dort rüber zu gehen und zu klingeln, zu fragen, ob alles in ordnung ist, kam mir auch, aber sie machte mir angst. weil ich nicht wusste, wie er reagieren würde. der mann wiegt das doppelte von mir und ist gut einen kopf größer. das @eulenei hat dabei einen entscheidenden beitrag zu meinem jetzt schlechten gewissen geleistet: „klingel! mit ner leeren tasse in der hand..und frag nach zucker! ich hab mir das oft selber gewünscht!!“ autsch. der hat gesessen.

und es erinnerte mich an meine nachbarn damals im studium. eine frau etwa anfang mitte 30, mit einer tochter, die etwa acht war, als ich einzog. nachts konnte ich hören, wie der lebensgefährte die frau vermöbelte und sie gegen möbel knallte, tagsüber machte sie das gleiche mit ihrer tochter. diese ging vor der schule in einen kindergarten, in dem eine bekannte von mir arbeitete. diese erzählte mir, dass das kind schon damals blaue flecken gehabt hätte und freimütig erzählt hatte, dass papa immer mit dem handfeger zuschlägt…

die attacken auf die tochter wurden zudem „gewürzt“ mit übelsten beschimpfungen des mädchens, von denen „was glaubst du eigentlich, wer dich braucht, du dumme kuh?“ noch eine der harmloseren war. damals habe ich eingegriffen. ich habe den kinderschutzbund angerufen und sie in einem brief darüber informiert. das jugendamt war schon mehrfach bei ihnen gewesen, weil es sich jedoch immer monate vorher ankündigte, konnte es auch nichts feststellen. außerdem bot ich ihr auch meine hilfe an. alles schriftlich, geklingelt habe ich nicht bei ihr. zumindest nicht deswegen.

mir tat das kind leid. niemand hat es verdient, so behandelt zu werden. und kinder schon gar nicht, weil sie sich nicht wehren können und es unglaublich feige ist, seine wut an und hilflosigkeit an ihnen auszulassen. nach meinem damaligen brief war übrigens tatsächlich ruhe in der nachbarwohnung und ich konnte mindestens keine körperliche gewalt mehr hören.

bei diesen nachbarn aber? ich kenne die leute kaum, weiß nicht einmal, wie viele menschen dort nun wirklich gerade in der wohnung sind. dem krach und der häufigkeit des türenknallens nach zu urteilen etwa 10 (in einer 2-raumwohnung). das, was ich von ihnen kenne, lässt mich wissen, dass ich sie nicht mag. sie sind klassische sozialschmarotzer, haben in berlin mindestens vier wohnungen, die vom amt bezahlt werden und ziehen von wohnung zu wohnung, je nachdem, wo das amt gerade die stromschulden beglichen hat. ob die kinder in die schule gehen, wage ich zu bezweifeln und sie erfüllen insgesamt das stereotyp des zigeuners in seiner schlechtesten bedeutung. es sind unangenehme menschen, die der vermieter nicht los wird, weil es keine handhabe gibt und die miete bezahlt wird.

aber auch menschen, die man kaum kennt und die man nicht mag, haben es nicht verdient, vermöbelt zu werden. ich hätte zum hauswart gehen können und mit ihm zusammen zu ihnen. ich hätte die polizei rufen können. ich hätte selbst rübergehen können. ich hätte… ich habe aber nicht. ich hatte angst. auch davor, dass der nachbar dann seinerseits anfängt, mit mir einen krieg zu beginnen. wie lange meine wohnungstür ihm standhalten würde? nicht lange, fürchte ich.

warum schreibe ich das alles? will ich eure absolution? will ich eure bestätigung? will ich, dass ihr auf mich einprügelt? ich weiß es nicht. ich glaube, ich suche nach einem lösungsweg, der sich mir noch nicht erschließt. vielleicht habt ihr ja noch ideen. und ansonsten ist das schlachtfeld hiermit eröffnet…

p.s.: übrigens ist jetzt wieder absolute ruhe da drüben…

7 Responses

  1. @nsimn Says:

    hey, danke für deinen text.
    ich kann nur sagen: geht mir genau so.
    ich hätte auch schiss. schiss vor den sicher zu erwartenden auswirkungen auf die eigene sicherheit.
    aber wenn es noch mal vorkommen sollte, würde ich die polizei anrufen… geht ja auch anonym… damit da jemand „stört“… dich nicht selbst zuerkennen geben.
    ich kenne sowas zum glück nur vom hören-sagen… aber deine gefühle sind absolut nachvollziehbar…
    good luck!

  2. rachel Says:

    naja, anonym ist ja relativ, wenn die polizei kommt und sagt „einer Ihrer nachbarn…“ das ist auch eine meiner überlegungen.

  3. doppelfish Says:

    gna. häusliche gewalt. blöd.

    ich würde warten, bis der lärm das nächste mal einen gewissen pegel übersteigt, und dann flink zum telefon rennen. wegen lärmbelästigung, und wer weiss denn schon, daß das ’ne familieninterne sache ist? vielleicht macht ein besucher rabatz? oder ein eindringling?

    ruf die freunde-und-helfer bei der nächsten gelegenheit, wegen lärm und gewalt. mehr braucht man nicht. die werden schon selber rauskriegen, woher der lärm kam.

    finde ich.

  4. Oliver Says:

    Anonyme Anzeige per Brief und Sachverhalt schildern. Die müssen sowas nachgehen.

    Alternativ von einer Telefonzelle mal die Polizei anrufen und fragen was die Dir vorschlagen.

    Viel Erfolg

  5. Artemisia Says:

    auf gar keinen Fall nichts tun –
    diese Täter müssen wissen, daß sie nicht unbeobachtet sind – und die Opfer werden es Dir danken.
    Aber sicher muß sich niemand selbst in Gefahr bringen!

  6. sandra Says:

    das mit dem nicht rübergehen kann ich verstehen,aber es gibt schon möglichkeiten dagegen vorzugehen.
    wenn ihr doch mehrere nachbarn im haus seit, warum schließt man sich dann nicht zusammen, versucht da mal erstmal dagegen vorzugehen??!! vermieter fragen??? das problem in deutschland ist doch , dass alle wegschauen und keiner wirklich helfen will! ich möchte nicht in einer situation stecken wo mir gewalt wiederfährt und keiner hilft!!!!

  7. Anni Says:

    Das – höchstwahrscheinliche – Opfer bei nächster Gelegenheit alleine fragen, ob sie Hilfe braucht. Telefonnummern von Frauenhaus & so auf einem Zettel bereithalten und ihr geben.

    Manchmal dauerts länger, manchmal kürzer – aber sie weiß, dass da jemand ist.

    Auf keinen Fall nichts tun!

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