und plötzlich trägst du eine burka

neukölln ist ein schmelztiegel, sagt man. so ganz stimmt das nicht. im grunde ist neukölln aufgeteilt. in klein-türkei, klein-arabien, klein-bulgarien und so weiter. in bestimmten gegenden leben von bestimmten volksgruppen gehäuft menschen. und auch, wenn sich das ganze mittlerweile ein wenig verschiebt und vermischt, ist doch die grundstruktur noch erkennbar. ich bin damals nach neukölln gezogen, weil ich wenig geld zur verfügung hatte und die günstigsten wohnungen mit trotzdem günstiger verkehrsanbindung nun einmal in neukölln sind. ich mag mein neukölln. es ist bunt, es ist divers und es wird nie langweilig. ich habe hier (fast) alles, was ich in mitte auch finde, nur sind es eben eventuell keine gucci-schuhe, sondern die preisgünstige variante.

in meinem alten kiez habe ich mich meistens sehr unbefangen bewegt. es gab kaum situationen, in denen ich mich unwohl gefühlt hätte. sicher saßen auch dort manchmal die herren der migrantenschöpfung auf der straße, aber sie guckten nur kurz. sicher war ich ein weltwunder dort, weil ich als eine der wenigen frauen ohne kopftuch und im sommer mit shorts unterwegs war. mit der zeit wohnten jedoch immer mehr studenten in meinem kiez, so dass sich das auch änderte. dann bin ich umgezogen und in meinem neuen kiez falle ich mit meinem „lästerlichen“ deutschen lebensstil überhaupt nicht mehr auf. niemand guckt oder starrt mich gar an und sabbert auf den boden. überhaupt habe ich mich in neukölln nie wirklich gefürchtet, habe nie befürchtet, dass mir etwas passieren würde. ich bin nachts über den hermannplatz gegangen und durch die straßen gelaufen, ohne mir auch nur einen gedanken darüber zu machen. früher, als ich noch berlinbesucher und nicht bewohner war, fand ich die cafès, die die ganze nacht offen sind, immer sehr beruhigend. weil ich mir dachte: es ist immer jemand in der nähe. du bist nicht allein auf der straße. doch das war auch kreuzberg.

ich weiß nicht, ob sich neukölln einfach in den vergangenen zehn jahren massiv verändert hat. dafür bin ich mit meinen drei jahren einfach nicht lange genug berlinerin. ich war nie rassistisch veranlagt und respektiere jeden menschen und seine kultur. zumindest solange er nicht versucht, mich dazu zu bewegen, seinen weg zu gehen, denn das tue ich auch nicht. ich interessiere mich für andere religionen und respektiere sie. und schon sind wir auf dem weg. neukölln -> islam -> frauen -> kopftücher -> ganzkörperverhüllung. in der letzten zeit fallen mir gehäuft frauen auf, die nicht nur kopftuch tragen, sondern hidschab, also eine ganzkörperbedeckung. werden frauen dazu befragt, warum sie eine kopf- oder körperverhüllung tragen, sagen sie oft, dass sie sich so einfach wohler fühlen. eine jemenitische bekannte von mir, die immer kopftuch trug, trug aus gewohntheit sogar zuhause ein tuch lose über ihr haar gelegt. auch sie meinte, dass sie sich einfach wohler fühle mit kopftuch. ich habe mich immer im stillen gefragt, wie man beispielsweise bei der hitze der letzten zeit in so einem kopftuch überlebt, ohne zu hyperventilieren. außerdem ist für mich als westliche frau das unverhüllte haar nun nicht das nonplusultra der sexyness. zumal es sehr viele kopftuchträgerinnen gibt, die sich das gesicht anmalen, als hätten sie einen nächtlichen nebenjob im rotlichtgewerbe und zum kopftuch klamotten tragen, die diese vermutung ebenfalls nahelegen. aber davon abgesehen.

mein freund ist neuköllner. er stammt selbst aus „diesem“ kulturkreis, dem man immer eine gewisse rückwärtsgewandheit nachsagt. und ich gebe zu, dass am anfang unserer beziehung auch ich alle vorurteile abgespult habe. aber ich bemerkte auch ziemlich schnell, dass er anders ist. er ist nicht hier geboren, nicht hier aufgewachsen, stammt aus gutem hause und ist gebildet. das ist der unterschied zu einem großteil der hier in berlin lebenden migranten, woher auch immer sie kommen mögen. nun wohnt mein freund aber in einer gegend, die nicht wirklich so entspannt ist, wie ich das bisher gewohnt war. zwischen hermannstraße und karl-marx-straße ist neukölln alles andere als integriert. hier sieht es abends auf der straße aus, wie man es von bildern aus dem tiefsten anatolien kennt. vor dem so genannten integrationszentrum sitzen vornehmlich männer (eigentlich habe ich da noch nie frauen gesehen) und diese männer sehen alles andere als integrationswillig aus. gehe ich nun als deutsche frau mit knielangem rock und tanktop die straße entlang, werde ich nicht nur angestarrt mit einer begierde, die mir angst macht. ich werde auch angesprochen. offen und unverhohlen mit dem hintergedanken: deutsche frauen treibens doch mit jedem, also probier ichs auch mal. selbst, wenn ich im schlabbershirt am sonntag mittag die straße entlang gehe, ernte ich solche blicke. und jetzt verstehe ich, warum komplett verhüllte frauen sagen, sie fühlen sich so wohler. denn ich fühle mich zum teil so unwohl in dieser straße, dass ich mir eine burka überwerfen möchte.

5 Responses

  1. Ensa Says:

    Ich fänd’s echt spannend, mal auszuprobieren, wie man sich so verschleiert fühlt, bzw. wie man den Unterschied zu unverschleiert empfindet.

  2. rachel Says:

    in der tat. ich persönlich staune immer nicht schlecht, wenn im supermarkt vor mir eine verschleierte frau steht und plötzlich sieht man ihre blauen augen und hört, dass sie deutsche ist.

  3. Ensa Says:

    Ich war das aber noch nie. Ehrlich nicht!

  4. rachel Says:

    🙂

  5. Susa Says:

    Das macht mir echt Angst um unsere freiheitlichen Rechte. Ich will nicht, dass es solche Enklaven der Engstirnigkeit und männlichen Arroganz in unserem Land gibt. Ich will nicht, dass es das IRGENDWO auf der Welt gibt, aber nur in diesem Land darf ich mich da guten Gewissens einmischen und sagen: Das gehört nicht hier her! Oder?

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