alles integration oder was?

wenn es ein wort des sommers oder der woche gäbe: es wäre wohl judengen oder kopftuchtürkin. unser aller thilo sarazzin hat sich mal wieder gewohnt markig zu wort gemeldet und ordentlich wind gemacht. und ich frage mich, ob es nur mir so geht, dass ich im stillen denke, dass er mit manchem gar nicht so falsch liegt?

auweia, jetzt hab ich ja was geäußert… aber sehen wir es mal so. dass deutschland ein problem mit seinen migranten hat, ist nicht neu. bis heute weigert sich die obrigkeit, dieses land „einwanderungsland“ zu nennen. nach dem krieg, im wirtschaftswunder, wurden arbeiter gebraucht, also wurden sie angeworben. soweit, so gut. dass diese gastarbeiter unter umständen gearbeitet haben wie heute nur noch zeitarbeiter (ich war auch mal einer), lassen wir mal aus. aber zum damaligen zeitpunkt ging man selbstverständlich davon aus, „die gehen schon wieder zurück irgendwann“. und für die demographische entwicklung passte es damals auch ganz gut. also bot man das konzept der „familienzusammenführung“ an. holt frauen und kinder, onkel und tanten und lasst sie teilhaben. die kinder werden groß und arbeiten dann für unsere rente und dass frauen arbeiteten, war damals eh verpönt.

im zuge dieser familienzusammenführungen wurde der wohnraum knapp. nennt mich verallgemeinernd, aber die südländische familie ist nun einmal größer als die deutsche. also wurden neue häuser gebaut, gastarbeiterviertel entstanden. in diesen vierteln entwickelte sich schnell eine parallelgesellschaft. man musste hier nicht die landessprache können, um sein leben zu bestreiten. das passte ganz gut, denn die frauen wurden eh gern kurz gehalten und sollten gar nicht soviel lernen. wissen macht ja unabhängig. aber das ist ein anderes blatt. auch die kinder wuchsen in einer blase auf, die erst in der schule platzte: auf einmal sollten sie deutsch sprechen, wo sie doch bisher nur die sprache der eltern gehört und gelernt hatten. kindergärten sind was für die anderen, also hatten sie dort auch keine chance.

so entwickelte sich eine generation, die sarazzin als „bildungsfern“ bezeichnet. diese generation bleibt unter sich, zumindest zum größten teil. und erzieht ihre kinder wiederum genauso, wie sie erzogen wurde. die wichtigkeit der landessprache und von bildung wurde ihnen nicht vermittelt, also können sie diesen gedanken auch nicht weitergeben.

integration ist keine einbahnstraße. sarazzin behauptet, dass vor allem die muslime integrationsunwillig seien. ich teile diese ansicht, weil ich es jeden tag sehe. neukölln ist eine parallelgesellschaft, daran gibt es nichts zu deuteln. wer behauptet, dass es anders ist, belügt sich selbst. andererseits wäre neukölln nicht neukölln und nur halb so charmant, wäre es anders. trotzdem sehe ich durchaus die probleme. viele migranten der 3. und 4. generation, die ich schon gar nicht mehr als migranten bezeichnen würde, sehen sich eher der nationalität ihrer eltern zugehörig als der deutschen. bildung ist uncool, deutsch auch. in ihren „heimatländern“ sind sie fremde, in deutschland machen sie sich fremd und grenzen sich bewusst ab.

die nationalitäten lasse ich ganz bewusst offen, weil ich mir im klaren darüber bin, dass die extrembeispiele immer die mehrheit überdecken. ich bin mit einem mann zusammen, der sich selbst als „kartoffelkurde“ bezeichnet. er hat sich aufenthalt und arbeitserlaubnis hart erarbeitet und nicht erheiratet. er könnte seine eltern nachholen, aber die wollen gar nicht. was sollen sie in ihrem alter in ein land gehen, dessen sprache sie nicht kennen, wo sie komplett neu anfangen müssten, wenn es ihnen zuhause gut geht? ich weiß auch, dass es viele von seiner sorte gibt. ich weiß aber auch, dass es eine ganze menge andere gibt. insofern hat sarazzin nicht unrecht.

aber: und jetzt kommts. was sarazzin tut, ist destruktiv. was integrationsvereine und andere initiativen mühsam über jahrzehnte aufgebaut haben, reißt er mit seinen äußerungen ein. er bietet keine konstruktiven lösungsvorschläge, sondern nur „man könnte“, „man sollte“ und „man müsste“. es ist gut, dass die diskussion so in gang kommt, denn es ist längst 5 nach 12. wir brauchen keine neuen ausschüsse, die sich des themas annehmen, wir brauchen den direkten dialog. die lösung wird nicht von oben kommen, sie kann nur von unten kommen. fragt die leute, was sie sich wünschen, wie sie die sache sehen und was sie brauchen und dann findet einen kompromiss für beide seiten. polemik hat noch keinem thema geholfen, auch nicht, wenn man sarazzin heißt. von mir aus kann dieser mann gern in der versenkung verschwinden. nur das thema, das sollte ihm nicht folgen, das muss an der oberfläche bleiben. wir haben lange genug die augen zugemacht und gehofft, dass sich das schon irgendwie von allein regeln wird.

3 Responses

  1. Enno Says:

    Du fängst ja ganz schön provokativ an, von wegen Sarrazin habe recht, um dann am Ende noch schnell die Kurve zu kriegen. Das Problem der Parallelgesellschaften ist bekannt. Das erledigt sich über die Generationen, und dass wir es derzeit so heftig erleben, ist nicht die Schuld der Migranten sondern derjenigen, die – wie du selbst schreibst – sagen, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Hätten wir hier einen Umgang mit Migration wie in den USA – die o.g. Probleme gäbe es nicht. (Nebenbei kann eine Stadt wie Berlin meiner Meinung nach sehr gut mit ethnisch gefärbten Vierteln klarkommen wie New York schon immer mit seiner China Town klargekommen ist – was ich übrigens genauso charmant finde wie du). Sei aber bitte vorsichtig mit Aussgen, Sarrazin habe recht. Er schiebt die Schuld in Richtung Migranten und begründet das ganze auch noch genetisch. Das ist nichts anderes als Rassismus. Das übersehen all die „irgendwo-hat-er-ja-recht“-Sager völlig.

  2. rachel Says:

    natürlich ist das so, wie du sagst. wenn das so nicht ankommt, dann muss ich nochmal an den text ran. sarazzin ist ein rassist und ein idiot, und die geschichte mit dem judengen – nunja. sicherlich haben alle menschen aus dem semitischen kreis einen gemeinsamen genpool, genauso, wie nordeuropäische völker, asiaten und afrikaner einen gemeinsamen genpool haben. was aber nichts über ihre jeweilige „qualität“ aussagt, so man das wort bei menschen überhaupt anwenden kann. der entscheidende unterschied zwischen deutschland und den usa ist aber meiner meinung nach der, dass sich migranten in die staaten sehr schnell als amerikaner sehen und das auch sein wollen, und trotzdem ihre tradition leben. hier (vor meinen augen) sind jedoch viele, die sich nicht als deutsche sehen und auch nicht deutsche sein wollen und ihre tradition um jeden preis leben wollen. viele akzeptieren das grundgesetz nicht, weil für sie „andere gesetze“ gelten. das kann auf dauer nicht gut gehen. wären wir ein einwanderungsland, gäbe es regelungen dafür. jetzt jaulen alle „diskriminierung“, wenn ein einbürgerungstest oder gar ein sprachtest für die nachziehenden gefordert wird. in den staaten ist das keinen hahnenkräher wert, weil es schon immer so war. es wurde schlicht versäumt, die einwanderung als solche zu sehen und auch zu regeln.

  3. markus Says:

    Hallo Rachel
    Ich gebe Dir teilweise recht: Viele Dinge, die er anspricht, müssen angesprochen werden und werden heute nur sehr unzulänglich von allen Seiten diskutiert. Ich komme bei dem Thema Parallelgesellschaften zu anderen Ergebnissen als Du, denn auch ich würde mich eher mit meinesgleichen zusammentun, wenn ich spüre, dass ich vom Rest doch zumindest oft unterschwellig abgelehnt werde, aber das ist ein anderes Thema und ließe sich nur in einer echten Diskussion besprechen.
    Relevant ist für mich, dass Herr Sarrazin mittlerweile eindeutig in Richtung eines Rassisten tendiert!
    Die Kombination von Genen und Judentum müsste eigentlich bei jedem die allerübelsten Erinnerungen aufsteigen lassen. Wenn also bestimmte Menschengruppen an Ihren Genen zu identifizieren sind, dann bin ich nur einen winzigen Schritt von der Kategorisierung weg. Ein guter Mensch, ein schlechter, ein schlauer Mensch, ein dummer, ein Untermensch, ein Herrenmensch….
    Das ist es, was mich umtreibt und weshalb ich hier http://www.der-sprachlose.de/?p=771 für mich zu dem Schluss gekommen bin, dass er ein übler Rassist und für mich ein widerlicher Mensch ist
    Wie gesagt: losgelöst von den Themen, die er anspricht.

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