wellen des zorns.

es klingt schon geradezu dramatisch: „wellen des zorns gehen durch die arabische welt.“ aha. da rollen sie also zuerst über tunesien, dann über ägypten und nun auch über den jemen und den iran. im irak werden sie wohl stoppen, da ist ja dank der amis schon alles voll am demokratisch sein.

man verstehe mich nicht falsch. ich bin ein großer anhänger friedlicher revolutionen (auch wenn man bei dutzenden toten bisher nicht wirklich von friedlich sprechen kann). aber vor einigen jahren hörte ich einmal jemanden sagen, der sich damit auskennt: „der islam ist nicht demokratisch.“ dieser satz stammte von einem (muslimischen) theologen. und er deckt sich mit dem, was nun passiert. kurze rekapitulation: palästina, freie wahlen. wer hat sie gewonnen? richtig. radikalislamische parteien. ägypten. mubarak weg. wer trommelt jetzt am lautesten? richtig. die muslimbruderschaft. eine organisation, die sich karitativ gibt, aber durchaus radikale denkansätze hat. die scharia wird noch immer als gutes gesetz angesehen. gottgegeben.

die grundvoraussetzung für demokratie ist bildung. auch in europa kam die demokratie nicht einfach von heute auf morgen dahergelatscht und wurde angenommen. es bedurfte der renaissance und der humanistischen bildung, es bedurfte blutiger revolutionen in amerika und frankreich, auch in deutschland, jahrhunderte, um dieses system zu etablieren. und da soll nun in der arabischen welt, die nicht gerade für die supergute bildung ihrer bevölkerung bekannt ist, demokratie von jetzt auf gleich funktionieren? länder, in denen koranschulen oft die einzige verfügbare bildung sind. koranschulen werden von geistlichen geführt. in koranschulen wird auswendig gelernt. es gibt keine exegese. in ländern, die nicht arabischsprachig sind, gibt es keine übersetzung oder auslegung der einzelnen suren. das ist das system des islam: das wort kommt von gott und wird nicht angezweifelt. kennt man ja von unseren eigenen klerikalfaschisten, den erzkatholiken.

meinungsbildung findet in der moschee statt. der imam sagt den gläubigen, was sie zu denken haben. also hängt es vom jeweiligen imam ab, wie liberal sich das denken entwickelt. je liberaler aber eine gesellschaft denkt, desto weniger wert legt sie auf dogmen der religion. also: wie liberal wird ein imam dann predigen? wer glaubt, dass die arabische welt sich jetzt befreit hat, der irrt. sie haben vielleicht ihre diktatoren zum teufel gejagt. das bedeutet aber nicht, dass sie bei den nächsten freien wahlen nicht neue diktatoren inthronieren werden. radikale kräfte haben in ägypten nun sechs monate zeit, wahlkampf zu machen. radikale imame haben sechs monate zeit, ihre gläubigen auf  „den rechten pfad“, nämlich den des unbedingten islam zu führen. es würde mich sehr wundern, wenn die nächsten herrscher der arabischen länder ausgemachte demokraten wären.

dass das beispiel türkei immer wieder angeführt wird, finde ich geradezu zynisch. die türkei war vor erdogan schon einmal wesentlich weiter im demokratisierungsprozess. kopftücher waren verpönt, verboten. erdogans ehefrau trägt heute demonstrativ eines. es wird von einem schleichenden prozess der islamisierung gesprochen. back to mittelalter. und das ist dann die ach so demokratische türkei? dazu darf man nicht vergessen: demokratie, also die herrschaft des volkes, ist ein merkmal der westlichen welt. nun ist aber prinzipiell die akzeptanz des westlichen lebensstils für einen moslem zumindest schwierig, wenn er gläubig ist. und selbst, wenn er nicht aktiv religiös ist, so stammt er doch aus einer muslimischen tradition, die nun einmal (steinigt mich, scharia und so) regeln und ansichten hat, die einer demokratie inklusive der gleichberechtigung ALLER komplett entgegenläuft. es hat gründe, warum die arabische welt bis auf einige wenige ölländer zu den ärmsten regionen weltweit gehört. es hat gründe, dass vieles dort noch immer wie im mittelalter abläuft. ich bin politisch nicht korrekt? stimmt. wenn ehrlichkeit das ist, ja.

viel wichtiger als der versuch, jetzt eine demokratie in den betroffenen ländern auf teufel komm raus zu installieren, ist bildung, bildung und nochmal bildung. vom islam unabhängige schulen, in denen mädchen und jungen zusammen lernen, um endlich dieses tabu zu brechen. am besten als internate. vom islam unabhängige universitäten mit gemischten studentenwohnheimen, am besten immer möglichst weit weg von zuhause. und dann, in drei bis vier generationen, wird auch ein demokratisierungsprozess möglich sein. die menschen haben sich von diktatoren befreit, weil ihre lebensumstände unerträglich wurden. aber sie werden sich nun nicht zwangsläufig für ein system entscheiden, das anders funktioniert. das zu glauben, wäre augenwischerei. siehe russland. medwedew ist dort auch nur die puppe von zar putin. nicht umsonst wird inzwischen in russland von einer doppelspitze gesprochen. und die russen lieben putin. weil er mit harter hand wie ein zar regiert. sie kennen es nicht anders. und sie wollen es so. sie haben es demokratisch gewählt. in der arabischen welt wird es nicht anders laufen.

3 Responses

  1. xbg Says:

    Gut, ich teile Deine Skepsis ein bißchen, dass sich in Ägypten von jetzt auf gleich eine blühende Demokratie entwickelt, die Eliten wirklich entmachtet werden können und auch die Landbevölkerung demokratisches Bewußtsein entwickelt.

    Aber Dein Beispiel mit Palästina finde ich etwas komisch. Es stimmt zwar offenbar, dass sich durch interne Machtkämpfe dort Wahlen erstmal erledigt haben. Aber dennoch war es doch zuallererst der Westen, der die tatsächlich stattgefundene demokratische Wahl nicht anerkennen wollte. Wenn der Westen derart undemokratische Verhaltensweisen an den Tag legt, kann man doch schlecht mit dem anklagenden Finger auf die Araber zeigen. Und da sind wir ja noch nochmal bei dem Thema der Unterstützung arabischer Diktatoren durch den Westen.

  2. rachel Says:

    hallo xbg,

    anklagend zeige ich auf niemanden. mir geht es in meinem beitrag mehr um den grenzenlosen blinden optimismus, der jetzt allerorten verbreitet wird. grundsätzlich begrüße ich, was dort geschieht. nur denke ich eben nicht, dass es die folgen haben wird, die jetzt suggeriert werden.
    und warum hat in palästina die hamas die wahlen damals gewonnen? wegen der guten politischen bildung der palästinenser?

  3. xbg Says:

    Da stimme ich zu, „grenzenloser blinder optimismus“ ist nicht angebracht. Leider betrachtet insbesondere die Landbevölkerung Demokratie offenbar oft als entbehrlicher, wenn nicht gar schädlicher Luxus. Aber es wäre noch interessant zu wissen, wen genau Du mit den überoptimistischen Stimmen meinst.

    Die Hamas wurde meines Wissens hauptsächlich deswegen gewählt, weil die Fatah als korrupt gilt. Ich glaube nicht, dass die Wahl der Hamas allein für das Ende der Demokratie in den palästinensischen Gebieten verantwortlich ist. Mir ist natürlich die prinzipiell fundamentalistische und menschenrechtsfeindliche Einstellung der Hamas bekannt.

    Aber der Verlauf sah doch so aus, dass erst die gewählte Hamas-Regierung aufgrund des internationalen Drucks zusammenbrach, dann eine handlungsunfähige Einheitsregierung gebildet wurde und dann mit der Machtübernahme der Hamas in Gaza das demokratische System endgültig in die Binsen ging. Am Anfang dieses Prozesses stand aber der Druck auf die Hamas-Regierung – es liegt also nahe zu agumentieren, der Druck habe weit mehr als die Wahl den demokratischen Prozess beendet.

    Zugegebenermaßen ist das natürlich etwas spekulativ, denn keiner weiß, wie sich die rechtmäißg gewählte Regierung letztlich wirklich verhalten hätte.

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