nachdenkliches.

gerade bin ich nachdenklich geworden. nicht, dass ich sonst sorglos durch die gegend hüpfen würde und von blüte zu blüte flattern. aber ein link hat mich nachdenklich werden lassen über ein thema, das mich schon länger beschäftigt.

vor geraumer zeit habe ich nach dem freitod von robert enke schon einmal über dieses thema gesprochen. und wie damals befürchtet und vorausgeahnt, hatte sich das thema „depression“ sehr schnell erledigt in den medien. nun kommt ein anderer fußballer, andreas biermann, und spricht in einem buch über seine depressionen. darüber, dass selbst nach suizidversuchen niemand diese diagnostiziert hat. und er sagt, dass sich im dfb nichts verändert hat im umgang mit der krankheit.

dieses bild lässt sich ohne weiteres auf den rest der gesellschaft übertragen. und wie soll sich auch etwas ändern, wenn selbst in einer geschlossenen psychiatrischen abteilung, in der man nach einem suizidversuch nun einmal landet, niemand auf die idee kommt, man könnte es mit einem depressiven zu tun haben? nur, weil der mensch, der da vor einem sitzt, doch jung, sportlich, erfolgreich ist?

ich bin bekanntlich bei twitter. und wie in vielen anderen internetforen oder netzwerken finden sich hier viele menschen, die man im realen leben als „verkrachte existenzen“ bezeichnen würde. depressive, schwer depressive, borderliner, paniker – alles vorhanden. und es könnte der eindruck entstehen (ohne dass ich dazu statistiken kennen würde), dass die psychischen erkrankungen zunehmen. dass immer mehr menschen davon betroffen sind.

meine theorie hierzu ist eine andere. die generation unserer großeltern ist/war geprägt von den schrecken zweier weltkriege. entweder direkt oder indirekt. mein großvater ist baujahr 1925 und stand selbst an der front 1939. (gut, nicht lange, weil er ziemlich schnell verletzt wurde, aber er hat die gefangenschaft miterlebt.) meine großmutter ist baujahr 1936 und hatte das glück, dass sie die kriegszeit im brandenburgischen umland von berlin verbringen konnte, wo die folgen des krieges wie hunger etwas abgeschwächt waren. nichtsdestotrotz hat sie sehr jung ihren vater an den krieg verloren. diese beiden menschen reden nicht über diese zeit. wenn doch, dann nur ganz kurz und sehr ausgewählte, über die jahre standardisierte geschichten.

die großelterngeneration wuchs auf in der preußischen tradition: „schnauze halten, weitermachen, stark sein.“ das galt für männer und frauen gleichermaßen. frauen hatten zu akzeptieren, dass männer fremdgehen und trotzdem zu ihm zu stehen, weil eine scheidung absolut nicht gesellschaftsfähig war. (es soll gegenden geben, in denen das heute noch so ist, oder frau seehofer?) ein mann kannte weder tränen noch traurigkeit, er hatte stets stark zu sein und ein vorbild. dieses bild gaben unsere großeltern an unsere eltern weiter. „wer zuerst heult, hat verloren. jeder kommt mit seinem schice allein klar. wer nicht, bleibt auf der strecke.“

die auf der strecke gebliebenen landeten oft in irrenanstalten, später psychiatrien genannt. waren sie allzu wirr, wurden sie lustigen behandlungen unterzogen. elektroschocks, um das gehirn geradezurücken oder lobotomien, um es auszuschalten und ihm ewigen frieden zu schenken. diese anstalten hatten leute vor augen, wenn das wort „psyche“ aufkam. es gab dementsprechend nichts schlimmeres, als „verrückt“ zu sein und in einer solchen behandlung zu enden.

aus unserer elterngeneration stammt jedoch auch die 68er-bewegung. die neben der sexuellen revolution zuerst einmal die abnabelung von den vermeintlichen altnazis=eltern zum ziel hatte. zu dieser revolution gehörte eben auch, das schweigen zu durchbrechen, tabus zu brechen, über befindlichkeiten zu sprechen. feminismus á la alice schwarzer ist nur eine ausgeburt dessen, antiautoritäre erziehung nur eine andere.

hier zeigte sich zum ersten mal, was forscher inzwischen benennen und beweisen können: posttraumatische belastungsstörungen sind erblich. nicht im sinne von genetischer vererbung, wobei eine genetische anlage zur depression durchaus auch eine rolle spielen kann. eher im sinne von vererbter hilflosigkeit, mit bestimmten dingen umzugehen und seinen gefühlen worte zu verleihen. eine ganze generation, im grunde zwei generationen hintereinander, leiden unter ptbs. wie sollten sie auch nicht? sie haben den tod in allen facetten gesehen, zerstörung, haben liebe menschen verloren. ein haufen traumata ist auf sie eingeprasselt. und hinterher war niemand da, der sie hätte auffangen können (oder wollen). in new york standen 2001 nach 9/11 unzählige seelsorger, psychologen, pfarrer, priester, rabbis und andere berater bereit, um die überlebenden aufzufangen. für unsere großeltern stand da niemand. sie mussten ihren eigenen weg finden, damit umzugehen. und der mensch neigt nun einmal dazu, verstörende und böse dinge einfach zu verdrängen. ich halte mir die augen zu, also sieht mich auch keiner.

natürlich funktioniert das nicht. sonst hätte es die 68er gar nicht gegeben, sondern wir würden heute noch alle brav wie in den 50er jahren unser rollenbild erfüllen und alles wäre gut. unsere eltern waren hin- und hergerissen zwischen dem, was unsere großeltern ihnen vorgelebt hatten und der verlockung, endlich, endlich reden zu dürfen. über gefühle, befindlichkeiten. weinen zu dürfen, schreien zu dürfen, regeln brechen zu dürfen. dieser zwiespalt hat viele in tiefe sinnkrisen gerissen. auch und gerade weil dieses reden über gefühle und dieses weinen und dieses sich-öffnen von unseren großeltern ganz selbstverständlich als schwäche angesehen wurde. nur schwächlinge heulen.

unsere eltern schworen sich, uns anders zu erziehen. wir sollten es besser haben. wir sollten keine regeln brechen müssen, um glücklich sein zu können. wir sollten reden dürfen über alles, was uns auf dem herzen liegt. wir sollten das tabu des schwach und verrückt-seins brechen. wir wurden mit einem riesenhaufen erwartungen erschlagen. wir sollen als frauen emanzipiert sein, aber viele männer kommen mit emanzipierten frauen nicht zurecht. wir sollen als männer schwäche zeigen, aber viele frauen haben ein problem mit weinenden männern und sehen sie als waschlappen an. wir sollen dies, wir sollen das. das einzige, was sich tatsächlich zum teil durchgesetzt hat, ist die erkenntnis, dass es ein zeichen von stärke ist, sich in schwachen momenten hilfe zu suchen. dass man nicht gleich in die klapse gehört, wenn man zum psychologen geht. dass eine therapie nicht immer bedeutet, dass man krank ist.

ich sage bewusst „zum teil“. denn unsere eltern, die sich noch immer in diesem zwiespalt zwischen ihrer erziehung und der modernen welt befinden, haben dies zwar stets propagiert, aber im stillen nie wirklich akzeptiert, akzeptieren können. und ein großteil unserer gesellschaft besteht aus unseren eltern. geschäftsleitungen und politiker, machthaber im allgemeinen, sind teil der elterngeneration. und darum kann sich der umgang mit psychisch kranken menschen auch nicht sofort ändern. darum ist es immer noch öffentliche meinung, dass der gang zum psychologen etwas mit verrückt sein und nicht gesellschaftsfähig sein zu tun hat. darum verheimlichen viele in unserer generation ihre probleme, zerbrechen daran. aber genau darum gehen auf der anderen seite wir heute ganz anders und viel bewusster damit um. ich lese oft in meiner timeline von den „medis“, die da noch genommen werden zur nacht. oder dem weg zum therapeuten. und insgeheim freue ich mich immer diebisch darüber. denn jeder dieser tweets macht uns alle etwas offener für dieses thema.

4 Responses

  1. Artemisia Says:

    Ein großartiger Artikel! Kompliment. Natürlich ist das Verdrängen aber auch ein notwendiger Prozeß, um einfach im Leben weiterzumachen – aber irgendwann muss man sich den Fragen stellen – und das ist kein leichtes Unterfangen. Ich habe als im Krieg geborene daran keine bewusste Erinnerung – kann mich aber noch gut an die Nachkriegszeit erinnnern und an das Gefühl, dass man seinen Eltern nichts zumuten konnte.Meine ältere Schwester hat aber als Kind den ganzen Schrecken der Bombardierungen kennengelernt un leidet heute an
    „unerklärlichen“ (?!) Depressionen. Und die über 80jährigen fangen an, über ihre Erinnerungen zu sprechen.

  2. die ennomane » Blog Archive » Links der Woche Says:

    […] nachdenkliches. | Rachel Lindenbaum: […]

  3. hühnerschreck Says:

    zu dem gesellschaftlichen problem des „verrückt-seins“, wenn man zum therapeuten geht, kommt ja noch dazu, dass das bspw. auch von den krankenkassen (vermutlich gezielt?) schwierig gemacht wird. wenn du einmal in stationärer behandlung warst, kommst du nie in die private krankenversicherung. und wenn du privat versichert bist und dich doch mal eines aufenthaltes in einer seelenklinik „erfreuen“ durftest, dann freu dich auf deine nächste beitragsanpassung.

    (gut, über den sinn und unsinn der pkv kann man auch stundenlang streiten … aber das ist eine andere geschichte.)

  4. rachel Says:

    ich komme so oder so nicht in die pkv, dafür hätte es der therapie nicht bedurft. ich bin rheumatikerin und damit ein nicht einzuschätzendes kostenrisiko.

    was noch viel „schlimmer“ ist: wenn ein neuer arbeitgeber bei der gkv nachfragt und dann feststellt, dass du mal irgendwann bei irgendeinem seelenklempner warst… dann gibts ein hoch auf die probezeit und kickass.

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