integration? das ist doch der gipfel!

gehört der islam zu deutschland? ist der islam eine bedrohung für das abendland? droht uns allen der terror? heute ist mal wieder deutsche islamkonferenz. oder auch integrationsgipfel. oder auch einfach mal wieder eine gelegenheit, prima aneinander vorbei zu reden.

migranten habens schwer in deutschland, sagen die migranten. migranten machen es sich unnötig schwer, sagen die deutschen. wir wollen nicht zu „denen“ gehören, meinen irgendwie beide seiten. und beide seiten sind der meinung, dass ihr lebensstil des „bessere“ ist. die einen, weil sie aufgeklärt leben, die anderen, weil sie sich an hehre gesetze halten.

hatten wir schon mal. ist so ungefähr 500 jahre her. als ein gewisser herr luther die dogmen der katholischen kirche durchbrach und eine reformierte, dem einfachen manne zugängliche religion präsentierte. endlich konnten auch die bauern dem gottesdienst folgen, endlich mussten die armen landpriester nicht mehr so tun, als könnten sie latein. letztlich führte der streit um die reformation, also darum, ob der protestantische glauben zu deutschland oder zumindest zur entsprechenden grafschaft gehört, zum 30-jährigen krieg. bis heute gibt es tiefe gräben zwischen katholischer und protestantischer kirche, sind ökumenische veranstaltungen eher die ausnahmen denn die regel. und wir erwarten eine integration des islam oder der moslems innerhalb von 50 jahren?

integration: was ist das? ist das die komplette assimilation jeglichen fremden in die eigene – ja was? kultur? lebensweise? oder ist es die grundsätzliche akzeptanz meines nächsten, egal, ob der nun grün, braun oder lila-gelb gestreift ist? wikipedia sagt: „Integration, die (von lat. integrare ‚wiederherstellen‘), zu deutsch „Herstellung eines Ganzen“.“ es geht also darum, ein ganzes herzustellen aus vielen verschiedenen teilen. aber ist das nun eher ein mosaik, wo nicht immer alle steine zueinander passen oder soll es ein puzzle werden, das nur eine lösung hat?

weiter sagt wikipedia:

„Der Begriff Integration ist vom lateinischen integratio abgeleitet und bedeutet in der Soziologie die Ausbildung

  • einer Wertgemeinsamkeit mit einem Einbezug von Gruppierungen, die zunächst oder neuerdings andere Werthaltungen vertreten, oder
  • einer Lebens- und Arbeitsgemeinschaft mit einem Einbezug von Menschen, die aus den verschiedensten Gründen von dieser ausgeschlossen (exkludiert) und teilweise in Sondergemeinschaften zusammengefasst waren.

 

Integration hebt den Zustand der Exklusion und der Separation auf. Integration beschreibt einen dynamischen, lange andauernden und sehr differenzierten Prozess des Zusammenfügens und Zusammenwachsens. Gegenbegriff hierzu ist Desintegration.“

hmm. klingt nicht so verkehrt. nur setzt das wie immer voraus, dass alle gruppierungen das auch wollen. sowohl die, die integriert werden sollen als auch die, die integrieren sollen. ich habe heute einen gedanken getwittert: integration bedeutet zuerst einmal, dass man die lebensweise der menschen des landes, in dem man lebt, nicht verachtet. die anzahl der favs und retweets lässt mich vermuten, dass sich hier einige unverbesserliche in einer meinung bestätigt fühlten, der ich so mitnichten ausdruck verleihen wollte.

was ich damit meine (und jeder, der mich kennt, weiß das) ist: respekt und die grundsätzliche bereitschaft zur kommunikativen auseinandersetzung mit anderen sind die basis jeden zusammenlebens. das gilt für die „einheimischen“ ebenso wie für die „ausländer“, für katholiken ebenso wie für protestanten, für juden ebenso wie für christen, für moslems ebenso wie für zeugen jehovas, für männer ebenso wie für frauen. in dem moment, in dem ich mir anmaße, meinen lebensstil, meine werte und meine religion für das einzig wahre zu halten und alles andere verachte, bin ich alles andere als integriert. das gilt auch für alle. oder wie der alte fritz es ausdrückte: „jedem tierchen sein pläsierchen.“ ergänzt von mir durch: solange ich nicht mitmachen MUSS.

nur mal so zur erklärung.

ich erspare mir als neuköllnerin beispiele. ich sehe täglich auf der straße, was die integration noch an arbeit vor sich hat. und ich sehe vor allem eines: es fehlt an kommunikation. ich sehe grenzen aus traditionen, werten, kultur, religion und vor allem sprache. ich sehe grenzen aus verschiedenen rechtsverständnissen und moralvorstellungen. ich sehe grenzen, die aus der unfähigkeit der akzeptanz des anderen, wer auch immer er sein mag, resultieren. ich sehe intoleranz, die auf unverständnis beruht. ich sehe araber, die türken dissen. türken, die afrikaner dissen. afrikaner, die asiaten dissen. alle zusammen, die deutsche dissen. deutsche, die deutsche dissen. es ließe sich ewig fortsetzen. aber die lösung werden nicht 1000 integrationsgipfel, bundesuntersuchungsausschüsse oder plenarsaaldiskussionen sein. die lösung kann nur sein, dass alle miteinander reden.

integration fängt unten an. bei dir. bei mir. und bei deinem nachbarn. ich kann nicht von der politik etwas erwarten, das ich selbst nicht bereit bin zu geben. ich kann überhaupt von niemandem etwas erwarten, das ich selbst nicht bereit bin zu geben. das ist für mich integration. ich, du, er, sie, es, wir, ihr, sie geben. ich, du, er, sie, es, wir, ihr, sie nehmen. mit allem was dazu gehört. und dazu gehört eben auch mal zu sagen: „das geht gar nicht!“ oder „nein. das finde ich falsch.“ dazu gehört aber auch, das gespräch dann nicht auf das „kuck disch doch mal an!“-niveau absinken zu lassen, sondern darüber zu reden, warum der andere so denkt.

und bei euch so?

12 Responses

  1. charlotte sometimes Says:

    Genau. Das. Und solange Angie sich mit dem „quotentürken“ der Nationalmannschaft fotografieren lässt und ihm direkt den „Integrationsbambi“ hinterher schmeisst, weil da hat er sich ja so toll integriert, der özil, wird das alles nix mit der Integration. Solange „die da“ Immer noch türken, araber und was weiß ich nicht was sind, wird da in den Köpfen nichts passieren. Begreifen muss man, dass die Deutsch sind, und zwar nicht so wie der Blockwart aus dem 3. Stock der davon träumt wie ordentlich und ruhig früher alles war, sondern dass deutsch auch eben anders sein kann. dass deutsch auch multikulti kann und dass das nix schlechtes, sondern eine bereicherung ist. wenn man damit anfängt, fühlen die „ausländer“ sich vielleicht auch mal heimischer und haben mehr interesse daran an der Gesellschaft teilzunehmen.

  2. charlotte sometimes Says:

    und groß und kleinschreibung ist bei mir auch eher multikulti.

  3. rachel Says:

    „Begreifen muss man, dass die Deutsch sind“ – jein. denn das würde voraussetzen, dass „die“ sich auch als deutsche sehen. tun aber ganz viele ganz bewusst nicht. auch hier liegt ein knackpunkt der integration. selbst die 3. und 4. generation der ursprünglichen fremdarbeiter definiert sich noch sehr oft über ihr vermeintliches heimatland, in dem sie aber genauso fremd ist wie hier. dort werden sie nicht akzeptiert, hier wollen sie nicht dazugehören, grenzen sich ab.
    es gibt viele vorurteile auf beiden seiten, die einen freien und offenen dialog massiv erschweren.

  4. boeseraltermann Says:

    Ich hoffe du hast begriffen das 140 zeichen bei twitter nicht ausreichen verfehlte Migrationspolitik in einem kapitalistischen und somit rassistischen System(Kapitalismus ohne rassismus geht nicht) wie auch immer zu interpretieren.Und dein tweet war mehr als missverständlich.das hat nicht nur was mit Ewiggestrigen zu tun,sondern vor allem mit deiner mangelnden Einsicht in die Tatsache das Du einen Fehler gemacht hast.Denn dieses Thema ist einfach zu komplex um es mit seiner persönlichen Meinung zu diskutieren ohne an der einen oder anderen Stelle zu vergurken.Zumal der Terminus „Integration“ auch bei konservativen Kreisen eher auf Ablehnung stösst.Aber wie gesagt,das ist ein extrem weites Feld.

  5. rachel Says:

    schön, dass es böse alte männer gibt, die sich befleißigt fühlen, die meinungen anderer bewerten zu dürfen. ich hatte meine gründe für den tweet.

    aber vielleicht wirst du ja auch eines tages begreifen, dass in einer pluralistischen gemeinschaft die meinungsfreiheit auch bedeutet, unbequeme wahrheiten auszusprechen, ohne dass man gleich rassistisch ist. das, was ich in dem tweet schrieb, erlebe ich tagtäglich. nicht nur – und da lag das missverständnis vieler – von den sogenannten ausländern, sondern auch von der deutschen seite.

    du kannst mir schon zutrauen, dass ich weiß, wovon ich rede.

  6. ich Says:

    im großen und ganzen sehe ich nicht so viel falsches in deiner sicht der dinge. von der intention wohl sogar gar nichts falsches. allerdings sind da einige blinde flecken.

    zuerst mal ein zitat:

    „ich sehe intoleranz, die auf unverständnis beruht. ich sehe araber, die türken dissen. türken, die afrikaner dissen. afrikaner, die asiaten dissen. alle zusammen, die deutsche dissen. deutsche, die deutsche dissen. es ließe sich ewig fortsetzen.“

    was fehlt?

    bevor du diese passage mit „es ließe sich ewig fortsetzen.“ abschließt, hättest du die zahlenmäßig größte gruppe zumindest erwähnen können. das sind deutsche, die nicht-deutsche dissen. ist auch gar nicht anders möglich, da die gruppe der deutschen die zahlenmäßig größte ist und wenn man annimmt, dass der anteil der disser in jeder nation etwa gleich groß ist, ist diese gruppe disser auch die größte.

    warum fehlt das in deiner aufzählung?

    ist nicht bewusst und/oder böswillig, nein, du siehst manches einfach nicht. „das sein bestimmt das bewusstsein.“, wo der alte marx recht hat, hat er recht.

    jetzt was zu einem zitat aus den kommentaren. das zitat: „denn das würde voraussetzen, dass “die” sich auch als deutsche sehen. tun aber ganz viele ganz bewusst nicht. auch hier liegt ein knackpunkt der integration. selbst die 3. und 4. generation der ursprünglichen fremdarbeiter definiert sich noch sehr oft über ihr vermeintliches heimatland, in dem sie aber genauso fremd ist wie hier. dort werden sie nicht akzeptiert, hier wollen sie nicht dazugehören, grenzen sich ab.“

    weißt du wo der knackpunkt, wenn es ihn denn gibt, liegt?

    in einem wort.

    das wort ist „noch“, richtig wäre aber „wieder“.

    so wäre es richtig:

    „selbst die 3. und 4. generation der ursprünglichen fremdarbeiter definiert sich wieder sehr oft über ihr vermeintliches heimatland, in dem sie aber genauso fremd ist wie hier.“

    viele der zweiten generation haben gegen teilweise extreme widerstände und vor allem unendliche ignoranz der großen mehrheit der deutschen bevölkerung versucht sich zu integrieren. manchen ist es gelungen, vielen nicht. die dritte und vierte generation hat das bewusst und unbewusst mitbekommen und (unbewusst) seine schlüsse daraus gezogen. allerdings funktionniert es nicht, ich stimme dir komplett zu. man kann sich nicht mit etwas identifizieren, was man nicht ist. aber selbst wenn sie in der „heimat“ nicht akzeptiert werden, ist die community hier doch groß genug um ein zugehörigkeitsgefühl zu geben. die chance für eine richtige integration sehe ich mittlerweile als geringer ein als sie vor 15 jahren war. vielleicht muss man wie in amiland oder so mehrere communities akzeptieren lernen.

  7. rachel Says:

    @ich: „warum fehlt das in deiner aufzählung?“ es ist impliziert. und ja: „ist nicht bewusst und/oder böswillig, nein, du siehst manches einfach nicht.“ stimmt. ich sehe die aufgezählten punkte weit häufiger als das umgekehrte. das könnte daran liegen, dass ich mir in nordneukölln nicht ganz sicher bin, ob die deutschen in der tat noch die zahlenmäßig größte gruppe darstellen. hier gibt es ecken, in denen kein laden mehr deutsche schilder hat und die inhaber sehr verwirrt sind, wenn man sie auf deutsch anspricht.

    „in einem wort. das wort ist “noch”, richtig wäre aber “wieder”.“ – ich gebe zu, das kann ich schlecht beurteilen. als ossis hatten wir ja nüscht, nicht mal ausländer, und die paar, die wir hatten, waren wohlweislich irgendwo weitab vom schuss untergebracht. sicher einer der gründe für den neo-nazismus nach der wende, ohne das relativieren oder in schutz nehmen zu wollen. ich wohne auch nicht lange genug in berlin, um die vergangenheit beurteilen zu können, aber ich sehe sehr wohl die gegenwart. und ich sehe sehr wohl auch andere fälle, in denen kinder der 3. und 4. generation sich ganz klar und ohne zweifel als deutsche sehen und erst dann als türken, araber oder was auch immer. das sind dann aber auch meist kinder von intellektuellen eltern, die auf die bildung ihrer kinder großen wert gelegt haben.

    mir ist durchaus bewusst, dass sich deutsche in anderen ländern auch zu „communities“ zusammentun und dort ein deutschtum pflegen, das dem deutschsein hier absolut nicht entspricht. auch das ist sicher eine form von abgrenzung. mein punkt ist eigentlich, und dabei bleibe ich auch, dass ich nur jemanden integrieren kann oder als community akzeptieren, der das auch will und der vor allem mich akzeptiert. das gilt aber beidseitig. „wir deutschen“ müssen „die anderen“ akzeptieren und (in den grenzen der deutschen gesetze) tolerieren, ihre art zu leben, ihre religion, ihre kultur und das, was dazu gehört. „die anderen“ müssen aber auch akzeptieren, dass „wir deutschen“ so leben, wie wir leben und das akzeptieren und tolerieren. und das, so leid es mir tut, ist in dem, was ich hier jeden tag sehe und erlebe, oft genug nicht der fall. ich habe auch hier im blog schon darüber geschrieben.

    es wäre schön, wenn wir sagen könnten: „hey, wir sind alle menschen. es ist doch egal wo wir herkommen.“ nur die realität sieht leider anders aus und ich habe auch langsam das gefühl, dass die gesamte integrationsdebatte die gräben eher tiefer macht als sie aufzufüllen.

  8. ich Says:

    Eines vorneweg: Ich halte mich normalerweise von dem „Türkenkram“ so fern wie möglich. Lese, höre, schaue nichts, was sich mit der Situation der „Türken“ oder „Ausländer“ in Deutschland beschäftigt. Tue mir sogar kaum mal Kaya Yanar oder Bülent Ceylan an. Alles müßig.

    Aber wenn du echtes Interesse an dem hast, worüber du schreibst, was mir durchaus wahrscheinlich scheint, will ich kurz was dazu sagen.

    Mölln, 23.11.1992

    Solingen, 29.05.1993

    Die beiden Ereignisse, die hinter diesen Angaben stehen und die für die meisten Deutschen – wenn überhaupt – nur die Andeutung eines Schattens sind, sind aus meiner Sicht eine Zäsur, deren Bedeutung gar nicht zu unterschätzen ist.

    Wie ich bereits geschrieben habe, gab es eine Phase der aktiven Integrations-, gar Assimilationsversuche fast der gesamten zweiten Generation Türken in Deutschland. (Ich will auch vor allem über die Türken reden. Geht auch meistens in der Diskussion um sie, wie immer auch die Gruppe genannt wird, über die man spricht. Zudem glaube ich, dass ich dazu am meisten sagen kann.) Diese Phase der Integrationsversuche ging über zehn Jahre. Spätestens seit Anfang der 80er, als die zweite Generation eigenständige Gedanken entwickelte, begann es. Diese Versuche wurden von der Gesellschaft und dem Staat ignoriert, abgelehnt oder mit „Rückkehrerprogrammen“ beantwortet, die statt die ausgestreckte Hand anzunehmen, versuchte die Türken mit Bestechungsgeldern zum Verlassen der BRD zu bewegen. Dennoch gingen diese Versuche weiter. Doch die Morde von Mölln und Solingen und die „erfolglosen“ Brandanschläge vor, zwischen und nach Mölln und Solingen waren für viele Türken eine Schnitt. Schärfer als es irgend ein Messer, und sei es aus Solingen, vollbringen konnte. (Dieses Bild konnte ich mir nicht verkneifen.) Da war für viele – bewusst und/oder unbewusst – klar, dass es keine Integration/Assimilation der Türken in Deutschland geben würde, denn dafür braucht es zwei Partner: diejenigen, die sich integrieren (wollen) und die Gesellschaft, die dies wünscht/vorantreibt.

    Zudem geschah noch etwas Anfang der 90er, dessen Bedeutung nicht zu unterschätzen ist: Das Aufkommen der türkischen Sender in Deutschland über Kabel und Satellit. Für die mangelnde Integration der Menschen, die ab ca. 1988 geboren wurden, ist dies sogar noch bei weitem wichtiger als die Morde und versuchten Morde an Türken in den Jahren 1992/93. Viele junge Türken bekommen absolut gar nicht von der deutschen Kultur mit, weil sie fast ausschließlich in einer türkischen Welt aufwachsen. Alles ist türkisch. Ihr Leben und was sie von der Welt draußen mitbekommen. Im Internet sind viele fast ausschließlich auf türkischen Seiten, ob nun welchen aus der Türkei, oder speziellen, die die türkische Community in Deutschland bedienen.

    Leute meiner Generation sind noch in der deutschen Welt aufgewachsen, ich persönlich kann mit der türkischen Welt nicht so viel anfangen.

    Die jüngeren sind anders. Sie haben sich was eigenes geschaffen, zumindest glauben sie es. Wie echt es ist, wie es sich entwickeln wird, kann ich nicht einschätzen. Ich weiß nicht ob es da einen Weg raus gibt. Ich weiß keine Lösung. Man kann nicht das türkische TV oder Internet verbieten. Man muss sie da abholen, wo sie sind. Über die Medien geht es kaum, weil viele die deutschen Medien kaum mitbekommen, vielleicht Schrott-Formate wie DSDS etc., sonst kaum was. Vielleicht kann man sie über die Schule erreichen. Vielleicht auch über den Fußball, aber sicher nicht über jemanden wie Mesut Özil, der Typ ist aus meiner Sicht überhaupt nicht integriert. Er spielt für Deutschland. Das ist alles. Das ist nichts. Der Typ kann nicht mal deutsch, obwohl er in Deutschland geboren ist. Viel eher käme jemand wie Nuri Şahin in Frage. Er ist ein intelligenter junger Mann, der perfekt deutsch (und übrigens auch ebenso gutes türkisch) spricht. Jemand der ganze Sätze formuliert, die Sinn machen, doch er hat sich für die türkische Mannschaft entschieden, warum auch immer…

  9. rachel Says:

    @ich: die bedeutung von mölln und solingen hätte ich in der tat nicht so eingeschätzt. ich bin in m/v aufgewachsen, lichtenhagen war mir geografisch näher, ich habe die skins und nazis jeden tag in meinem dorf und in der stadt auf den straßen gesehen. deren gesinnung war und ist bekanntermaßen längst nicht auf die beschränkt, die es äußerlich sichtbar machen. als wahlbeobachterin fürs zdf durfte ich der wahl in wolgast beiwohnen, dort bekam die npd 15 %. im zuge dieser allgegenwärtigen gewalt und hitlerverherrlichung waren mölln und solingen für mich zugegebenermaßen „nur“ zwei weitere fälle, in denen ewiggestrige steine und molotowcocktails geworfen haben.

    ich kann auch nicht beurteilen, inwiefern die integrationsbestrebungen wirklich stattgefunden haben, das sind fakten, von denen ich bisher nur gelesen habe, ich habe es nicht erlebt. soweit ich weiß, ist die „ghettoisierung“ von kreuzberg um den kotti herum und von teilen nordneuköllns anfangs durchaus gewollt gewesen. man hat die gastarbeiterfamilien in vierteln untergebracht und sie dann weitestgehend sich selbst überlassen. (ich habe auch dazu ein buch gelesen, aber wie gesagt, es nicht erlebt.) insofern kann man den dort lebenden nicht einmal vorwerfen, dass sie sich ihre eigene welt dort aufgebaut haben. in der sie weder deutsch können müssen noch mit deutschen zu tun haben (müssen). und natürlich leistet das der ausbildung weiterer vorurteile vorschub.

    diese aufzulösen und die jugend zu erreichen, die in diesen umgebungen aufgewachsen ist und der aus eigener erfahrung niemand sagen konnte, dass kompromisse notwendig sind, um in der gesellschaft eine chance zu haben, ist der riesige berg, vor dem wir stehen. und ja, wir stehen vor 60 jahren missratener integrationspolitik. dafür gibt es nun zwei möglichkeiten: entweder wir packen es an oder wir kneifen die augen zu. das erstere bedeutet, dass wir anfangen müssen, uns füreinander zu interessieren. übereilte aktionen wie zu weihnachten im neuköllner lidl statt „frohe weihnachten“ ein „frohes opferfest“ zu wünschen, werden da nicht ausreichen. integration wird auch nicht erreicht, wenn die türkische seite regeln machen möchte, die dem deutschen selbstverständnis widersprechen: mädchen nicht im sportunterricht oder auf klassenfahrten, gebetsräume für muslimische schüler etc. das widerspricht auch und vor allem dem grundgesetz eines säkularen staates, in dem gleichberechtigung herrscht (zumindest theoretisch, aber das ist ein anderes thema).

    was helfen könnte, glaube ich, sind ökumenische veranstaltungen, straßenfeste organisiert zusammen von kirche und moschee. weil das eine 1:1 begegnung ist. weil dort an ständen dinge verkauft und nachgefragt werden können, sei es essen, trinken oder devotionalien oder einfach kram. wenn wir – und jetzt sage ich auch mal „die türken“ – abholen wollen, dann wohl am ehesten auf dieser schiene. denn soweit ich das beurteilen kann, sind die meisten ressentiments deutschen gegenüber in religion und kultur verwurzelt. sie halten „die deutschen“, vor allem die deutschen frauen für lasterhaft und verdorben. weil wir eben keine kopftücher tragen, uns nicht dem willen der familie unterordnen und weil wir – auweia! – sex vor der ehe haben. zum f***ken gut genug, aber ansonsten schlampen. das war es, was ich ursprünglich mit meinem tweet ausdrücken wollte. der integration steht im wege, dass „die anderen“ uns verachten, weil wir nicht gottesfürchtig leben. in ihrer tradition ist das absolut berechtigt. aber in unserer nicht. und um das aufzubrechen, muss diese verachtung aufgebrochen werden. im übrigen eben auch die verachtung der deutschen für kopftuchträgerinnen.

    was man aber nicht vergessen darf ist: dieses leben, wie wir es heute leben, brauchte einen sehr langen prozess. das ging auch in der westlichen welt nicht innerhalb von 60 jahren, sondern es brauchte aufklärung, kriege, revolutionen, jahrhunderte. es ist schade, dass du bülent ceylan nur selten konsumierst. ich finde, er ist genial und wäre ein guter „werbeträger“. ebenso genial finde ich serdar somuncu. obwohl der von vielen wieder nicht akzeptiert werden würde, weil er witze über die bigotten traditionen des islam in deutschland macht (stichwort: kopftuch auf, stringtanga sichtbar etc.). leider ist die fähigkeit, über sich selbst lachen zu können, in diesen kreisen nicht besonders ausgeprägt (wie ich auch in 9 monaten beziehung erleben „durfte“). zu mesut özil sage ich als werder bremen fan besser nichts, das könnte in bösem geblubber enden… 🙂 aber du hast recht, er ist vielleicht nicht wirklich das beste beispiel. andererseits finden „die kids“ ihn gut.

    im übrigen finde ich einen gedankenaustausch wie diesen hier zwischen uns einen guten schritt in die richtige richtung, weil er auch von anderen gelesen wird und vielleicht denkanstöße geben kann.

  10. Litteratur Says:

    Solange in den Medien Stimmung gegen „Ausländer“ gemacht wird, rückt die Integration in weite Ferne. Und so was findet man mittlerweile schon in der ARD, aktuell die Sendung von Anne Will vom Sonntag. Man schürt Angst…

    Ich glaube ja, dass Angst ein großes Problem ist. Die Türken haben Angst, dass wir Deutsche sie nicht akzeptieren und wir Deutsche haben Angst vor einer fremden Kultur, weil wir sie nicht verstehen. Angst baut keine Brücken, sondern reißt sie ein. Angst schlägt schnell in Wut und Verachtung um. Durch Angst schottet man sich ab.

    Wenn wir alle die Angst voreinander überwinden, dann kann man die Probleme lösen.

  11. rachel Says:

    @litteratur: ich sags ja immer wieder: reden, miteinander. integration kann nicht von oben verordnet werden, sie fängt unten an. beim kennenlernen durch reden.

  12. rachel Says:

    übrigens ein aktuelles ereignis, etwa 2 wochen her und seitdem trage ich es mit mir herum. frage mich, ob ich hätte etwas dazu sagen sollen oder nicht.

    zwei jungs sitzen im bus, etwa 10 jahre alt, offensichtlich mit migrationshintergrund. der eine zum anderen: „du kannst nisch mit eina zusamm sein so. du musst gleisch heiratn.“ antwort des anderen: „auch bei deutsche?“ „nee, die kannssu ficken. aba nisch heiraten. sagt mein bruda.“

    die nächste generation.

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