neulich abends.

mit dem teller dampfender schmorgurken an pellkartoffeln und buletten á la rachel schlurfe ich ins wohnzimmer. auf dem weg, der erste haps, das ist immer der beste. ich fläze mich auf mein sofa und möchte mich verdummen lassen. es läuft irgendeine soap. und dann: werbepause. nun gut, auch egal, konzentrier ich mich eben derweil auf mein essen. soll man ja eh.

meine ohren und augen indes sind des abschaltens nicht so mächtig. diese ständige informationsflut von allen seiten hat sie zu junkies werden lassen, die gierig alles in sich aufnehmen, was zu finden ist. aber das ist ein anderes thema. während also die augen zwischen teller und tv-schirm hin- und herspringen und die ohren gleichzeitig gen schreibtisch (um kein tweetdeck-tschirpen oder mail-plonk zu verpassen) und fernseher horchen, genießt die zunge das essen. die gedanken in meinem kopf tollen herum wie junge hunde auf einer grünen wiese. was da wirklich im tv läuft, könnte ich schon 30 sekunden später nicht mehr sagen. doch halt: da! „weil bei scheidenpilz jeder tag zählt…“. ich verschlucke mich an einem heißen stück kartoffel.

wann genau sind „solche“ krankheiten bitte so salonfähig geworden, dass man für frei verkäufliche medikamente dagegen zur besten essenszeit (es gibt ja nicht nur singles, sondern auch menschen mit kindern) werben kann? ich stelle mir vor: die familie sitzt am essenstisch. der fernseher läuft. die scheidenpilzwerbung kommt. „mama?“, fragt der vierjährige. „ja?“, antwortet muttern, nichts gutes ahnend. „was ist scheidenpilz?“. (kinder verfügen bekanntlich über eine blühende phantasie. man stelle sich bilder von kindergartenkindern vor, die die bedeutung des wortes „scheide“ als geschlechtsorgan kennen und nackte frauen malen, denen zwischen den beinen champignons hervorsprießen. das wird ein spaß beim elternabend…) muttern antwortet ausweichend: „das ist eine krankheit.“ „und was passiert da?“ wenn muttern nun weiß, was scheidenpilz ist, weil sie ihn selbst schon mal hatte, ist das für das informationbedürfnis des kindes gut. für muttern nicht. „da juckt der frau die scheide ganz doll. dann macht man da ne salbe drauf, tut sich ein zäpfchen in die scheide und dann ist alles wieder gut.“ „hast du auch scheidenpilz?“ „nein.“ „hat frau meyer scheidenpilz?“ „nein. wobei, weiß ich nicht.“ „sieht man das?“

nunja, wir frauen sind ja durchaus in der lage, auch mit juckendem geschlecht durch den tag zu kommen, ohne uns an hausecken, niedrigen kommoden oder haltestangen in bussen oder bahnen zu schubbern. also antwortet muttern: „nein, das kann man nicht sehen.“ derweil sitzt vatern betont desinteressiert guckend beim essen. kennt er die scheidenpilzphasen seiner frau, so wird er weiter mit gutem appetit essen. ist er noch nie mit diesem übel in berührung gekommen, wird ihm eventuell ein wenig mulmig.

anderes bild. ein frisch verliebtes pärchen sitzt abends auf der couch. knutschen, kichern, ein bisschen fummeln. der fernseher läuft nebenbei. plötzlich die scheidenpilzwerbung. im besten fall ist der mann so abgelenkt, dass er davon nichts mitbekommt (zumindest dieses mal nicht, die werbung läuft aber oft genug, als dass er früher oder später davon erfahren wird.) im schlechtesten fall ist seine frischsüße gerade auf dem klo, wenn die werbung kommt. was geht in einem männerkopf dann vor? also abgesehen von „igitt! örx!“ – nicht vielleicht ein „hat sie etwa auch?“ oder „ist das so häufig, dass man da medikamente für bewerben muss?“?

wenn es um die unteren regionen der frau geht, ist die werbung sehr offenherzig. mann weiß dank werbung längst, dass wir einmal im monat binden mit oder ohne flügel brauchen, zwischendurch slipeinlagen benutzen müssen und ab 30 schon erste blasenschwächen eintreten. der o.b. ist laut einem alten witz das vielseitigste sportgerät aller zeiten, kann frau mit ihm doch reiten, tennis spielen und schwimmen. mann hat sich also daran gewöhnt, dass aus frauen „untenrum“ ständig was rausläuft. laut werbung sind wir frauen auslaufmodelle, im wahrsten sinne des wortes. dass nun aber auch krankheiten wie scheidenpilz auf diese weise öffentlich gemacht werden, damit erreicht die aufklärung der männer eine neue qualität.

was teilt uns frauen die werbung denn über männerkrankheiten mit? seit neuestem und ganz selten läuft mal ein spot über erektile dysfunktion. das wars dann aber auch. männer haben keine pilze „da unten“, männer haben auch sonst keine krankheiten. alte männer haben vielleicht mal prostata, aber die sieht normalzielgruppenfrau ja auch nicht als sexuelles objekt, daher ist es egal. alte männer haben auch gedächtnis – aber siehe letzter satz. untenrum ist bei männern laut werbung alles schick. da suppt nix, da läuft nix aus. gut, für hygienemuffel, die nicht gern duschen, gibt es inzwischen deos, die 72 stunden wirken (sollen). laut werbung ist es ein männerdeo, die werbung weiß also um dieses manko bei vielen vertretern des männlichen geschlechts.

aber gibt es werbung für intimduschgel für männer? weil im smegma bakterien und auch pilze vorhanden sein können, die sie auf ihre sexualpartnerin übertragen, die dann scheidenpilz bekommen können? oder auch schlimmeres? nein, gibt es nicht. (für frauen natürlich schon.) gibt es überhaupt öffentliche aufklärung darüber, dass die hygiene in diesem bereich vor allem bei männern besonders wichtig ist? gibt es nicht. aber es ist völlig selbstverständlich, alle „schwachpunkte“ der frau in der werbung öffentlich darzustellen. wäre ich extremfeministin, würde ich dahinter eine verschwörung vermuten, die die männer in ihrem überlegenheitsgefühl der frau gegenüber stärken soll. bin ich aber nicht.

also sage ich nur: ich möschte das nischt.

5 Responses

  1. Bettina Says:

    Schönes Thema, passend zur Jahreszeit („Lass uns doch bei dem herrlichen Wetter heute mal Scheidenpilze sammeln, dann essen wir heute Abend leckere Scheidenpilzpfanne!“). Habe mich auch schon oft gefragt, wann das eigentlich passiert ist… früher fand ich meist Kaffeewerbung frauenfeindlich („Frau Sommer… Mühe allein genügt nicht!“ oder der arrogant schweigende Kunde bei Dallmeyer!), aber die Werbeattacken für das Rundumpaket gegen weibliche Unsauberkeiten verderben mir schon den Spaß an der Werbeunterbrechung. Mein Favorit ist allerdings die Gleitgel-Werbung (auch zur Primetime) mit sich ekstatisch in den Kissen räkelnder Dame bei Untermalung mit der Arie der Königin der Nacht. Wo die doch mit ihren Spitzentönen jedes Kondom durchbohren dürfte! Zielgruppenorientiert? Ich weiß auch nicht…

  2. rachel Says:

    och, die gleitgelwerbung finde ich fast noch amüsant. aber es gibt dinge, die muss mann nicht wissen. schließlich gibt es ja auch (noch!!!) keine werbung für erwachsenenwindeln. allerdings: alles, was mit inkontinenz zu tun hat, ist in der werbung weiblich.

  3. Frau Elise Says:

    Ich glaube, Du siehst das ein wenig zu eng. Und was wäre außerdem E-Mail ohne Penis-Enlargern und den Unmengen an angebotenen Potenzpillen… fühlt sich als Mann sicher auch nicht so toll sein, jeden Tag aufs Neue solche Angebote im Postfach zu haben 🙂

  4. rachel Says:

    jein. mit nem vernünftigen spamfilter bekommt man(n) solche mails ja nicht mehr zu sehen.

  5. Artemisia Says:

    aber Rachel,Essen und Fernsehen?!
    ts,ts,ts – aber der Tampon als vielseitiges Sportgerät und die Frau als Auslaufmodell – stark!

Leave a Comment

Please note: Comment moderation is enabled and may delay your comment. There is no need to resubmit your comment.

beweise, dass du ein echter mensch bist!