das feld der herzen

es gibt einen ort, den wir menschen niemals sehen werden. eine große, grüne lichtung an einem großen, dunklen wald. hier scheint jeden tag die sonne und auf der wiese blühen bunte blumen. das ist das feld der herzen. die herzen aller menschen dieser welt leben hier. sie spielen miteinander, toben, tanzen oder sitzen zusammen und reden. sie sprechen alle eine sprache und wenn streit aufkommt, gehen sie sich einfach aus dem weg.

am rande des waldes leben auch herzen. sie wohnen in dunklen höhlen, mit gittern davor. es hat sie niemand dort eingesperrt, sie haben sich selbst gefangen genommen. manchmal kommen sie heraus, immer nachts. wenn der mond hell genug scheint, kann man sie sehen. manche von ihnen haben tiefe narben. manchen fehlen ganze stücke. manche haben blutende wunden, manche liegen in ketten. aber eines haben sie alle gemeinsam: sie weinen.

wenn zwei verletzte herzen aufeinander treffen, reden sie nicht miteinander. zu groß ist der schmerz, zu groß die angst, weitere verletzungen davon zu tragen. sie gehen aneinander vorbei und im morgengrauen ziehen sich alle in ihre vergitterten höhlen zurück. nur dort fühlen sie sich sicher.

ganz selten passiert es, dass eines dieser verletzten herzen am tag aus seiner höhle kommt. wenn die wunden vernarbt sind und nicht mehr so weh tun. dann steht es schüchtern im schatten am rande der lichtung und schaut den anderen herzen zu, wie sie spielen und herumtollen, leicht und unbeschwert. die tränen, die vor ihm auf die wiese fallen, leuchten wie kleine regenbögen auf den grashalmen. die sehnsucht danach, auch wieder mit den anderen spielen zu können und unbeschwert zu sein, ist übergroß. wenn dann eines der anderen herzen auf das weinende herz aufmerksam wird und zu ihm kommt, um es ins licht zu holen, seine hand nimmt und sanft zieht, reißt sich das weinende herz meist wütend los und läuft zurück in seine höhle.

noch seltener gelingt es einem der sonnenherzen, ein weinendes herz in die runde zu holen. die tränen versiegen irgendwann und das weinende herz fasst vertrauen, spielt sogar mit den anderen. fühlt sich wohl und geliebt. die wunden verheilen und wenn es genauer hinsieht, kann es auch bei den sonnenherzen hier und da kleine kratzer erkennen. die sonnenherzen wissen, dass diese herzen besonders viel aufmerksamkeit und geborgenheit brauchen. darum nehmen sie das weinende herz oft in den arm und halten es ganz fest. nachts, wenn alle schlafen gehen, ist es nie allein, immer ist jemand in seiner nähe und hält es. die angst bleibt, aber sie wird kleiner.

die weinenden herzen, die nachts allein über die lichtung wandern, sehen all das. sie würden sich gern dazu legen. sie wünschen sich nichts mehr, als gehalten zu werden. doch die angst ist größer als die sehnsucht.

 

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