du opfah!

Wer sich zum Honig macht, den benaschen die Fliegen.

(deutsches sprichwort)

 

es ist etwas schwierig, einen anfang zu finden. vor allem ist es schwierig, das, was in meinem kopf rumschwirrt, so zu formulieren, dass sich niemand angegriffen fühlt oder ich den eindruck vermittle, etwas besseres sein zu wollen.

versuchen wir es mal.

aufgrund bestimmter umstände, auf die ich nicht näher eingehe, war es notwendig, dass ich beim hiesigen jobcenter vorsprechen musste. meinem antrag wurde stattgegeben, jedoch nicht komplett. um einen widerspruch formulieren zu können, wühlte ich mich also durchs internetz, denn bekanntlich weiß das ja alles. (und vielleicht lässt mich die nsa auch in ruhe, wenn sie jetzt weiß, dass ich mir gerade weder sprengstoff noch einen schnellkochtopf noch einen rucksack leisten könnte.) gerade, wenn sich fragen zum komplizierten regelwerk des sgbII auftun, finden sich zahllose foren und hilfeseiten. die meisten davon haben eines gemeinsam: alle dort sind opfer. und zwar opfer, die sich komfortabel in ihrer opferhöhle eingerichtet haben und neuen opfern von da aus giftig schnappend zeigen, wie man richtig opfer ist.

der wohl am häufigsten auftretende vorwurf ist der, dass das sgbII nur den sinn habe, menschen kleinzuhalten und so ihren willen zu brechen und sie gefügig für dieses system zu machen. da ich selbst diesen gang zum jc nicht zum ersten mal gemacht habe, kenne ich durchaus die gedankengänge, und auch das unverständnis, die unbeholfenheit und das überfordertsein damit, die eigene missliche situation, das immer knappe geld und die kämpfe gegen windmühlen unter einen hut zu bringen, ohne den mut zu verlieren. und ja, ich weiß, dass langzeitarbeitslosigkeit krank macht. psychisch und auch physisch.

und was ich auch kenne, ist das bedürfnis, für die eigene situation einen schuldigen zu finden. und hier werde ich allgemeiner, weil das für alle misslagen im leben funktioniert. „meine situation wäre ganz anders, wenn…mein ex nicht so ein arsch wäre…meine eltern mich anders erzogen hätten…die gesellschaft anders wäre…der staat hier endlich eingreifen würde…dies und das und jenes nicht passiert wäre.“ in meinem aktuellen fall ist es so: ich würde auch gern einen schuldigen finden. doch daran, dass ich momentan hier sitze und darüber nachdenke, ob ich lieber meine miete oder essen bezahlen soll, weil das jc einen verfahrensfehler gemacht hat, auf dessen berichtigung ich nun hoffe, daran bin ich selbst schuld. ich bin selbst verantwortlich, denn ich allein war es, die es soweit hat kommen lassen. ich war diejenige, die mit offenen augen in diese situation geraten ist, ohne etwas zu ändern.

und nun ist es so. das kind liegt im brunnen und alles, was ich tun kann, ist schadensbegrenzung. darüber hinaus zusehen, dass ich wieder auf die füße komme. ich habe mir ein paar wochen selbstmitleid gegönnt. rückzug. reflexion. geheult. schlecht geschlafen. wollte das ausmaß meines scheiterns nicht akzeptieren. fand schuldige. und landete immer wieder bei mir. ich kann mich mit 35 jahren nicht mehr darauf berufen, dass meine kindheit einige dunkle flecken hat. und ich will es auch nicht. das mag für einige situationen akzeptabel als erklärung sein, aber nicht für das, was ich zugelassen habe. ich habe ein eigenes leben, das schon lange unabhängig von dem meiner kindheit ist. ich war schon sehr erfolgreich in diesem leben und habe verdammt viel erreicht. die erkenntnis, dass meine unsicherheiten, resultierend aus alten mustern, mich hierhin gebracht haben und ich es zugelassen habe, macht mich unsagbar wütend. wütend auf mich selbst. nicht auf den fehler des jc bei der berechnung, denn den antrag hätte es nicht brauchen müssen. nicht auf das system, das mich zwingt, mich komplett nackich zu machen (inklusive einnahmen und ausgaben der letzten 12 monate und auftraggeber und warum die weggefallen sind etc.), denn dieses system rettet mir gerade den arsch und bewahrt mich davor, wieder schulden machen zu müssen. nein, das ist kein lobgesang auf hartz4. aber hartz4 verschafft mir gerade luft zum atmen. luft, die ich brauche, um wieder zu mir finden zu können. macht kapazitäten in meinem hirn frei, die sonst für existenzängste draufgehen würden.

ich finde es okay und legitim, sich eine zeit des suhlens im selbstmitleid zu nehmen, wenn die dinge aus der bahn geraten. ich kenne das gefühl, wenn man aus heiterem himmel plötzlich in situationen gerät, die einen völlig überfordern. ich kenne depressive phasen ebenso wie ausgewachsene depressionen. was ich aber nicht okay finde, ist, sich damit abzufinden, sich zu fügen und den kampf aufzugeben. egal, was im leben passiert: es passiert immer nur soviel, wie man zulässt. man ist immer nur das opfer, das man anderen zugesteht aus einem zu machen. ich finde es okay und legitim, keine kraft mehr zu haben, die schnauze voll zu haben und sich eine kampfpause zu gönnen. ich finde es okay und legitim, sich hilfe zu suchen und den kampf nicht allein auszufechten. aber ich finde es nicht okay, aufzugeben.

ich finde es nicht okay, die schuld für die eigene situation bei den umständen und/oder anderen menschen zu suchen und damit die verantwortung abzugeben. ich finde es nicht okay, sich zurückzulehnen und zu erwarten, dass andere mein problem lösen oder dass es sich ganz einfach in lavendelduft auflöst. auch, wenn ich ohne eigene schuld in einer misslichen situation lande, heißt das nicht, dass ich mich dort auch einrichten muss.

und damit bin ich wieder bei den foren zum oben genannten thema. was ich mir für leute, die neu in dem system landen, wünschen würde, wäre aufklärung, verständliche erklärungen komplizierter regelungen. konkrete hilfe wie links zu beratungsstellen oder einrichtungen wie den mitgehern, die ins jc begleiten. ich würde mir wünschen, dass sich dort mut zugesprochen wird und nicht bitterkeiten und sarkastische kommentare jeden beitrag, jede frage vernichten. ich würde mir wünschen, dass die profiopfer dort, die wissen, wie beschissen es sich anfühlt, sich dem system unterzuordnen, anderen tipps geben, damit ihnen das nicht passiert. ich würde mir wünschen, dass dort konstruktiv geholfen wird in einer weise, die einen fragenden nicht mit einem „aha. wtf? und jetzt?“ zurücklässt, sondern mit einem „ah! danke! jetzt weiß ich, was zu tun ist.“. ich würde mir wünschen, dass diese foren ihren vorwurf, das system wolle menschen brechen und gefügig machen, mit ihrem eigenen verhalten nicht untermauern würden. denn dadurch, dass sie andere lehren, wie man als opfer zu sein hat, schaffen sie neue opfer.

allgemeiner gesprochen: du bist unzufrieden? tu was. ändere deine einstellung, hole dir input, suche dir hilfe. aber: mach was. bleib nicht sitzen und suche nach erklärungen, warum du es nicht ändern kannst und wer schuld ist. suche nach auswegen. es ist dein leben. lass es dir nicht wegnehmen.

4 Responses

  1. Textzicke Says:

    BÄM.

    Guter Text. Und Recht hast Du. Die Profi-Opfer sind es nämlich, die ein ganz schlechtes Licht auf die werfen, die mindestens dasselbe Schicksal mitbringen und dennoch strampeln und sich bemühen und es dann eben auch irgendwie schaffen.

    Hartz4-Empfänger ist nicht gleich Hartz4-Empfänger. Es GIBT „Klischee-Hartzer“, aber eben auch ganz andere Fälle.

    Ich finde es gut, dass Du bei Dir selbst anfängst. Wo auch sonst? Da weißt Du wenigstens, was Du hast. :)

    Und Du wirst eine von denen sein, die das System nicht als Sofa zum bequemen Dauermotzen nutzen, sondern als das, wofür es eigentlich geschaffen wurde: als Sprungbrett.

    Flieg, Rachel, flieg! <3

  2. rachel Says:

    ach zickchen. <3

  3. Dominik Says:

    So einfach, und doch so schwer dass es sich sogar mit einer Infografik zusammenfassen lässt: http://3.bp.blogspot.com/_o2KD0IASfzY/TCn4_ZomaHI/AAAAAAAAFUM/-OM-CBQp-88/s1600/typcut-are-you-happy.jpg

    Aber schön, dass du dich nicht unterkriegen lässt, Rachel. Alles was du da geschrieben hast ist sehr sehr wahr.

  4. Kitty Koma Says:

    Danke für diesen Text. Mir ging es vor einem reichlichen Jahr ähnlich. Das, was ich im Netz in solchen Foren suchte, fand ich nicht, dafür jede Menge Mimimi und Aggressionen und sehr wenig konstruktives. Diese Foren sind Ventile, wie viele Internetforen und werden von den üblichen Verdächtigen dominiert.
    Die Schlussfolgerung liegt allerdings nahe, dass es einen Prozentsatz Menschen gibt, die genau wegen „ich merke nix“ und „die anderen sind schuld“ gegen die Wand fahren und um frei zu kommen, immer wieder kräftig Gas geben.

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