vertrauter fremder

„ich würde dich so gern noch einmal sehen.“ deine stimme ist schwach, man hört durchs telefon, wie schwer dir das sprechen fällt. ich schlucke und sage „ja.“. keine versprechungen, die ich nicht halten werde. „ich denke an dich und ich liebe dich“, sagst du mit etwas festerer stimme. ich sage „ja“. keine versicherung, dass es bei mir genauso ist. keine lügen. auch einen sterbenden lüge ich nicht an.

du bist auf deinem weg. ich rechne jeden moment mit dem anruf, dass du ihn zu ende gegangen bist und es vorbei ist. und ich horche in mich hinein, was ich dabei fühle. du bist immerhin das, was einer vaterfigur in meinem leben am nächsten kommt. doch sollte ich dir für diese rolle ein zeugnis schreiben, liefe es auf „er hat sich stets bemüht“ hinaus.

ich versuche in mir erinnerungen zu finden, die mich nicht verbittert und enttäuscht zurückblicken lassen. und finde nur sehr wenige, kleine schätze. wie die geschichten, die du mir erzählt hast, als ich noch ganz klein war. vor dem mittagsschlaf oder in der badewanne. oder im thermalbecken in szeged, nachdem mir mit 8 jahren die trommelfelle durchgestochen wurden und ich nicht mehr richtig plantschen durfte. da hast du dich mit mir ins warme becken gesetzt, ich bis zum kinn auf der bank im wasser, du bis zur brust und hast mir wüste mixturen aus sindbad, odysseus und eigenen märchen erzählt. und ich sehe dich bei einem urlaub auf usedom, als wir abends zu dritt spazierengingen. einer der wenigen echten familienmomente. moment…es war kein urlaub, du hast dort 4 wochen als zeltplatzarzt gearbeitet und nur abends hatten wir ein wenig zeit zu dritt und gingen eben ab und zu spazieren. da kam eine blindschleiche über den weg und du hast einen irren hopser gemacht, als wäre es eine giftige viper, wir haben alle gelacht. oder die fahrradtouren, die wir gemacht haben, als ich noch klein war. oder die seltenen spaziergänge mit dem ersten boxer, den wir hatten. und sogar deine feuchten augen, als wir cally beerdigt haben und wir gemeinsam vor dem kofferraum mit dem toten hund darin standen. es sind ganz wenige kleine lichtpunkte in einem meer aus schlechten gefühlen, zurückweisung, enttäuschung, forderungen und verbitterung.

ich würde mir wünschen, dass ich mehr hätte, auf das ich zurückblicken kann, wenn du nicht mehr bist. mehr von diesen kleinoden, die mich als kind sehr glücklich gemacht haben. aber da ist nichts.

ich würde mir wünschen, sagen zu können, dass du mich auf einen guten weg gebracht hast, mich bestärkt und unterstützt hast, wie es ein vater eben tut. aber das hast du nicht.

ich würde mir wünschen, dass es mir leid tut, dich nicht mehr gesehen zu haben vor deinem tod. aber da ist nur ein ganz kleines flackern.

ich würde mir wünschen, mitleid mit dir zu haben, weil du stirbst, ohne deine frau und deine kinder nochmal gesehen zu haben. aber es war deine wahl und darum sind sie nicht da.

ich würde mir wünschen, sagen zu können, dass ich dich liebe und vermissen werde. aber das kann ich nicht.

 

ich wünsche dir eine friedliche und kurze reise ohne viele schmerzen. ich wünsche dir, dass du gut ankommst und es dir dort besser geht. das wünsche ich dir vom ganzen herzen.

deine tochter

2 Responses

  1. jahresendgedöns | Rachel Lindenbaum Says:

    […] auf das jahr zurückblickte, war das jahr selbst. und mein verhältnis zu weihnachten. als mein großvater noch zu weihnachten zuhause weilte, war weihnachten die hölle. die aussicht auf drei tage voller […]

  2. lobhuddelei auf die beste omma/mama der welt | Rachel Lindenbaum Says:

    […] nicht lange genug offen waren. sie lernte den mann kennen, der dann mein „echter“ großvater wurde, sich aber nie in mein herz kämpfen konnte. auch, wenn ich heute zugeben muss, dass er es auf […]

Leave a Comment

Please note: Comment moderation is enabled and may delay your comment. There is no need to resubmit your comment.

beweise, dass du ein echter mensch bist!