das kind in meinem kopf

in meinem kopf wohnt ein kleines mädchen. es ist ungefähr drei jahre alt. es hat große, blaue augen und blonde löckchen. ein kleiner engel. dieses mädchen ist traurig. es hat in seinem leben sehr früh eine botschaft bekommen: „du bist es nicht wert.“ trotzdem hat es nie aufgegeben. es hat sich angepasst, zurückgenommen und unauffällig überlebt. bei all dem ist sein mantra „du bist es nicht wert!“ zur selbsterfüllenden prophezeiung geworden. scheitern und schlechtfühlen sind sein antrieb. weil das alles ist, was es kennt. jeder erfolg wurde ihm kleingeredet, relativiert, als selbstverständlichkeit hingestellt, nichts besonderes. „glaub bloß nicht, dass du wichtig bist. du bist es nicht wert.“

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und während ich heranwuchs, älter wurde und irgendwann auch erwachsen, blieb dieses kleine mädchen in meinem kopf und forderte sein scheitern, sein schlechtfühlen ein. jeder rückschlag war nicht nur bestätigung, sondern auch befriedigung. es redete alles klein und wertlos, bis ich es glaubte und es auch so kam. seit drei jahrzehnten nun sitzt dieser kleine blonde engel in meinem kopf. mit den jahren ist aus der kleinen süßen ein echter racheengel geworden. sie bockt und zickt, wenn sie nicht bekommt, was sie will: scheitern und schlechtfühlen. sie versucht, mir sämtliche positiven gefühle auszutreiben und zu relativieren. wie ein schlecht erzogenes dreijähriges mädchen in der quengelzone an der kasse wirft sie sich brüllend auf den boden, weil sie mit der momentanen situation nicht klarkommt: zum ersten mal in meinem leben gibt es da die ahnung von sicherheit, von zukunft.

und genauso schwer, wie es vermutlich einer mutter fällt, ihr kind zu lieben, wenn es im supermarkt die große schrei-arie anstimmt, so schwer fällt es mir zurzeit, die kleine auf den arm zu nehmen, ihr den rücken zu streicheln und ihr zu sagen, dass es okay ist. dass wir es verdient haben. und dass es zeit für sie ist, erwachsen zu werden. so schwer fällt es mir, ihr die wütenden krokodilstränen aus den traurigen blauen augen zu tupfen. ihr zu vermitteln, dass das, was gerade passiert, etwas gutes ist, das uns weiterbringt. ein großer weg aus kleinen schritten. ich weiß, dass sie sich nicht mit einem plüschtier besänftigen lässt, oder mit süßigkeiten. das einzige, was sie beruhigen würde, wäre ein erneutes scheitern. und während ich das schreibe und sie bemerkt, dass ich mich mit ihr beschäftige, sät die kleine kröte auch schon wieder zweifel: „du wirst die probezeit niemals überstehen. du bist es nicht wert.“ und ich möchte ihr eine runterhauen oder sie wegsperren. aber das macht man mit kindern nicht. man muss sich mit ihnen auseinandersetzen, ihnen erklären, zeigen und beweisen, dass es anders ist und das auch gut so ist. und so muss ich nun als erwachsene das versuchen zu vermitteln, was die ersten erwachsenen diesem traurig-wütenden kleinen mädchen ausgetrieben haben: urvertrauen. selbstvertrauen. selbstwertgefühl. das bewusstsein, dass das leben nicht nur aus schlechten dingen besteht und auch nicht bestehen kann und auch nicht sollte. das bewusstsein stärken, dass gute gefühle viel schöner sind als negative, wenn man sie zulässt und nicht kleinredet.

ich muss mit diesem kind in meinem kopf leben. denn diese kleine rachel gehört zur großen rachel dazu.

3 Responses

  1. Steffi Says:

    Traurig übers eigene Kind, aber hoffnungsfroh gestimmt durch deinen Text 🙂 Schön in Worte gefasst. Ihr schafft das!

  2. eimerchen Says:

    Wunderbares Bild, sehr schön be- und geschrieben. Und ich wünsche Dir natürlich sehr, dass die Lütte noch Urvertrauen lernt. Hab Geduld, ich sende Kraft! <3

  3. rachel Says:

    danke, ihr beiden! <3

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