liebe mütterfreundinnen

… ihr nervt.

ich warte kurz, bis sich das geschrei gelegt hat.

moment.

gleich.

so. jetzt.

wisst ihr noch damals? da waren wir unterwegs. da haben wir nächte durchgequatscht. wir konnten uns gegenseitig jederzeit anrufen. wir haben uns gegenseitig taschentücher und alkohol gereicht, wenn das herz gebrochen war. wir haben alles zusammen durchgemacht: studium, abschluss, erste holprige schritte auf dem karriereweg, wenig geld, gar kein geld, arbeitslosigkeit, frust, freude. konnten über alles reden. eltern, geschwister, sorgen, nöte, vom liebeskummer bis zur abtreibung. haben uns aufgebaut, miteinander gelacht und konnten uns aufeinander verlassen. wir hatten unsere gemeinsamen tage mit ihren ritualen. männer kamen und gingen, das „wir“ blieb immer. nichts hätte dazwischen platz gehabt. wir hätten uns füreinander in kugelhagel gestürzt, um die andere zu retten.

dann, eines tages kam ein „ich hab jemanden kennengelernt“. ich lernte den auch kennen und erkannte: ohoh, das ist kein strohfeuer, det wird ernst. auf einmal war das „wir“ ein „wir zu dritt“. auf einmal waren unsere tage nicht mehr unsere tage, sondern es hieß „also wir planen…“ und „komm doch dazu.“ plötzlich war ich das anhängsel, das dritte rad am moped.

dann kam ein „ich bin schwanger“. und ich dachte „jo, passiert“. und damit ging es los. essen gehen spontan ging nicht mehr, weil man ja als schwangere heutzutage offenbar weniger lebensmittel schadlos essen darf als jemand mit gluten-, laktose- und 43 anderen lebensmittelunverträglichkeiten zusammen. was trinken gehen ging nur noch so semi, weil alkohol und schwangerschaft…naja…heikel und dann vielleicht noch in einer bar, in der geraucht wird…ganz schwierig…“aber komm doch zu uns. paar xy kommt auch“. (auch so ein phänomen: paare ziehen andere paare magisch an.)

so eine schwangerschaft ist ja auch irgendwann vorbei und dann wird sich das schon regeln, dachte ich in meiner grenzenlosen naivität. aber nein. natürlich nicht. kind, haushalt, alles zusammen und alles neu, das geld knapp, der druck groß…natürlich hat man da als freundin verständnis und wartet also weitere monate ab, bis das kind abgestillt ist. sein sollte. also theoretisch auch ist. zumindest…naja…nicht so einfach. also wartet man noch ein paar wochen verständnisvoll. (dieses verständnis setzt ihr übrigens ganz selbstverständlich voraus. und seid vermutlich noch neidisch auf uns, die wir nun vermeintlich ohne euch eine party nach der anderen rocken.) mittlerweile ist es einfacher, eine spontane privataudienz beim papst oder ein interview mit madonna zu bekommen als euch ans telefon. das ist immer auf vibro gestellt, falls das kind schlafen sollte, damit es nicht aufwacht.

dann endlich: der erste abend nach anderthalb jahren, der das „wir“-revival bringen soll. natürlich nach dem rhythmus des kindes getimet. auch ganz selbstverständlich von euch vorausgesetzt. aber nach anderthalb jahren bin ich kompromissbereit. wir treffen uns also. gehen in den club. wie früher. das wird so toll! der abend ist überfrachtet mit erwartungen, die sich alle erfüllen, bis… nach einer stunde das telefon klingelt. das kind würde nicht einschlafen und bräuchte mama. natürlich geht ihr nach hause. natürlich setzt ihr verständnis dafür voraus und erwartet es auch. natürlich bringe ich es euch entgegen. auch wenn in mir gerade welten zerbrechen, weil mir klar wird, dass es nie wieder ein „wir“ geben wird. zumindest nicht so, wie ich es kenne.

aber die hoffnung bleibt. so ein kind wächst ja unweigerlich. wird selbstständiger. wer denkt, dass es nun einfacher wird: weit gefehlt. um das zweite lebensjahr herum setzt ein interessanter mechanismus ein: vor anderen eltern ist das eigene kind das klügste, am weitesten entwickelte und großartigste überhaupt. nimmt man es aber mit zu nicht-eltern und es benimmt sich dort einfach wie eine bockige, unerzogene kackbratze, ist es plötzlich in seiner entwicklung um monate zurück, weil. die gründe sind so mannigfaltig wie an den haaren herbeigezogen. fakt ist: wenn das kind dabei ist, muss ich es nicht sein, weil ich eh nicht existiere.

unnötig zu erwähnen, dass „unsere“ ritual-tage inzwischen familientage sind, die mit anderen paaren, vorzugsweise eltern verbracht werden. in der planung der freizeit rücke ich immer weiter nach hinten. getroffene vereinbarungen können von euch jederzeit wegen des kindes umgeworfen werden oder nur mit kind stattfinden. spontan ist ein wort aus der vergangenheit, entweder ist das kind krank oder muss aus der kita abgeholt werden oder ins bett gehen oder ihr selbst jetzt ins bett gehen. in die kategorie „spontan“ fällt inzwischen: „du, das kind schläft schon, komm doch zu uns, paar xy kommt auch, wir können doch auch hier wm gucken“ (auf einem laptop, mit wackligem stream, zu fünft plus kreischendem kleinkind.)

und immer noch und immer mehr und immer wieder erwartet ihr selbstverständlich, dass wir zurückstecken, verständnis haben, runterschlucken. schließlich habt ihr ja kinder. ihr habt zukunft produziert, während wir hedonistisch single und kinderlos von party zu party ziehen und die nächte durchmachen.

 

 

und was wäre, wenn ich einfach zuhause sitze, allein, jeden abend, weil ihr fehlt? wenn ich mich am wochenende frage, was ich mache und mich gar nicht mehr bemühe, euch anzurufen, weil ihr eh keine zeit haben werdet? was wäre, wenn mich eure dreisamkeit einfach einsam gemacht hat? habt ihr dann auch verständnis und lasst alles stehen und liegen, wenn ihr das wisst? so wie ich, wenn ihr eine (für euch vage, für mich verbindliche!) vereinbarung trefft (und wegen des kindes wieder absagt)?

was, wenn ich traurig bin und genau euch brauche? weil nur ihr mich so gut kennt wie keine andere. was dann?

ich sags euch: dann bin ich allein. und ihr zu dritt.

One Response

  1. eimerchen Says:

    Hm.
    Ich hab das jetzt drei Mal gelesen.
    Ich kann verstehen und nachvollziehen, auch nachempfinden, was Du sagst und dennoch…

    Ich habe unter meinen Freunden recht viele Mütter, deren Kinder im Alter von absoluter Frischling bis 9 Jahren reichen.
    Meine Freundschaften zu ihnen haben sich etwas geändert, aber eher aufgrund unseres fortschreitenden Alters und weniger wegen der Kinder.
    Klar, mit Kindern ändern sich viele Prioritäten, und bei aller Abscheu gegen übergluckende Helikoptereltern, so ist es doch grundsätzlich richtig, dass einem Kind Prio 1 gegeben wird, gerade in den ersten drei Lebensjahren, in denen sie so sehr geprägt werden.

    Wenn ich meine Mütterfreundinnen sehen will, dann passiert es eben nicht mehr bis in die Puppen in ner Kneipe, sondern auf dem Spielplatz, dann gehen wir eben Spazieren, statt nur in einem Café zu sitzen, dann lass ich mich als Klettergerüst für die Racker zweckentfremden und verschaffe der Mutter mal eine ruhige Mahlzeit, nach der wir dann schnacken können, wenn der müde gespielte Nachwuchs Mittagsschlaf macht.
    Es ist eine Veränderung auf die ich mich einlasse, die mir neue Einblicke erlaubt, in der ich mit Sandhänden und Sabbermund abgeknutscht und umgeknuddelt werde.

    Manchmal nervt es auch, klar, da kann man dann keinen geraden Satz rausbringen, weil heute ‚ich nerv Mama und alle die ihre Aufmerksamkeit außer mir haben wollen‘-Tag ist, weil gezahnt wird, schlecht geschlafen wurde oder sonstwas ist. Aber eigentlich sind solche Tage in der Minderheit.

    Und ich muss sagen, auch ich bin durch meinen Job nicht mehr so flexibel, bin abends auch mal müde und würde lieber ins Bett als mich noch zu treffen, obwohl sie nun extra einen Babysitter organisiert hat. Oder es kommt noch ein Termin reingerutscht, oder ich muss mich spontan um einen Familienangehörigen kümmern.

    Ich habe absolut Verständins dafür, wie Du Dich fühlst, ich kenne diese Empfindungen gut als sehr häufig einziger Single unter Paaren und Paaren mit Nachwuchs, aber ganz so schwarz/weiß, wie Du es darstellst, kann ich es dann doch nicht sehen. Ich glaube, man kann sich da schon ein wenig auf die Veränderungen einlassen, deren Welt hat sich komplett geändert durch den Nachwuchs, das lässt sich nicht einfach ignorieren. Wenn man nicht ein ‚genau so wie früher‘ erwartet, dann wird man auch nicht so enttäuscht. So doof es klingt, aber wir sind eben auch keine 20 mehr, auch ohne Kind nicht.

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