der kleine dschihad

die ganze welt zittert vor der terroristischen bedrohung der dschihadkrieger. und doch gehen alle irgendwie davon aus, dass der dschihad weit weg geführt wird. irgendwo in palästina oder pakistan. aber sie irren. dschihad ist überall. und vor allem in neukölln. und er ist wütend. ich kenne dschihad. er hat in meinem alten haus unter mir gewohnt. es ist ein kleiner dschihad, aber er wächst heran. und er ist zornig.

aber von anfang an. ungefähr zu der zeit, als ich anfing, mich zu fragen, wer denn anne sei, fiel mir auf, dass eine stimme besonders laut nach ihr brüllte. nicht nur laut, sondern mit einem unterton, der sagte „komm her oder…“. manchmal hörte ich diese stimme auch fast im plauderton sprechen, unten auf der straße. aber selbst dieser plauderton ließ keinen zweifel daran, dass der dazugehörige junge sich offenbar für den übergeordneten hielt. wenn dann die zwitschernde, ruhige stimme des dazugehörigen kopftuches antwortete, löste das in der regel laute und herrscherische kommentare seinerseits aus.

einmal traf ich die beiden im hausflur, sie wohnen ganz unten im haus. das kopftuch hatte den bengel offenbar aus der schule abgeholt. wahrscheinlich die rütlischule, denn sie ist die am nächsten liegende. kopftuch (mit dem tornister des jungen in der hand) und sohn kamen gerade nach hause und sprachen über die schule. er auf deutsch (immerhin) und sie zwitscherte auf türkisch zurück. das gespräch fand seinen höhepunkt in der zornigen aussage: „anne, ich will auch freunde haben!“.

mein erster gedanke war: na, dann sei halt ein bisschen netter. ich hatte ihn schon des öfteren auf der straße mit anderen beobachtet und er ist ohne witz eine ein-mann-terrorzelle. er spielt nicht, er schlägt. er läuft nicht, er tritt. er redet nicht, er brüllt. zu diesem zeitpunkt wusste ich aber seinen namen auch noch nicht.

den erfuhr ich, als ich eine liebe freundin im nahegelegenen tabakladen besuchte. sie kennt so ziemlich jeden im kiez und vor allem natürlich die, die bei ihr einkaufen. seine mutter kauft auch bei ihr – zigaretten. und sie ist alleinerziehend. und diese freundin kannte den namen des kleinen dämons: dschihad.

selten war ein name so sehr omen. wie in migrantenkreisen üblich, wird der bengel nicht erzogen, er wächst auf. respekt vor seiner mutter hat er nicht, denn er wächst auf in dem bewusstsein, dass männer mehr wert sind als frauen und mütter die versorger der familie. einen vater, der ihm respekt beibringen könnte, gibt es nicht. da er allein mit seiner mutter ist und ohne grenzen aufwächst, ist er frustriert. die anderen kinder mögen ihn nicht, weil er so grob ist. ich möchte nicht darüber nachdenken, was für ein teenager oder gar erwachsener so aus dschihad wird. wahrscheinlich werden wir ihn irgendwann bei „teenager außer kontrolle“ wiedersehen oder auf einem fahndungsfoto der polizei am hermannplatz in der u-bahn. oder auf der bühne unter dem künstlernamen „der gotteskrieger“, wo er über seine harte kindheit im neuköllner ghetto rappt.

und bei euch so?

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