wer schön sein will muss leiden?

so etwa einmal im jahr überkomt mich die idee, ich müsste mich doch mal weiblicher geben. nicht, dass ich rumlaufen würde wie ein bauarbeiter, aber ich bin halt eher so der praktische typ.

ich habe ziemlich lange haare. das wissen die meisten nicht, weil ich sie fast ausschließlich zusammengerödelt am hinterkopf trage. ich schminke mich kaum bis nie. ich bevorzuge flache, bequeme schuhe und hosen.

aber ab und zu gibt es diesen stachel, der mir sagt: komm rachel, machen wir uns richtig schick und verkleiden uns mal als mädchen. das geht dann so:

ich lasse mir die fingernägel wachsen. und lackiere sie. ich lackiere meine fußnägel. ich rasiere mir die beine frisch. ich lege make-up auf. ich ziehe mir hübsche wäsche und ein kleidchen an. ich lasse meine wallemähne wallen. ich ziehe hochhackige schuhe an. und verlasse das haus.

nehmen wir an, draußen ist ein lauschiger, warmer sommerabend. ein brise weht angenehm durch die berliner straßen.

frisch geschminkt mit make-up, puder, lidschatten und nur drei versuchen, die mascara wangenfleckfrei auf die wimpern zu zaubern, verlässt eine wohlduftende rachel im kleidchen mit hohen pumps und mit wallender haarpracht das haus. ca 100 meter hinter der haustür weht ihr der wind ins haar und selbiges ins gesicht. alle versuche, die mähne mittels hintersohrschieben und ähnlichem zu bändigen, scheitern. erste striemen ziehen sich durchs frische make-up. die schwüle luft lässt sie unter dem make-up zerfließen. selbiges glänzt innerhalb weniger minuten trotz puder wie eine frische speckschwarte.

die wärme erzeugt unter dem kleid innerhalb kürzester zeit ein tropisches klima, das seinesgleichen sucht. ungefähr 300 meter hinter ihrer haustür wünscht sich rachel dringend eine thigh gap. der string klemmt in der kimme, als wollte er dort ein weltimperium eröffnen und nie wieder weggehen. beim ersten hastigen umsteigen in u- oder s-bahn bemerkt rachel, dass (mindestens) einer der pumps scheuert oder schubbert oder drückt. sie weiß auch, welche fußwege heute noch vor ihr liegen. und selbst wenn diese eher kurz sein sollten, wird es mindestens für eine blase wenn nicht sogar für eine aufgescheuerte blase reichen.

während der fahrt fällt rachel auf, dass beim beinerasieren wieder haare stehengeblieben sind. das kleid rutscht ständig und der bh kneift. immerhin bekommen die inneren obeschenkel während der fahrt im sitzen pause, wobei das klima unterm kleid nicht besser wird, weil man als frau ja eher selten drei sitzplätze beansprucht, weil man die beine weit spreizt, wie es manche männlichen exemplare gern tun. dank der langen krallen tippt sie mehrfach die falsche app auf dem smartphone an und kann kaum texten.

unter den offenen haaren schwitzt rachel wie ein wombat bei der liebesjagd und verflucht sich für die hammeridee, sie doch heute mal offen zu tragen und extra kein haargummi mitzunehmen, um nicht in versuchung zu geraten, sie beim ersten schweißausbruch wieder zusammenzubinden. am treffpunkt angekommen sieht rachel etwas derangiert aus und verabschiedet sich direkt nach einer kurzen begrüßung auf die toilette.

im spiegel sieht sie ein glänzendes gesicht mit pandaaugen von der verschmierten mascara, deutlich sichtbare krähenfüße dank verkrustetem make-up. der nacken fühlt sich an, als würde dort eine feuerameisenkolonie eine wilde party feiern. am rechten fuß ist eine blase aufgegangen und wird den rest des abends die hölle auf erden sein, denn als nichttussi hat rachel natürlich kein erste-hilfe-kit in ihrer riesenhandtasche, weil rachel als nichttussi auch keine riesenhandtasche sondern nur eine tasche für handy, zigaretten, portemonnaie und fahrschein hat. mit toilettenpapier werden kleinere restaurationsarbeiten im gesicht vorgenommen, denn notfall-make-up passt auch nicht in die kleine, praktische tasche. dann geht rachel an die bar und bestellt cuba libre.

irgendwann kommt sie nach hause. mit viel cuba libre im blut und müde fällt sie in ihr bett. am nächsten morgen kommt sie ins bad und fragt sich beiläufig, wer der panda in ihrem spiegel ist.

jaja, eine frau sein ist super. wozu das ganze gerödel?

und bei euch so?

eure rachel (die sich jetzt erstmal die krallen schneidet und den nagellack entfernt.)

 

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