auch eine rachel ist mal traurig

während ich das schreibe, sitzt meine mieze, meine kleine sahneschnute, hinter mir am fenster.

wer der meinung ist, haustiere sind doch nicht wichtig und nicht verstehen kann, warum man daran hängt, kann, darf und sollte jetzt wegklicken.

13445255_10210160849483641_9079619639013483003_n

ich habe oft im scherz gesagt, dass die beziehung zu meiner katze die erfolgreichste ist, die ich je geführt habe. wir sind seit mehr als 14 jahren zusammen, das tier und ich. sie hat mich zu ihrem lebensmittelpunkt erkoren und ich habe die entscheidung, dies zu akzeptieren, bewusst getroffen. bewusst der tatsache, dass die leichten sonnigen tage der jugend irgendwann vorbei sind. nun ist es gottlob mitnichten so, dass akut eine entscheidung pro oder contra weiterleben anstehen würde, die ich aktiv treffen müsste. für ihr alter ist meine sahneschnute gesund, wach und fit. sie sieht gut, sie hört noch alles (was sie hören will), ihre zähne sind prima und die blutwerte bombe. keine nierenprobleme, leber gut, alles im lot.

unser problem ist ein anderes. unser problem bin im grunde ich.

als sie mich zu ihrem lebensmittelpunkt erkor, an diesem wundervollen tag im frühling 2002, da war ich das auch. ich habe studiert, war viel zuhause. ich schrieb meine magisterarbeit, war viel zuhause. ich war arbeitslos und viel zuhause. ich hatte einen job in meinem kleinen greifswald, also war ich auch nie lange weg. ich hatte nie die kohle für lange urlaube. wir zogen nach berlin, ich war immer noch viel zuhause. teilzeitjob, arbeitslos, kurze phasen vollzeitjobs, selbstständigkeit. ich war fast immer da. bis zum januar 2014. da begann ich einen vollzeitjob, den ich noch immer habe. so dankbar ich dafür bin, endlich nicht mehr am existenzminimum und darunter hinweg zu krauchen, so verstörend ist es für die sahneschnute. denn: mama, ihr mittelpunkt, der immer da war, ist von einem tag auf den anderen mindestens zehn stunden außer haus.

dieser fakt versetzte die sahneschnute in stress. sie begann, sich zur beruhigung zu lecken. zum ersten mal bemerkte ich den schorf auf ihrem rechten hinterbein im januar 2015. beim tierarzt wurde alles abgeklärt: futterunverträglichkeiten, allergien, exoparasiten, hautkrankheiten. nichts davon traf zu. am wahrscheinlichsten: stress. ich wollte ihr ersparen, was wir nun seit fast drei monaten haben: den starren plastikkragen. ich kaufte ihr einen body – sie zog ihn aus. ich kaufte einen kragen mit aufblasbarem schlauch drin: sie kam trotzdem an die stellen am bein. ich kaufte einen trichterkragen aus stoff und sie hatte nach 24 stunden raus, wie sie den knicken muss, um an die stellen zu kommen. an meinem geburtstag trug sie stofftrichter UND schlauchkragen in kombi und kam irgendwann zufrieden grinsend ins wohnzimmer, mit zwei großen löchern am oberschenkel, wo vorher immerhin schorf war. ich ging mit ihr zum tierarzt, sie bekam einen plastikkragen, antibiotikum und sollte drei tage später operiert werden. nicht mal 24 stunden später hatte sie raus, wie sie trotz dieser tüte an die stellen kommt. ich war am ende. die op sagte ich ab. ein riesenloch im katzenbein, das sie trotz kragen erreicht?

14066363_10210700322970141_6215689335694997771_o

an meinem geburtstag dachte ich mal darüber nach, wann ich das letzte mal keine sorgen hatte. ich weiß es nicht. das hat sich nicht geändert. seit etwas mehr als einer woche haben wir einen neuen, breiteren kragen. der sie wirklich echt behindert. fressen geht nur wirklich, wenn ich mich mit ihr in der küche einsperre, die tüte abnehme, warte bis sie fertig ist und die tüte wieder drauftue. das schlimmste daran ist, dass sie das weiß. dass sie vor mir flieht. fast auf dem bauch durch die wohnung kriecht. sie versteht natürlich nicht, warum ich ihr das antue, sie sieht nur, DASS ich ihr das antue.

wenn sie mich mit ihren gelbgrünen großen wunderschönen augen traurig aus dem kragen anschaut, bricht es mir das herz. wenn sie, den kragen über den boden schleifend fast auf dem bauch durch die wohnung schleicht, bricht es mir das herz. wenn ich höre, wie sie sich auf dem klo mit dem kragen quält, bricht es mir das herz. aber am schlimmsten ist: wir entfremden uns. sie traut mir immer weniger. genauso, wie ich ihr immer weniger trauen kann. drei sekunden ohne kontrolle reichen, damit sie sich die (nur noch) eine stelle am bein wieder aufreißt. sie schläft bei mir im bett, nach wie vor. aber unter der decke geht mit dem neuen kragen nicht, da hatten wir in der ersten nacht gleich den gau: katze unter die decke, wir schlafen ein, ich wache morgens auf und die sahneschnute liegt glücklich, zufrieden und entspannt wie lange nicht neben meinem kopfkissen. ohne kragen. aus dem war sie beim unter-der-decke-rausschlüpfen rausgeschlüpft. also muss ich nun darauf verzichten, ihr (und mir!) das verwehren, was sie natürlich nicht versteht.

kurz: meine katze fehlt mir. sie hat tage, an denen sie nicht aufstehen mag, im bett liegen bleibt, bis ich sie zum futternapf trage (das vom tierarzt verschriebene antidepressivum bekomme ich nicht gewaltfrei in sie rein). dieses tier in meiner wohnung mit dem großen kragen, das ist nicht mehr meine scully. das ist manchmal ein schatten von ihr, aber ihre fröhlichkeit und offenheit sind verschwunden. ich vermisse sie so unglaublich. ab und zu haben wir noch unsere momente. wenn sie über meine schulter hängt und schnurrt, lange. sehr lange. was sie am liebsten jeden morgen tun würde und ich muss es ihr verwehren oder unterbrechen, weil ich eben zur arbeit muss. inzwischen ertrage ich den anblick immer schwerer, ihre traurigen, vorwurfsvollen blicke. ich prokrastiniere die heimkehr. es ist, als würde ich einen kranken engen angehörigen pflegen. ich gebe zurzeit 200 euro im monat für einen menschen aus, der von montag bis donnerstag zwei stunden bei ihr ist, damit sie nicht so allein ist. das hilft, aber scully ist das trotzdem nicht mehr.

dabei schwebt natürlich immer für mich mit: ich bin damit allein. ich treffe alle entscheidungen allein, ich bin allein traurig, ich weine allein. es ist keiner da, der mich stützt, der mich tröstet. ich weine viel in letzter zeit. oft ins fell der sahneschnute. mit fast 15 jahren müssen wir den fakten ins auge blicken, die zeit spielt gegen uns. die tatsache, das wissen, dass ich im grunde das problem bin, macht es nicht leichter. möge es niemals kommen, aber eines tages werde ich vermutlich die entscheidung treffen müssen, dass es besser ist, sie gehen zu lassen. auch das allein. und mit der dann leeren wohnung allein zurückbleiben. mir gehen die galgenwitze aus und ja, ich zerfließe gerade ein bisschen in selbstmitleid. das darf ich aber genauso wie jeder andere auch. und genauso wie jeder andere möchte ich eben manchmal aufn arm und getröstet werden.

ich schreibe das tatsächlich, um ein bisschen zuspruch, flausch und trost zu bekommen. ich brauche das mal. auch eine rachel ist mal traurig.

 

Leave a Comment

Please note: Comment moderation is enabled and may delay your comment. There is no need to resubmit your comment.

beweise, dass du ein echter mensch bist!