mutterseelenallein

17. märz, gegen 17 uhr. mein handy klingelt, eine mir unbekannte handynummer. ich melde mich. „guten tag, mein name ist xyz, ich bin rettungssanitäter und wir sind hier bei Ihrer … oma … vermute ich?“ „ja, was ist passiert?“ „sie wurde heute nachmittag von bekannten gefunden und …“ mein herz setzt einen schlag aus. eine faust rammt sich in meinen bauch. „… und sie möchte nicht mit uns mitkommen.“ langsam löst sich der knoten im bauch etwas, ich habe das gefühl, als müsste ich spontan meinen darm entleeren. nach einigen erklärungen des arztes vor ort habe ich omma am telefon. sie klingt sehr mitgenommen, verwaschene sprache, hat offenbar mühe, gedanken und laute zu ordnen. ich sage: „omma, der arzt sagt, du willst nicht mitfahren.“ „nee, hab ich keine lust. ich kann ja hier auch nicht weg. wegen lucy.“ „omma, ich fänds aber gut und wichtig, wenn du mit denen mitfährst, damit die mal nachgucken können, warum du umgekippt bist.“ „ich bin nicht umgekippt!“ „doch, die frau m. hat dich gefunden, haben sie gesagt. du hast vor deinem bett gelegen. und ich fänds gut, wenn du mit denen mitfährst, damit die nachgucken können, was los ist. ich kümmer mich darum, dass das haus und lucy versorgt werden. ja? machst du das?“ „na gut, mein mädchen. dann fahr ich mit denen mit.“ „ich ruf dich später nochmal an, ja?“ „ja. okay.“ ich bespreche mit dem arzt, dass sie unbedingt ihr handy und das ladegerät mitnehmen sollen, sage ihm genau, wo alles steht.

etwa eine stunde später versuche ich, die notaufnahme zu erreichen. nach einiger zeit gelingt mir das auch. ich kann mit dem arzt sprechen. der sagt mir, dass omma bewusstlos vor ihrem bett lag, sich eingekotet hatte und das teerstuhl war. omma hat eine leberzirrhose unbekannten ursprungs, trotz zahlreicher tests und spiegelungen wurde die ursache nie gefunden. von dieser leberzirrhose hat sie ösophagusvarizen, krampfadern in der speiseröhre, die 2014 schon einmal geblutet hatten, weswegen sie damals schon einmal im krankenhaus war. teerstuhl deutet darauf hin, dass sie es nun wieder getan haben. ich werde nach ihren medikamenten gefragt oder einem medikationsplan. die medikamente kann ich mir von ihrer haushälterin durchsagen lassen, einen plan haben wir nicht bzw. wissen wir nicht, wo einer sein könnte und omma kann grad keine fragen beantworten. also müssen die präparate ausreichen. für diesen abend kann ich nichts weiter tun als zu warten. versuche, omma auf dem handy zu erreichen, schlagen fehl.

am samstag rufe ich wieder auf der station an. eine freundliche schwester sagt mir, dass omma gut geschlafen hat und auch wach wäre. ich könne sie ruhig anrufen. das tue ich dann auch. sie hat schlimme schwierigkeiten mit dem sprechen. der notarzt hatte mir abends erklärt, dass sich vermutlich ammoniak im gehirn gesammelt habe, das verursacht diese ausfälle, sei aber komplett reversibel. omma merkt, dass sie nicht sprechen kann und ist verzweifelt, ich kann es hören. ich beruhige sie und erkläre ihr, was der arzt mir gesagt hat. wir verabreden uns, später noch einmal zu telefonieren. nachmittags sieht die welt schon rosiger aus. omma ist besser drauf und kann viel besser sprechen. sie albert sogar rum und will grießpudding. ich denke: „alles wird gut.“ aber ein kleiner skeptischer teufel hat sich eingenistet und nagt an mir.

sonntag telefonieren wir wieder. sie erzählt mir unter tränen, dass ein pfleger oder arzt ihr fiese sprüche gedrückt habe, sie würde natürlich saufen, das stünde ja auch im patientenbrief. ausgerechnet meine arme omma, die in ihrem leben nie wirklich alkohol getrunken hat und da jetzt schwach und wehrlos im bett liegt und dem nichts entgegensetzen kann. sie hat die ganze nacht geweint und nicht geschlafen … mir bricht schier das herz. und dann sagt sie: „kannst du nicht herkommen?“ in diesem moment weiß ich, dass es verdammt ernst ist. und beschließe, am nächsten tag urlaub einzureichen und loszufahren. vorher rufe ich aber nochmal die station an und sage der schwester, sie möge doch bitte mit dem pfleger oder arzt sprechen, der diese sprüche gemacht hat. selbst wenn sie trinken würde, wäre es einfach ein menschliches armutszeugnis, seine launen an kranken menschen auszulassen. meine schwester setzt sich in ihr kleines autochen und kommt zu mir nach berlin.

montag gehe ich ins büro, stelle einen urlaubsantrag, informiere meinen bereich darüber, dass ich den per mail schicke und nicht darauf warten kann, dass er genehmigt wird. ich muss zu omma. ich gehe wieder nach hause, unterwegs überflutet mich die panik. die panik, omma könnte das nicht überleben. diese panik wird von nun an mein begleiter sein. sie ist die große schwester des skeptischen teufels, der an mir nagt. wir packen die katze ein, die zu dieser zeit noch die offene stelle am hinterbein und das hosenbein als leckschutz anhat. da ich nicht weiß, wann ich zurückkomme und keinem sitter zumuten will, sich darum kümmern zu müssen und auch, damit die arme mieze nicht die ganze zeit allein ist, ist das die beste lösung. zum ersten mal in meinem leben muss ich mir den schlüssel für mein elternhaus bei jemandem abholen. zum ersten mal in meinem leben ist niemand in diesem haus, als ich hereinkomme. es fühlt sich falsch an. die panik kriecht wieder hoch. ich rufe auf der station an. omma wurden vormittags die varizen operativ verödet und ich will erstmal nachfragen, wie es ihr geht. ja, sie sei noch benommen, aber wenn wir so gegen 17 uhr kommen, sollte es okay sein. ob wir grießpudding mitbringen dürfen? „na klar!“ sagt schwester annemarie. ich mag annemarie. bis zu diesem zeitpunkt habe ich seit fast 24 stunden nicht gegessen. inzwischen ist der hunger aber ein wenig größer als die abscheu vorm essen. also gehen wir essen, am hafen in wieck, noch einmal boddenluft schnuppern, kraft tanken, bevor wir ins krankenhaus fahren. wir finden die notaufnahme und werden nach kurzem warten in ihr zimmer gebracht. und da liegt sie, meine arme omma. eingefallen, blass, das gesicht ganz spitz, die augen ein bisschen trüb. als sie mich sieht, strahlt sie. ich lege meinen kopf an ihre schulter, damit sie meine tränen nicht sieht. ich muss jetzt stark sein, will sie nicht noch mehr verängstigen. sie sagt immer wieder „mein mädchen! dass du da bist, ist so schön!“. meine schwester wartet an der tür. sie und omma haben sich das letzte mal gesehen, als sie gerade laufen konnte. aber sie unterhalten sich und ich bin dankbar, denn mir fehlen die worte. ich habe angst, die panik ist wieder da, ich fühle mich unwohl. die gerüche, die situation, das gewusel auf dem flur … das ist alles zuviel. als meine schwester kurz mal draußen ist, fängt omma an, ich müsse jetzt geld abholen, falls ihr was passiert und mich um lucy kümmern. sie macht die große abschiedstour. ich lächle das weg und sage ihr immer wieder, dass wir jetzt erstmal gucken, wie es weitergeht, jetzt bin ich ja da. nach knapp drei stunden geballter lindenbaumpower ist omma auch viel optimistischer und besser drauf. einerseits will ich nur noch raus, andererseits will ich sie nicht da allein lassen. schließlich gehen wir aber, weil omma doch zusehends müder wird. es war ja auch ein langer tag. wir verabreden, morgen wiederzukommen.

dienstag fahren meine schwester und ich in die stadt und gehen in den tierpark. ich zeige ihr ommas erdmännchen und den rest des parks. wir lernen helge kennen, den superentspannten tierparkkater und plauschen mit einer pflegerin, während wir helge flauschen. auf dem weg in die stadt hat omma angerufen und mir gesagt, dass sie auf die normale station verlegt wird und wir uns ruhig zeit lassen sollen, das dauert bestimmt ne weile. vom tierpark flaniere ich also mit meiner schwester über den greifswalder wall bis zur mensa und von dort aus durch die fußgängerzone zurück. am markt essen wir mittag und schlendern zurück zum auto, um wieder zum krankenhaus zu fahren. ich rufe nochmal bei der notaufnahme an, um zu fragen, ob omma schon verlegt ist und wo die station ist. der tag ist sonnig und ich bin vorsichtig optimistisch. nach einigem suchen finden wir die station. eine schwester fragt uns, zu wem wir wollen. „ah ja, zimmer 10. da müssen sie sich den kittel und mundschutz und handschuhe anziehen, die hatn keim.“ rumms, hallo panik. ihre zimmernachbarin in der notaufnahme hatte wohl diesen keim und eventuell hat omma den jetzt auch und liegt darum allein im isolierzimmer. die gesamte station inklusive personal versprüht den charme der späten 80er. wir verhüllen uns also etwas ratlos und betreten das zimmer. nach der totalüberwachung auf der notaufnahme ist das ein schock. keinerlei überwachungsgeräte, flexyle und tröpfe ab. die flexyle sei rausgerutscht und soll neu gelegt werden. die luft ist furchtbar trocken. omma weiß gar nichts von dem keim und fällt aus allen wolken. sie sagt: „jetzt hab ich alles überstanden und nu sterb ich an so nem keim.“ wir lächeln das weg. meine schwester macht sich „sehr beliebt“, weil sie im 30-minuten-takt die schwestern aufsucht, wann denn nun die flexyle neu gelegt wird, ob der blutdruck und das fieber gemessen werden, ob man mit einem arzt sprechen kann etc. in den fast fünf stunden unserer anwesenheit kommt gerade mal ein schlecht gelaunter junger arzt ins zimmer geschlurft, der missmutig die flexyle legt. die tröpfe schließt er aber nicht an, das ist schwesternarbeit. omma hat einen blasenkatheter, das gefäß dafür ist fast voll, interessiert aber niemanden. als wir gehen, sollen wir unsere nummern dalassen. wir schreiben auf den zettel, dass bitte heute noch fieber, blutdruck, blutzucker und urinbehälter überprüft werden mögen. nach der op hatte omma leichtes fieber gehabt. auf der notaufnahme hat sich die schwester sofort darum gekümmert und einen paracetamoltropf angehängt. hier habe ich das gefühl, omma könnte auch allein in einer leeren seitengasse liegen und wäre besser versorgt.

mittwoch wollen wir zum stationsarzt gehen. gnädigerweise gewährt dieser pro tag eine stunde zeit für angehörige. vorher fahren wir nach wieck, gehen ans wasser und am hafen zurück, nerven einen fischer mit seinem vollen boot und gehen in die pizzeria, in die omma und ich immer gehen. danach noch ein boddenmodder-eis. ohne geht nicht. im krankenhaus erklärt mir der arzt auf dem flur im schönsten publikumsverkehr, was ich eh schon weiß. die varizen haben geblutet, nun muss man sehen. der keim ist nur innerhalb des krankenhauses relevant, solange daraus keine infektion entsteht, ist alles okay. dabei ist er immerzu damit beschäftigt, sich im spiegel hinter mir selbst zu bewundern. donnerstag oder freitag will er sie entlassen. „wie bitte? in dem zustand? sie kann ja nicht mal aufstehen?“ naja, man wird sehen. wir gehen zu omma und erzählen ihr das. omma setzt das gesicht auf, das ich nie vergessen werde: ängstliches kaninchen vor der schlange. bis nach hause wird sie es behalten. während der visiten erfahren die patienten gar nichts. der stationsarzt kommt einen schritt ins zimmer und von dort aus erklärt er nach papierlage kurz die lage und geht wieder. als wir mittwoch ins zimmer kommen, steht auf ommas nachttisch eine schale mit zwieback. für eine patientin mit akuten op-narben in der speiseröhre, mit ösophagusvarizen und erhöhter blutungsneigung wegen der leberzirrhose. keine weiteren fragen, euer ehren. wir bekommen aber immerhin einen testrollator ins zimmer, weil sogar omma inzwischen dämmert, dass es vorerst auch zuhause nicht ohne gehen wird.

donnerstag will meine schwester wieder nach hause fahren. dem wochenendverkehr entgehen. ich habe unser autohaus angerufen, beim letzten versuch, das auto aus der garage zu fahren, hat omma den spiegel abgefahren. donnerstag kann das repariert werden und gleich die reifen gewechselt. wir fahren also mit zwei autos vormittags ins krankenhaus. gegen mittag fahre ich zum autohaus und lasse alles reparieren. auf dem rückweg fahre ich zu einem sanitätshaus und lasse mir mal rollatoren zeigen. ich suche natürlich das porschemodell für omma aus. ein kleiner, wendiger alurolli mit tasche vorn dran und so leicht, dass er beim ziehen der lasche zum zusammenklappen mit hochkommt. mit den katalogen und infos bewaffnet schneie ich nochmal bei omme rein. da sie nicht mit mir gerechnet hat, freut sie sich wie bolle. ich erkläre ihr alles, auch, wie das mit der zuzahlung läuft. inzwischen isst sie seit zwei tagen brav dreimal am tag, also mache ich ihr abends immer reiterchen (also stulle schmieren und in happen schneiden), so wie sie es für mich immer gemacht hat. am freitag wollen wir zusammen „let’s dance“ gucken. dafür brauchen wir boxen mit klinkenstecker und ich verbünde mich mit der schwester, die dann nachtschicht hat und verspricht, mich nicht rauszuwerfen. als ich abends endlich nach hause komme, fällt mir ein, dass ich die stelle vom tier seit zwei tagen nicht verarztet habe und schaue nach. ich muss zum tierarzt.

freitag beginnt also mit dem obligatorischen telefonat mit omma und dann folgt der tierarztbesuch. ich sage, dass ich die stelle jetzt zugemacht haben will, sie mögen es nähen. die tierärztin nimmt abstriche. das ergebnis ist semigut: es gibt veränderte zellen. das kann von der dauerentzündung sein, aber auch tumor kann man nicht ausschließen. wir machen einen op-termin für kommenden mittwoch mit der option, dass ich montag anrufen kann, ob eine lücke  für eine frühere op ist. abends fahre ich zu omma, mache ihr reiterchen zum abendbrot, richte die boxen ein und wir gucken „let’s dance“. ein surreal schöner abend. ich bin gegen 0:30 wieder im haus und falle ins bett.

samstag wache ich morgens auf und stelle fest, dass das tier sich über nacht das hosenbein ausgezogen hat. ich bekomme es auch nicht wieder an. also wieder zum tierarzt, plastikkragen holen. was bedeutet: ab jetzt ist sie völlig auf mich angewiesen. mit dem kragen kann sie weder fressen noch trinken. endlich eine sorge mehr. nachmittags fahre ich auf dem weg zu omma bei der örtlichen mall vorbei. ich kaufe blumen für omma und drei shirts und einen pulli und ballerinas für mich. in greifswald ist frühling und ich hatte nur klamotten für eine woche dabei. ein shirt, den pulli und die schuhe behalte ich an, den rest nehme ich mit und zeige ihn ihr. sie findet das alles super. nach dem abendessen mit reiterchen mache ich mich auf den heimweg. inzwischen bekomme ich beim anblick der krankenhaustür schon einen trockenen mund wegen der schlechten luft dort. außerdem sehe ich, dass es omma zwar körperlich täglich besser geht, aber psychisch die kurve nach unten zeigt. sie liegt immer noch allein dort, mag nicht fernsehen und lesen auch nicht und starrt die wanduhr an.

sonntag bittet sie mich, die wanduhr auf sommerzeit zu stellen. mach ich natürlich. wir haben einen schönen nachmittag und abends gucken wir lindenstraße, hand in hand. bis die schwestern reinstürmen, um endlich mal das bettzeug mit den blutflecken von dienstag zu wechseln. omma geht inzwischen nicht mehr auf den toilettenstuhl, sondern allein aufs klo, kann sich morgens selbst waschen und zähneputzen. inzwischen ist montag angesetzt für die entlassung. problematisch ist, dass sich nun wasser im bauch sammelt. das drückt auf den magen und auf die lungen, was wiederum luftnot und appetitlosigkeit verursacht. sie bekommt tabletten zum entwässern.

montag rufe ich morgens wie immer an. sie sagt, sie hat fast die ganze nacht am bettrand gesessen und gelesen, weil sie wegen des wassers nicht einschlafen konnte. ich sage, ich komme so, dass ich mit dem arzt sprechen kann. bis zu diesem zeitpunkt hat keiner mit ihr oder mir über den zustand oder eine prognose gesprochen. die sozialarbeiterin war da, um die betreuung durch einen pflegedienst anzukurbeln und hat den rolli verschrieben. ich warte mit einer anderen angehörigen auf dem flur, sie bestätigt meine erfahrungen, auch sie erfährt nichts, wenn sie nicht informationen einfordert. nach 20 minuten erklärt mir der arzt wiederum auf dem flur, aber diesmal mit dem rücken zum spiegel, dass sie nicht mehr nach hause kann. sie muss ins heim, direkt. die prognose ist sehr schlecht, es könne wunder geben und sie könne sich noch einmal rappeln, aber es kann auch morgen vorbei sein. wer denn ihr vormund ist? sie habe keine vormund, sage ich, warum auch, sie ist ja fit im kopf und hat bis hierhin auch selbstbestimmt allein gelebt. na, dann müsse man mal mit ihr sprechen, und stürmt in ihr zimmer. von schutzkleidung ist inzwischen kaum noch eine rede, niemand überprüft das und nur die hälfte hält sich dran. in ihrem zimmer stehen drei menschen, die sie gerade befragen wollen, weil sie sich zur teilnahme an einer studie zur leberzirrhose hat breitschlagen lassen. auf die frage, ob sie gehen sollen, sagt der arzt nur, das sei nicht nötig, das dauere nicht lange. und setzt sofort an: „frau w., Sie können nicht mehr nach hause, Sie müssen ins heim.“ omma bricht auf dem punkt zusammen und weint. ich setze mich zu ihr aufs bett und nehme sie in den arm. die drei glotzen. ich schicke sie raus. der arzt sagt, er müsse seine diagnose von letzter woche revidieren und das täte ihm leid. ich atme durch und sage, dass ich die sozialarbeiterin sprechen möchte. zwischen „aus dem krankenhaus ins doppelzimmer im heim“ und „allein zuhause“ müsse es facetten geben. er sagt zu, sie anzurufen. knapp 30 minuten später, in denen ich meine verzweiflung kaschiere und omma mut zuspreche, kommt die sozialarbeiterin. und sagt: „ich sehe das anders. ich hab mit dem doktor jetzt auch geschimpft, das geht so nicht. ich habe ihre entlassung morgen befürwortet und der pflegedienst meldet sich bei Ihnen wegen der absprachen.“ die könnten bis viermal am tag kommen. omma hat wieder ihr kaninchengesicht. sie hat angst vor zuhause und angst vorm heim und angst vor allem und ich bin ihr halt. ich sage ihr „na siehste, dann kommste morgen erstmal nach hause und dann gucken wir weiter. bis sonntag bin ich auf jeden fall noch da und die osterwoche ist kurz, das sind nur vier tage. wir gucken jetzt erstmal.“ als ich nach hause kam, hab ich mich betrunken und geheult. die panik war wieder da, sie war vormittags schon da und sagte mir, dass omma nie wieder nach hause kommt. ich wusste, omma muss hier raus. hier drin stirbt sie scheibchenweise und allein.

dienstag bin ich mit organisieren beschäftigt. den rollator und den toilettenstuhl für zuhause, der pflegedienst, ihren transport. hätte ich nicht zweimal nach information gefragt, hätte man mich an diesem tag angerufen und mir gesagt, sie wird entlassen und ob sie gebracht werden soll. nachdem die station angerufen hat, rufe ich omma an. die weiß noch gar nichts von ihrer entlassung. ich fahre zum sanitätshaus und holle rolli und toilettenstuhl. fahre ins krankenhaus und packe ihre sachen. warte mit ihr auf den entlassungsbrief. gehe mit dem entlassungsbrief nochmal zum arzt, weil das wieder was von „leberzirrhose wegen alkohol plausibel“ drinsteht. er streicht alles raus, ist sehr demütig und kooperativ. dann warten wir auf den transport. der kommt, die leute reden nur mit mir. ich sage ihnen, sie können auch mit ihr reden, sie ist klar im kopf, nur schwach auffe beine. endlich sind wir zuhause. omma sagt, sie will auf keinen fall ins bett. und den toilettenstuhl braucht sie auch nicht, der kann hoch ins alte schlafzimmer. wir essen abendbrot, reiterchen mit käse und joghurt. irgendwann bringe ich sie ins bett, helfe ihr beim aus- und umziehen und gebe ihr einen gute-nacht-kuss.

mittwoch früh um 7:30 kommt die tante vom pflegedienst, um die details zu besprechen. wir sagen, dass wir viermal täglich jemanden brauchen, damit möglichst wenig zeit allein ist, in der niemand guckt. in der zeit, die omma im krankenhaus war, habe ich das schloss auswechseln lassen, sodass man auch aufschließen kann, wenn von innen ein schlüssel steckt. die schlüssel zum schloss habe ich übers dorf verteilt. die tante vom pflegedienst sagt, sie könne erstmal nur die morgendliche pflege abdecken, die leiterin sei im urlaub und sie würden sich montag melden, wie sie das organisieren können. ich bringe das tier zum tierarzt wegen seiner op. mittags essen wir auf ommas wunsch kartoffelsuppe und nachmittags lege ich mich eine stunde hin. fünf nächte mit einem kragenlöwen, der unbedingt mit unter die decke will auf einem 80cm-bett haben ihre spuren hinterlassen. gegen 16 uhr fahre ich zum sanitätshaus, einen duschhocker holen und hole dann das tier ab. von jetzt ab habe ich ein schlechtes gewissen, wenn ich omma unten und das tier oben allein lasse.

donnerstag komme ich früh um kurz nach sechs nach unten. omma liegt im bett mit kaninchengesicht und jammert. sie hat nicht schlafen können wegen des wassers im bauch und ist mürbe und will nicht mehr. „lass mich gehen, mein mädchen.“ die panik greift wieder zu. ich kämpfe sie nieder und versuche, sachlich zu bleiben. „was möchtest du? heim? krankenhaus? hospiz?“ allein könne sie nicht hierbleiben, sie wolle ins heim. ich sage ihr, dass im heim die wahrscheinlichkeit, dass bei einem zwischenfall der notarzt gerufen wird und sie ins krankenhaus kommt, groß ist, weil die das müssen. das wolle sie nicht. also hospiz? ja. ich durchwühle eins der telefonbücher nach „hospiz“ und finde „hospiz-dienst“. dort rufe ich an. eine freundliche, hilfsbereite stimme erklärt mir, dass das die nummer des hospiz-dienstes sei und dieser mit mehr als 60 ehrenamtlichen schwerkranke und sterbende zuhause begleite und auch für die angehörigen da sei. ob es hilfreich wäre, wenn jemand am nachmittag vorbeikäme? oh ja! außerdem versuche ich, einen notar zu finden. omma hat weder vorsorgevollmacht noch patientenverfügung. das will ich versuchen zu regeln. weiterhin rufe ich ihre hausärztin an, ob sie oder der kollege vorbeikommen könnten wegen der beschwerden. der pflegedienst kommt zur morgentoiletten, danach frühstückt omma und ich muss mit dem tier nochmal zum tierarzt zur nachkontrolle. der vorteil an den alten netzwerken ist, dass ich bei „unserer“ tierärztin bin, die eine gute freundin von omma ist und die mich auch schon ewig kennt. bei ihr bekomme ich einen zusammenbruch, was okay ist, weil sie es ist. ich bin panisch, ängstlich, ratlos. noch ist der tod das worst case scenario. sie fängt mich auf, versichert mir, dass sie ommas lucy nehmen wird. wir plaudern noch eine ganze weile und sie sagt, dass sie vorbeikommen will, um omma das noch persönlich zu versichern. währenddessen ruft eine weitere mitarbeiterin des hospizdienstes an und kündigt sich für den nachmittag an. full house ist ab diesem tag fast alltag. sie erklärt uns, dass zum hospizdienst noch ein spezialisiertes ambulantes palliativteam gehört, dessen ansatz eben nicht kurativ ist, sondern die verbleibende zeit so angenehm wie möglich zu machen. wir vereinbaren einen termin für den nächsten tag.

freitag gehe ich mit angst nach unten, aber omma ist schon wach und hat auch ein bisschen geschlafen. die welt ist etwas rosiger. mit dem pflegedienst geht sie sogar duschen, das war ihr größter wunsch nach dem krankenhaus. dann frühstück und mittags essen wir nudeln ganz weichgekocht mit trüffelpesto. das sap-team kommt mit einem arzt vorbei. sie sagt klar und deutlich, was sie nicht mehr will: notarzt, notaufnahme, krankenhaus, lebensverlängernde maßnahmen. ich schlucke. sie lassen notfallmedikamente da in eskalationsstufen: zum einnehmen, tropfen, zum spritzen. abends gucken wir „let’s dance“ und ein paar mal nickt omma weg, aber das ist okay. ich stelle das kopfteil ihres lattenrostes hoch und baue ihr eine kissenburg, damit sie ungefähr 45 grad höhe hat. nach „let’s dance“ helfe ich ihr ins bett und gehe schlafen.

samstag komme ich gegen acht nach unten und omma liegt friedlich eingerollt im betti und schläft. also lass ich sie, mache mir leise einen kaffee und gehe nach drüben in mein altes zimmer. als ich zurückkomme, ist sie wach im bad und strahlt mich an: „stell dir mal vor, ich hab richtig gut geschlafen!“ ich bin selig. vielleicht wird ja doch alles gut? aber seit freitag stockt die verdauung. da kommt einfach nix, trotz anreger. das skeptische teufelchen aktiviert seine große schwester und lässt mich ahnen, dass das folgen haben wird.

sonntag komme ich runter und omma sitzt am wohnzimmertisch und sagt: „ich bin gewaschen und geputzt, ich möchte gern eine pflaumenmusstulle.“ bekommt sie. an diesem tag gehen wir wie samstag schon eine hofrunde mit dem rolli. sie bekommt hühnersuppe von samstag, weil die dann so schön durchgezogen ist. und joghurt „russischer zupfkuchen“, der sie umhaut. nachmittags treffe ich mich mit einer freundin, vier stunden raus aus dem haus, zuhause wieder lindenstraße und reiterchen mit stinkerkäse. alles ist super, dafür, dass sie gerade raus aus dem krankenhaus ist. ich bringe sie ins bett, gute nacht, ich hab dich lieb. und gehe zum kragenlöwen. nehme den kragen ab und lassen dem tier ein bisschen freiheit. plötzlich rummst es unten fürchterlich. ich rufe runter: „omma?“ „ich bin gefallen!“ ich stürze runter und bin froh, dass man durch zwei türen ins zimmer kommt. denn vor einer hockt sie. sie wollte aufs klo, weil es endlich ging und dann wurde ihr schwindelig und sie ist gefallen. ich helfe ihr auf, frage, ob sie noch aufs klo will ich helfe ihr aufs klo, wische sie hinterher ab und … blut. ich sage: „du blutest. was soll ich jetzt machen? notarzt?“ nein, das team. okay, die sagen mir, das könne man nur abwarten und morgen den hausarzt anrufen. also hole ich das bettzeug runter und klappe das sofa im wohnzimmer nebenan aus, das nicht zum draufschlafen gemacht ist.

montag früh rufe ich das team nochmal an. man versichert mir, dass sowohl die schwester als auch die ärztin auf dem weg zu uns seien. der pflegedienst kann omma nur im bett waschen. ich habe nachts den toilettenstuhl von oben heruntergeholt. was ich aus dem eimer entsorge, ist eher stuhl im blut als umgekehrt. die ärztin spritzt was gegen die übelkeit, die omma hat. nachmittags kommt die mitarbeiterin des hospizdienstes. mit ihr sitze ich lange draußen und weine, weil ich gerade alles verliere. meine omma, mama, beste freundin, meinen anker und auch den ort, an den ich mich immer zurückziehen konnte, wenn alles scheiße ist. sie sorgt dafür, dass eine ehrenamtliche vorbeikommt.  das verschafft mir ein bisschen luft, mich um das tier zu kümmern. außerdem hat sie eine superidee: ein babyphone mit antwortfunktion! omma und ich reden viel an dem abend. plötzlich ist ihr tod nicht mehr das worst case scenario, sondern das unausweichliche ziel des weges. wir sind beide sehr ruhig, sehr traurig, weinen beide, lachen zusammen. sagen uns, wie lieb wir uns haben. ich schlafe wieder im wohnzimmer.

dienstag sagt sie mittags zu mir, sie möchte so gern grießbrei mit apfelmus. also koche ich greißbrei und wir essen zusammen. mir wird jeder happen im mund immer mehr, weil ich spüre, dass es unsere letzte gemeinsame mahlzeit ist. aber ich esse auf und sie will sogar nachschlag. ich gehe nach oben, das tier füttern und mich umziehen, weil ich, wenn die ehrenamtliche kommt, einkaufen will. das babyphone kaufen und alle joghurts „russischer zupfkuchen“, die im kühlregal von real,- stehen. ich komme wieder runter und omma sagt: „ich hab dich so gerufen! ich musste aufs klo!“ oje, ich entschuldige mich und wir gehen auf den toilettenstuhl neben dem bett und plötzlich starrt sie an die decke und reagiert nicht mehr. ich schnipse und klopfe sanft auf ihre wange und sie sagt „ich bin ja hier“ und ich hieve sie ins bett und das ist extrem anstrengend für uns beide. ich rufe das team an und die kommen auch schnell und ziehen ihr eine windel an. zum ersten mal seit callys tod machen sich die inkontinenzunterlagen bezahlt, die wir nun omma unter den hintern schieben. ich bin an dem punkt, an dem ich denke, dass ich das nicht allein gebacken bekomme. nebenbei habe ich mit dem pflegedienst telefoniert, der mich montag schon anrufen wollte und dann um 15:10 uhr schon im feierabend war. die wurden auch noch pampig und ich sagte nur, dass sich die situation seit mittwoch dramatisch verschlechtert hat und ich eine verlässliche aussage brauche, weil ich es allein nicht schaffe. die schwester vom palliativteam konnte ein bett in einer palliativ-wg anbieten, aber omma wollte zuhause bleiben und sie ist die chefin. also bleibt sie zuhause. abends saßen wir wieder lange zusammen, ich fragte sie, ob ich jemanden anrufen solle und sie sagte „e. wenn alles vorbei ist.“ sie sagte noch „jetzt bring ich dein ganzes leben durcheinander, mein mädchen …“ und ich sagte ihr, dass das okay ist, weil ich ihres ja auch ganz schön aufgemischt habe. irgendwann ging ich nach oben, nun aber mit babyphone. sie rief mich etwa 30 minuten später und ich ging wieder runter. ihr sei so schlecht. ob ich ihr was spritzen soll gegen die übelkeit? oder morphintropfen geben? nein, will sie nicht. irgendwann sagte sie: „geh ins bett, mädchen.“ und das tat ich. was sollte ich auch sonst tun?

mittwoch früh gegen halb fünf höre ich omma übers babyphone husten wie jemanden, der spucken muss. also gehe ich runter. spreche sie an. „ich muss raus, mir ist schlecht!“ „omma, du kannst nicht aufstehen, ich hab hier einen eimer, wenn dir schlecht ist.“ sie liegt immer noch im 45-grad-winkel und rutscht immer weiter richtung bettkante. alle paar minuten versucht sie, aufzustehen. meine panik ist wieder da. dieses mal allerdings ist es die panik, dass sie aus dem bett fällt und ich sie nicht wieder reinbekomme. ich versuche im 30 minuten-rhythmus das team anzurufen, aber keine antwort. irgendwann gegen 7 erreiche ich auf der bereitschaftsnummer des neuen pflegedienstes jemanden. die kommt auch recht schnell, hilft mir, das kopfteil wieder runterzustellen, omma weiter nach hinten im bett zu lagern. danach hat omma zwar immer noch anwandlungen aufzustehen, aber die lagerposition lässt es nicht zu. gegen mittag kommt eine weitere pflegerin, die sie ganz lieb in ein neues höschen bringt, aber die dreherei verursacht, dass omma das blut ausspuckt, das im magen ist. also neues nachthemd und neues kissen. abends kommen zwei gute freundinnen von omma, inzwischen reagiert sie nicht mehr bewusst auf ansprache. die pflegerin mittags hatte mir den rat gegeben, omma für eine weile allein zu lassen, manchmal bräuchten sie das, um gehen zu können. als die beiden weg waren, ging ich nach oben zum tier. bald hörte ich aber übers babyphone, dass die schnappatmung intensiver wurde und dachte mir: „so kannst du sie nicht allein lassen.“ also suchte ich mir alle decken zusammen, die wir haben und legte mich vor ihr bett. und schlief ein.

donnerstag gegen 4 wache ich auf und das zimmer ist ganz still. ich öffne das fenster und wünsche ihr eine gute reise.

ich bin jetzt

 

mutterseelenallein.

p.s.: das, was dem tier rausgeschnitten wurde, war ein bösartiger hauttumor.

One Response

  1. Daniela Says:

    Ach Mann. Alles, alles Liebe. Und nein, natürlich bist Du nicht mutterseelenallein.

Leave a Comment

Please note: Comment moderation is enabled and may delay your comment. There is no need to resubmit your comment.

beweise, dass du ein echter mensch bist!