memories

6.4. bis 6.6.

zwei monate und sechs tage ist es her, dass du mir gesagt hast, dass ich dich gehen lassen soll. zwei monate und sechs tage ist es her, dass ich dir gesagt habe, dass es okay ist, wenn du gehen willst, aber ich nicht möchte, dass dir jemand steine in den weg legt. zwei monate und sechs tage ist es her, dass ich dafür gesorgt habe, dass du bis zum schluss zuhause bleiben konntest.

zwei monate und fünf tage ist es her, dass du mit fester stimme und festem willen dem palliativ-team gesagt hast, dass du lieber sterben möchtest, als nochmal ins krankenhaus zu gehen.

zwei monate und dreieinhalb tage ist es her, dass du diese entscheidung bekräftigt und dich auf den weg gemacht hast.

zwei monate und zwei tage ist es her, dass wir zum letzten mal miteinander gesprochen haben. als du mir gesagt hast, wie tapfer ich bin und wir uns immer wieder gesagt haben, dass wir uns liebhaben.

zwei monate und einen tag ist es her, dass ich nachts davon aufgewacht bin, dass du gehustet hast und aufstehen wolltest. dass ich die halbe nacht und den halben tag an deinem bett saß und dich davon abhalten musste, nicht aus dem bett zu fallen. dass ich den halben tag an deinem bett saß und deine hand hielt, die andere zeit in anderen räumen verbrachte, immer mit dem babyphone im anschlag, falls etwas sein sollte, weil die schwester mittags zu mir gesagt hatte, dass sich sterbende manchmal schwertun mit dem gehen, wenn ein lieber mensch in der nähe ist.

zwei monate ist es her, dass ich um halb eins hörte, wie deine atmung immer flacher und schwerer wurde. dass ich alle decken im haus zusammenraffte und mich neben dein bett auf den boden legte. dass ich dein nachttischlicht ausgemacht habe, als symbolischen akt. dass ich dir gesagt habe, dass alles gut ist, ich bei dir bin aber jetzt dringend schlafen muss und dass ich dir eine gute nacht wünsche.

zwei monate ist es her, dass ich um kurz vor vier neben dir auf dem boden aufwachte und dein körper endlich aufgehört hatte zu kämpfen. dass du den frieden gefunden hast, von dem mir gar nicht so bewusst war, wie sehr du ihn herbeigesehnt hast. den du vielleicht mir zuliebe rausgeschoben hast.

zwei monate ist es her, dass ich funktionierte und mir immer nur kurze einbrüche erlaubte. weil ich völlig unter schock stand. dass ich mechanisch alles tat, was getan werden muss, wenn ein mensch gestorben ist. und zwischendurch immer wieder zu dir ging, dich anfasste, streichelte, küsste, mit dir sprach.

zwei monate ist es her, dass sie dich abends aus dem haus getragen haben. dass ich die tür hinter ihnen schloss und hinter der tür schreiend und schluchzend zusammengebrochen bin. weil nichts mehr von dir im haus war. ich dich nicht mehr anfassen konnte, nicht mehr sehen.


seit zwei monaten lebe ich ohne dich. versuche, auszugleichen, was du mit deinem absoluten unwillen, deinen nachlass zu regeln, hinterlassen hast. mache ämtergänge, darf mir vom mann bei der sparda, bei der du schon ein konto hattest, als sie noch die reichsbahnbank war, sagen lassen, wir hätten doch jahrzehnte zeit gehabt für eine vollmacht. mache babyschritte. bestattung, testament, finanzamt, erbe, auto ummelden, auto kaputt, autos stellplatz organisieren. versuche, wieder zu arbeiten, unter menschen zu sein.

seit zwei monaten gibt es gute, okaye und schlechte tage. zwischen all dem orga-kram immer wieder der emo-kram. heulkrämpfe. mal kurz, mal stundenlang. immer dann, wenn die erkenntnis kurz ernst wird, dass du wirklich wirklich nicht mehr da bist. nicht mehr greifbar, nicht mehr kontaktierbar. dass ich außer dir alles andere verloren habe, was mein leben ausmacht. dein herz und deine seele, deinen humor, deine klugheit, deine albernheit, dein wissen, mein elternhaus, meinen rückzugsort, der immer alles wieder ein bisschen besser gemacht hat. all das und noch so viel mehr: dich.


„erinnerungen sind ein fenster, durch das ich dich immer sehen kann“ stand in meiner traueranzeige für dich. erinnerungen sollen trösten heißt es. die frau vom diakonie-dienst hat vor zwei monaten und sechs tagen gesagt, dass diese begleitung ein großer schritt ist. dass mir niemand die erinnerung daran nehmen kann. dass es mich verändern wird, aber auch stärker machen. sie hatte recht. und ich würde mir wünschen, jemand nähme mir diese erinnerungen.

wenn ich an dein gesicht denke, sehe ich keine lachende omma, die mich im arm hält, keine verschmitzte omma, die albern ist. ich sehe dein eingefallenes spitzes gesicht im krankenhaus, dein kaninchengesicht, dein gesicht am letzten tag, als dein körper gegen deinen willen ankämpfte und dein gesicht mit dem offenen mund, als alles vorbei war. ich sehe die farce deines gesichts bei der aufbahrung.

wenn ich versuche, deine stimme zu hören, höre ich nicht, wie du mich als kind liebevoll „mein katzenöhrchen“ oder „mein hasenschwänzchen“ genannt hast oder wie du für mich gesungen hast. ich höre deine brüchige stimme, die mich am letzten abend ruft, ich höre „ich muss raus, mir ist schlecht“, ich höre dein allerletztes klares wort: „kkkkaaaaahalt“.

wenn ich versuche, dich zu riechen, rieche ich nicht dein oil of olaz, das du zeitlebens benutzt hast, kein parfum, keinen weichspüler und nicht mal die nivea-waschcreme und körpercreme, nach der du immer geduftet hast, wenn der pflegedienst dich gewaschen hatte. ich rieche den harten eisengeruch des blutigen konglomerats in deinem toiletteneimer.

vor meinen inneren augen, ohren und meiner inneren nase stirbst du immer und immer wieder. das sind die erinnerungen, die mich heimsuchen, wenn ich im bett die augen zumache. die mich das bett inzwischen fürchten lassen.


zwei monate und sechs tage ist es her, dass ich dir gesagt habe, dass es okay ist, wenn du gehen willst, dass ich schon groß bin und dass ich irgendwie klarkomme, auch wenn ich noch nicht weiß wie. das war gelogen und wir beide wussten das.

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beweise, dass du ein echter mensch bist!