ein halbes jahr

sonntag, 18:30 uhr. das telefon klingelt, ich melde mich mit „na, omma?“ du sagst „na, mein mädchen?“ „wie isset, omma?“ „naja, läuft so.“ und dann haben wir uns erzählt, was in der woche los war. was uns bewegt hat. übers wetter geplaudert oder über fernsehdinge oder was du gerade liest. bis du pünktlich um 18:50 uhr immer sagtest: „du, lindenstraße fängt an. dann machen wir jetzt mal schluss.“ unser ritual seit jahren. selbst, wenn ich auf teneriffa war, haben wir sonntags telefoniert. seit einem halben jahr ist das anders. du rufst nicht mehr an. ich kann dich nicht mehr anrufen. zum einen, weil deine nummern nicht mehr existieren, zum anderen, weil es dich nicht mehr gibt. und ich denke oft sonntags darüber nach, was du für mich warst. du warst mein anker, meine älteste und beste freundin, die ich immer anrufen konnte. seit du nicht mehr bist, treibe ich ankerlos auf einer schwarzen see.

es gibt so vieles, weswegen ich dich anrufen möchte, dir erzählen, was ich erreicht habe, geschafft habe. weil du immer die einzige warst, die mich dann bestätigt hat. oder kluge nachfragen gestellt hat. und dann fällt mir wieder ein, dass so dinge wie das protokoll der testamentseröffnung und damit die löschung deines kontos nicht nötig gewesen wären, wenn du noch leben würdest. dass ich das auto nicht hätte ummelden, reparieren lassen und einen stellplatz mieten dafür nicht hätte müssen, wenn du noch leben würdest. dass der gang zum makler nicht nötig gewesen wäre, wenn du noch leben würdest.

ich sitze in unserem, deinem, jetzt meinem haus und berühre die wände. dieses haus, in dem ich aufgewachsen bin, das mein anker war, zu dem ich immer zurückkehren konnte in der gewissheit, dass es da ist, du da bist, ich dort runterfahren und frieden finden kann. dieses haus habe ich letzten montag den haien preisgegeben, den aasgeiern, die darüber kreisen, seit du es für immer verlassen hast. und es fühlt sich wie verrat an. verrat an dir, all den tieren, die hier begraben sind, und auch an meiner kindheit, die du so sicher und liebevoll gemacht hast, wie es dir nur irgend möglich war. gefühlt nehme ich dieses jahr nur abschied. erst von dir, jetzt vom haus und von greifswald. klar kann ich hier auch noch herkommen, wenn das haus verkauft ist, aber es wird nie wieder so sein wie früher.

früher, als ich wegwollte, von diesem dorf, wo man für jeden mist mit dem auto mindestens zwei kilometer fahren muss. früher, als ich immer wusste, dass ich zwar weg bin, aber jederzeit immer herzlich willkommen bin. früher, als ich mir nicht vorstellen konnte, dass in diesem haus mal im dunkeln kein licht brennt und kein mensch ist. du nicht bist. ich habe dir gesagt, dass sich das haus falsch anfühlt ohne dich. das ist immer noch so. ich finde dort den frieden nicht mehr, den ich immer gefunden habe.

aber das ist auch irgendwie die geschichte dieses jahres. der frieden ist weg. die ruhe ist dahin. mit goethe gesprochen: „meine ruhe ist hin, mein herz ist schwer, ich finde sie nimmer und nimmer mehr“. zum einen bringt mir das haus keine ruhe, keinen frieden mehr, zum anderen kann ich es nicht loslassen. in den sechs monaten ging es mir eigentlich kontinuierlich besser, bis dann das protokoll der testamentseröffnung kam und ich dein konto auflösen konnte und dann auch ernsthaft über den hausverkauf nachdenken musste. denn meine erzeugerin und ihre schwester haben nun das recht, bis sofort ihren pflichtteil des erbes einzufordern. welches sich aus dem gesamten nachlass berechnet wovon das haus der größte teil ist. also muss ich schnellstmöglich zahlungsfähig sein. und so sitze ich in dem haus und nehme abschied. von meiner kindheit, meiner jugend.  von uns.

es gibt so vieles in diesem haus, womit ich überfordert bin. angefangen bei den ordnern, die so klangvolle namen tragen wie „haus finanzen“ und dann voll sind mit in klarsichthüllen abgelegten broschüren und flyern und schriftlichen grabenkämpfen in mindestens zweifacher ausfertigung ebenfalls in klarsichthüllen mit irgendwem, aber nix mit substanz. dann kommen dinge wie dein bürgelgeschirr, das du heiß und innig geliebt hast und mit dem ich nichts anfangen kann, dessen wert ich aber auch nicht einschätzen kann. die sammelteller mit katzen- und hundemotiven, ebenso. ich werde den weihnachtsschmuck mitnehmen, obwohl ich nun mit weihnachten erstmal nix anfangen kann.

ich bin einfach mit so vielem überfordert und habe keinen mehr, den ich fragen kann. du bist nicht mehr da. ich höre immer wieder, wie bewundernswert es ist, dass ich das alles so hinbekomme und denke mir dann, „dafuq? ich stolpere durch einen dunklen raum und ab und zu finde ich eine tür zu einem anderen, auch dunklen raum“. es gibt so vieles, woran ich zweifele. ob ich dies und das an deinem ende hätte besser machen können, sollen? hätte ich in der nacht, in der ich todmüde nach oben gegangen bin, weil du es gesagt hast und in der ich auch einfach schlafen wollte, bei dir bleiben sollen? bis du nicht mehr ansprechbar warst? wir hätten nicht viel gesprochen, bestenfalls hätten wir hand in hand gesessen. hätte ich dich fragen sollen, ob du angst hast, etwas bereust, solche dinge? wenn du es mir hättest sagen wollen, hättest du es getan, oder? hätte ich deine lippen befeuchten sollen? du hast, als ich sie mit butter bestreichen wollte, den mund zusammengekniffen, danach hab ich nicht mehr gewusst, was ich tun kann, soll, muss und was nicht. hätte ich für dich singen sollen? mir fällt nur ein lied ein, das du mir immer vorgesungen hast. hätte ich dir vorlesen sollen? du hast mir gesagt, als ich dich fragte, ob ich dir den aktuellen krimi vorlesen soll, du müsstest das schon allein lesen, um es zu verstehen. ich habe das gefühl, 100 fehler gemacht zu haben, weil ich nicht wusste, wie ich es besser machen kann. ich habe dir ermöglicht, zuhause zu sterben, aber darüber hinaus? was ist mein verdienst? habe ich es richtig gemacht?

ja. es ging mir schon besser in diesem jahr. aber seit dem protokoll hat sich dein tod wieder in meine gedanken geschlichen. seit die tage deutlich kürzer werden, die dunkelheit früher und früher ins wohnzimmer schleicht und morgens länger bleibt, nimmt auch die traurigkeit mehr raum. sie fordert ihn, macht sich breit und lässt die kaum verschorften wunden wieder aufplatzen und bluten. mein körper sagt sehr sehr deutlich, dass er ruhe braucht in diesem jahr, in dem ich genau einen urlaubstag nur für mich hatte. und ich werde den beginn meines ersehnten urlaubs im dezember damit verbringen, das haus auszuräumen, also weiter abschied zu nehmen. das dann wahrscheinlich schon verkauft ist. an hoffentlich jemanden, der es nicht abreißt und ein neues baut.

omma, du fehlst so sehr, dass es unfassbar wehtut. ich liebe dich. meld dich doch mal. wen ruf ich denn jetzt aus dem urlaub an?

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One Response

  1. Caro Says:

    Mich. Ruf mich an.

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beweise, dass du ein echter mensch bist!