rachels kubarundreise, teil 1: anreise und santiago de cuba

eins vorweg: es ist möglich, dass dieser reisebericht von meinem desolaten gesundheitszustand und meinem allgemeinen angeschlagensein beeinflusst ist. er wird verfasst, um meinen eindruck zu vermitteln und stellt keine verallgemeinerung dar. andere rundreisen unter anderen voraussetzungen mögen völlig anders verlaufen.

2003 war ich in kuba. in trinidad auf der halbinsel ancon im brisas del mar trinidad. ich hatte damals nicht viel geld und konnte mir nur einen stadttrip nach trinidad und einen nach havanna leisten, aber ich kehrte beseelt und sehnsüchtig nach hause zurück. kuba war seitdem immer mein „wenn ich mal die kohle habe, dann aber!“-ziel für länger. der traum war eine tanzreise durch kuba. nach meinen erfahrungen jetzt bin ich ganz froh, dass ich die nicht gemacht habe.

aber fangen wir vorn an. nach monatelanger vorfreude fuhr ich also am 13.12.2017 nach tegel, um von dort nach frankfurt zu gelangen. in frankfurt sagte mir eine tafel zur begrüßung, dass mein anschlussflug wohl zwei stunden verspätet ist. prima. immerhin war am gate eine smoker’s lounge. mit 2,5 stunden verspätung gings dann los gen holguin. wegen der verspätung bekamen alle passagiere zugriff aufs premium-entertainment-programm. also guckte ich „ich, einfach unverbesserlich 3“ und „fluch der karibik. salazars rache“ und die zweite staffel von game of thrones. elf stunden sind lang. sehr lang.

statt um 16.20 uhr wie geplant landeten wir also gegen 19 uhr in holguin. holguin ist ein sehr übersichtlicher, aber offiziell internationaler provinzflughafen. uns wurde gesagt, wir müssten jetzt bedauerlicherweise zu fuß zum flughafengebäude. nun, nach elf stunden (bzw. schon fast 20 stunden insgesamt) war das kein ding und die willkommene gelegenheit für ein zigarettchen. die ankunftshalle war mit den passagieren unseres fliegers quasi voll. vor uns eine wand mit mehreren buden drin, die sich als zollkontrolle erwiesen. da musste man rein, den pass überreichen und nochmal in eine digicam gucken, damit sie einen auch erkennen, wenn man sich danebenbenehmen sollte im urlaub (bei der ankunft dachte ich noch: naja, wenn dir was passiert, haben sie ein bild von dir in völlig fertig, ist ja vielleicht nicht schlecht. inzwischen glaube ich, das war rein zur etwaigen disziplinierung und überwachung der touristen.). hinter der bude befand sich eine erneute sicherheitskontrolle. man hätte ja zwischen der vor dem abflug und der ankunft noch irgendwo explosive stoffe kaufen können. für diese sicherheitskontrolle gab es drei tore. davon war genau eines offen. der flieger war recht groß, dementsprechend viele menschen … es dauerte knapp 40 minuten, bis ich da durch war. dann kam die gepäckabfertigung. trotz der schon nicht unerheblichen wartezeit an der sicherheitskontrolle war noch kein einziger koffer auf dem gepäckband. ich ging also aufs klo. wat mutt, dat mutt. da standen sehr nette damen, die das toilettenpapier zuteilten. okay …

irgendwann setzte sich das gepäckband in bewegung. wohooo! die koffer kamen in abständen, die vermuten ließen, dass sie mit koffertrolleys einzeln vom flieger zum band gebracht wurden. auch hier verbrachte ich gut 45 minuten, bis endlich mein koffer da war. inzwischen war es also fast 21 uhr, und ich dachte so: na, mal sehen, ob mein „repräsentant“ und mein transfer noch da sind. waren sie. der repräsentant sprach sehr gut deutsch, mein fahrer okayes englisch. auf meine frage, ob ich irgendwo (an einem  internationalen flughafen unter der woche um 21 uhr) noch eine flasche wasser jagen kann, kam bei meinem fahrer ratlosigkeit auf. er schickte mich in die abflughalle, da war aber alles dicht, ebenso wie der kiosk vor dem flughafen. genauso wie die wechselstube übrigens, also hatte ich keinerlei kubanisches geld, nur euro.

wir fuhren also los gen santiago. da mein ursprünglicher plan (ich komme an, werfe mich in meinen bikini und in den pool und dann an die bar) nun dank zwei stunden fahrzeit makulatur war, war mir alles egal. ich wollte nur endlich ankommen und aus meinen thrombosestrümpfen raus und was wettertaugliches anziehen. wobei letzterer wunsch nach etwa 30 minuten fahrzeit ebenfalls verschwand, da mein fahrer die klimaanlage auf gefühlt 10 grad eingestellt hatte und ich mich unter meiner sweatjacke einkuscheln musste, um nicht zu erfrieren. irgendwann hielt er an einem restaurant an und meinte, er kaufe mir jetzt eine flasche wasser. bevor jetzt alle in „aaaawww! wie aufmerksam!“ ausbrechen: der transfer hat mich 180 euro gekostet. ein taxi hätte die hälfte gekostet. und er hat in kubanischen pesos bezahlt, also hat ihn das wasser bestenfalls 20 cent gekostet.

eine nächtliche fahrt über kubanische straßen ist … ein abenteuer. straßenbegrenzungen gibt es nicht und darum fahren alle mittig. will man überholen, wird lichthupe gemacht und gehupt, bis der vorausfahrende ein wenig nach rechts zieht. keine ahnung, ob die scheinwerfer des autos so schwach waren oder der fahrer nachtblind: fernlicht hatte er fast immer an. auch bei gegenverkehr. nach langer zeit über dunkle straßen mit winzigen unbeleuchteten dörfern kamen wir tatsächlich irgendwann in der zivilisation, sprich in santiago am hotel an. ein angestellter nahm meinen koffer in empfang auf einem einsamen gepäckwagen und geleitete mich zur rezeption. vorher gab ich meinem fahrer noch eine der mitgebrachten duschgelflaschen als präsent mit. an der rezeption wurde mir mitgeteilt, man hätte auf mich gewartet (mit vorwurfsvollem unterton) und mein abendessen könne ich jetzt im restaurant einnehmen. ob ich noch kurz in mein zimmer könne und mich wenigstens umziehen? na gut. als ich im restaurant ankam (ca. 10 minuten später), wusste ich den vorwurfsvollen ton einzuschätzen. da stand das gesamte aufgebot. drei kellner und mindestens fünf küchenleute. für einen erwarteten gast. das würde ich noch öfter sehen.

ich aß also meine erste mahlzeit in kuba: italienische pasta. danach ging ich ins zimmer, packte aus und bin glaub ich beim hinlegen schon eingeschlafen. im hintergrund lief der der rhythmus, der mich die nächsten drei wochen begleiten würde. dum dudumm dum, dum dudumm dum … reggaeton. vor meinem kuba-urlaub mochte ich diese musik. aus gründen (und santiago war nur der erste davon) kann ich sie nicht mehr hören zurzeit.

am nächsten morgen erkundete ich das hotelgelände. es war noch vor der frühstückszeit. ich schaute mir die pools an (daumen hoch!), die dazugehörige bar, die geschäfte. es gab eine wechselstube, eine apotheke und mehrere läden und zwei tourismusbüros. eins von cubanacan, der staatlichen tourismusagentur und eins, das glaube ich einfach nie offen war, jedenfalls war nie jemand da. außerdem neben dem italienischen restaurant noch zwei weitere. läuft. also frühstück, geld tauschen, in die apotheke. weil: ich hatte ein medizinisches problem und brauchte clotrimazol-salbe. die dame in der apotheke sprach nur spanisch. damit gings los. 2003 in trinidad im hotel und überall, wo touristen waren, sprach man noch englisch. nunja. mit händen und füßen und zeigen konnte ich mein problem verdeutlichen und bekam als antwort, ich solle nach 14 uhr kommen, dann könne sie mir helfen. um 14.15 uhr war die apotheke geschlossen, auch den rest des tages. nun ja. manana. da war eine andere da und konnte mir weiterhelfen. für sehr teuer geld. medikamente sind mangelware in kuba und teuer und für touristen noch viel teurer.

da das hotel für halbliterflaschen mit wasser zwei cuc (knapp zwei euro) verlangte, suchte ich am zweiten tag nach alternativen. außerdem hatte ich gesehen, dass in einer der straßen eine hüpfburg stand und dachte: hey, vielleicht ist da ja straßenfest? gehste mal gucken. also ging ich gucken. schon auf dem weg dorthin wurde ich angestarrt wie ein alien, naja, rothaarige bleiche frau. in der tat war ab der hüpfburg eine art marktmeile aufgebaut. je weiter ich mich dort entlang bewegte, desto schiefer wurde ich angeguckt. es gab einen stand, an dem auch wasser verkauft wurde, also wollte ich welches kaufen. recht unmissverständlich wurde mir klargemacht, dass ich mit cuc hier nicht bezahlen kann und auch nicht willkommen bin. das sagten alle gesichter, in die ich guckte. bei der nächsten gelegenheit ging ich also zurück richtung hotel und fand dann einen der kubanischen „spätis“, die 24/7 alkohol, zigaretten und auch wasser verkaufen. mit zwei großen flaschen wasser bewaffnet ging ich etwas irritiert zurück ins hotel. so hatte ich kuba nicht in erinnerung.

abends nach dem essen ging ich in die rooftop-bar des hotels. mit einem atemberaubenden blick über santiago (das zwar von oben sehr pittoresk ist, unten aber stinkt wie eine dieseltankstelle) kann man dort cocktails schlürfen. drinnen war es wegen der klimaanlage unerträglich kalt, also saß ich als einer von drei gästen draußen, als aus dem nichts eine show begann. so richtig mit tänzern und sänger und allem schnickschnack. um niemandem auf den schlips zu treten wartete ich das ende ab, bis ich mich fröstelnd ob des doch recht frischen windes in der 15 etage in mein zimmer begab. hier hörte ich dann wieder das dum dudumm dum, dum dudumm dum des hoteleigenen clubs.

bis zu meinem letzten tag in santiago habe ich ehrlich gesagt mehr am pool gelegen als irgendwas sonst. santiago ist auch im dezember heiß, unter 30 grad machen wirs da nicht. da ist das die adäquate beschäftigung. am pool lümmeln, lesen und cocktails schlürfen. wenn man nach dem zweiten noch geradeaus gehen kann, bekommt man übrigens doppelt soviel alkohol fürs geld. außerdem: ich hätte für jedes ziel ein taxi gebraucht. jedes taxi, egal wohin, kostet mindestens 10 cuc. und allein für teuer geld durch die stadt gurken? dann doch lieber am pool lümmeln und für drei cuc pro drink entspannen.

am vorletzten tag bekam ich nach fast einer woche internetentzug den rappel und kaufte mir für 30 cuc 24 stunden wlan. mein bus nach camagüey ging um 6 uhr morgens, also hatte ich die 24 stunden sicher in santiago (was mir da noch keiner erklärt hatte: wlan am handy ausschalten, wenn man rausgeht). irgendwann abends verließ mich das wlan, war aber auch egal, ich war in dem hoteleigenen dum dudumm dum-club und guckte mir das mal an. als hotelgast kostete es mich keinen eintritt und die getränkepreise waren die gleichen wie im restlichen hotel. leider war die temperatur ähnlich wie in der rooftop-bar. ich beobachtete den einlauf der lokalmatadoren und ihrer damen, als tourist war ich dort definitiv in der unterzahl. auch hier fielen mir wieder die sehr skeptischen blicke der kubaner in meine richtung auf: „was will die denn hier?“ schienen sie zu fragen. offenbar handelte es sich eher weniger um arme leute, sondern um die in kuba entstehende mittelschicht, die durchaus auch vom schwarzmarkthandel profitiert. irgendwann wollte ich eigentlich nur vor die tür, eine rauchen, ging dann aber nicht wieder zurück. ich fühlte mich nicht willkommen.

an meinem letzten morgen in santiago saß ich im café vor der lobby und genoss mein internet. ein junger mann setzte sich zu mir und sprach mich nach einer weile an. schnell wurde klar: er spricht kein englisch, mein spanisch reicht kaum für rudimentäre verständigung. irgendwann begriff ich, dass er mir eine „citytour“ offerierte. auf meine frage „wie lange, wie viel?“ antwortete er „zwei stunden, 40 cuc“. ich dachte kurz nach: eine quasi private tour durch santiago, da siehste ja doch noch was. also sagte ich zu. er versprach, einen freund mitzubringen, der englisch kann. als es soweit war, winkte ich ihn ins hotel an die rezeption. ich hatte die dame dort in kenntnis gesetzt und sie fragte zu meiner sicherheit seinen namen, ID und telefonnummer ab mit der maßgabe, sollte ich in spätestens vier stunden nicht zurück sein, alarm zu schlagen.

ich stieg also in die klapperkiste ein und wir fuhren los. der fahrer sprach genauso gut englisch wie er. von dem angeblichen freund keine spur. private tour … ja. nach etwa fünf minuten fahrt zeigte er auf ein türkis gestrichenes haus und meinte „es un hospital!“ aha. so sehen also krankenhäuser in santiago aus. dann langes schweigen. wir fuhren aus der stadt raus und den schildern entnahm ich, dass wir richtung el morro, der festung unterwegs waren. dem war auch so. mein begleiter und ich stiegen aus, gingen an unzähligen souvenirständen vorbei zum eingang. eintritt für touristen: 4 cuc. für kubaner: 1 cuc. ich zahlte also fünf cuc. die fotoberechtigung hätte nochmal 5 cuc gekostet. und jedem, der wie ich das nicht zahlte, schlich merklich, wenn auch dezent jemand hinterher, um zu prüfen, ob ich auch keine fotos mache. el morro ist fantastisch, urig und bietet einen großartigen 220°-blick über den übergang des atlantiks ins karibische mehr. man sieht die sierra maestra und viel horizont. mein begleiter las mir vor, was auf den tafeln stand, da das aber auf spanisch war, war der mehrwert der gleiche, als wenn ich es selbst gelesen hätte. wir gingen also wieder zum auto. dann gings zum plaza de la revolucion, den es gefühlt in jedem ort mit mehr als zehn einwohnern gibt. danach zum friedhof, auf dem fidel und jose marti liegen. ein erlebnis der besonderen art, das mir die obrigkeitshörigkeit der kubaner sehr gut vor augen führte.

danach zurück zum hotel. mein wiederholter wunsch, das rummuseum zu sehen, wurde geflissentlich ignoriert. nach knapp einer stunde 50 minuten waren wir zurück. und plötzlich erklärte mir mein begleiter, die 40 cuc wären ja für den fahrer, insgesamt müsse ich nun 65 bezahlen. nach einigen minuten diskussion hatte ich schlicht keinen bock mehr und schrieb die 25 cuc als lehrgeld ab. er ging dann aber nicht etwa weg, sondern kam noch wieder mit zum hotel. ich wollte eigentlich nur an den pool, aber auch nicht unhöflich sein, also saßen wir da noch. er erklärte mir, es gäbe ein barbecue-restaurant in der nähe und da könnten wir doch hingehen, aber ich dachte nur: klar, und ich solls bezahlen. ich lehnte ab, weil ich im hotel ja halbpension und damit abendessen hatte. er ging und meinte, er wohne ja in der nähe und würde gegen 18 uhr wiederkommen. jaja, dachte ich. pool, packen und zur happy hour an die poolbar. zwei drinks zum preis von einem. ich hatte mich gerade niedergelassen, da saß er auch schon an meinem tisch. naja, komm, dachte ich, hast eh zwei drinks, kann er ja einen haben. noch eine zweite runde und ich wollte mich verabschieden und essen gehen, er meinte er wartet. nach dem essen war der plan, in den club zu gehen, auch mit dem hintergedanken, dass ich da einfacher nur was für mich bestellen kann. aber der war ausgerechnet an diesem tag zu. also rooftop. ein drink und show. lange schweigepausen aufgrund von sprachmangel. irgendwann sagte ich, ich gehe jetzt schlafen, mein bus fährt um sechs uhr morgens. natürlich habe ich die drinks bezahlt. und natürlich wie auch vorher nicht einmal ein danke gehört. im aufzug drückte ich auf meine etage und das erdgeschoss, als statement. er stieg mit mir aus und erklärte mir vor meiner tür mit hundeblick, er bräuchte jetzt noch 10 cuc fürs taxi nach hause. „no.“ warum nicht? „hallo? du hast 25 mehr bekommen als vereinbart und den ganzen abend drinks und wohnst angeblich um die ecke, also: no mas dinero, buenas noches mi amigo!“ und tür zu.

kuba war zum ersten mal für mich gegessen.

One Response

  1. rachels kubarundreise, teil 2: camagüey | Rachel Lindenbaum Says:

    […] bestellen. meinen „neuen freund“ lud ich auf ein getränk ein (ja ich weiß, nach santiago immer noch? ach, ich hab urlaub und die zwei cuc … kannste doch mal machen. ja. […]

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