leises lied für eine boxerin

Mein liebes liebes Callynsche, nun ist es drei Jahre her, dass wir dich gehen ließen. Das genaue Datum habe ich verdrängt, es war Christi Himmelfahrt, so wie heute.Meine Schnuppe

Und noch immer denke ich, wenn ich auf den Hof fahre und der Dicke mir entgegen kommt: „Wo ist denn Cally?“ Dabei bist du in meinen Armen eingeschlafen, für immer und ich war es, die dein Grab zugeschaufelt hat.

Ich kann mich noch sehr gut an den Tag erinnern, an dem wir dich abholten. Du warst so ein zauberhaftes Wesen mit deinen 14 Wochen, eine kleine Boxerdame unter vier Brüdern. Wunderschön warst du damals schon, immer für einen Spaß zu haben. Während der Fahrt nach Hause hast du alles wieder ausgespuckt, was dir deine Züchterin dummerweise vorher noch gegeben hatte. Und alles auf die Decke, mit der wir deine Mama und deine Brüder abgerieben hatten. Zuhause angekommen wurdest von Onkel Boris mit offenen Pfoten empfangen. DU hast ihm den dritten Frühling beschert und einen schon alten Boxer sehr glücklich gemacht in seinen letzten drei Jahren.

Nach seinem Tod warst du sehr traurig, bis wir uns entschieden, den kleinen Anton dazu zu holen. Wir waren nicht sicher, ob du ihn mögen würdest, denn was warst du nur für eine elende Zicke! Wie oft habe ich mich über dich geärgert, war wütend auf dich, weil man mit dir nie wirklich entspannt spazieren gehen konnte. Doch die Sorgen waren umsonst, du hast Toni in dein Herz geschlossen und so ist es bis zum letzten Tag geblieben.

Cally, du hast viel Blödsinn gemacht, viel Ärger und hast viel Geld gekostet. Von Nerven mal ganz abgesehen. Aber ich möchte keinen Tag missen, keine unserer schönen Stunden. Ich bin so unglaublich dankbar, dass wir dich auf deinem Lebensweg begleiten durften. Ich danke dir für deine Schmusestunden, für deinen Charme, deine Liebe und deine Anwesenheit. Für die Sicherheit, die du vermittelt hast und für den Spaß, den du gemacht hast.

Genauso wie den ersten Tag vergesse ich aber auch nicht den letzten Tag. Ein sonniger Tag, ich war in der Bank um Geld zu holen, weil ich mit einer Freundin frühstücken gehen wollte. Dann kam der Anruf: „Ich bin mit Cally beim Tierarzt, wir schläfern sie jetzt ein.“ Ich brach zusammen, direkt in der Bank, konnte meiner Freundin kaum erklären, was los ist. Ich raste zu dir, fiel dir weinend um den Hals. Der Tierarzt erklärte mir, dass der Mastzellentumor, den wir dir knapp ein Jahr zuvor hatten entfernen lassen, wohl doch nicht ganz erwischt wurde und nun gestreut hatte. In die Lunge, die Leber, das blutbildende Gewebe. Dass du noch etwa zwei Wochen hättest, mit permanenter Luftnot und Krämpfen. Zwei Tage vorher war noch alles gut gewesen: du warst für eine 12-jährige Boxerin fit, trotz Herzfehler und Nierenproblemen, deine Werte waren erstaunlich gut. Sicher, du hattest ein wenig durchgehangen, aber es war auch sehr warm und du nicht mehr die Jüngste. Und jetzt saßt du vor mir, mit diesem dir so eigenen liebevollen Blick in deinen wunderschönen braunen Kulleraugen und mir wurde bewusst, dass ich diesen Blick in Erinnerung behalten muss, denn ich würde ihn nie wieder sehen. Dass ich dich so in Erinnerung behalten würde, und nicht als hechelndes Wrack wie deinen Onkel Boris, den wir aus purem Egoismus nicht gehen lassen konnten, tröstete mich, aber nicht in diesem Moment.

Die erste Spritze wurde gesetzt, du schliefst ein, ganz ruhig und voller Vertrauen an mich gekuschelt, dein Kopf auf meinem Schoß. Die zweite Spritze wurde gesetzt, und deine Atemstöße wurden unregelmäßiger, bis sie schließlich ganz aufhörten. Ich hatte nicht bemerkt, dass der Tierarzt uns allein gelassen hatte, hörte ihn aber im Behandlungszimmer schluchzen.

Wir fuhren mit dir nach Hause und gruben dein Grab neben dem von Boris. Die ganze Zeit stand ich am offenen Kofferraum, in dem du lagst und streichelte dein seidiges Fell. Ich wollte mir dieses Gefühl bewahren, für immer.

Es kam, wie es kommen musste, wir ließen Anton von dir Abschied nehmen. Der Arme machte ein Geräusch wie ein weinendes Kind, wie ein Schluchzen. Das brach mir endgültig das Herz. Er schien zu verstehen und zu trauern und tat mir so unendlich leid. Wir legten dich in weiße Tücher gehüllt in deine letzte Ruhestätte und der Mann, der das Grab geschaufelt hatte, begann es zuzuschaufeln. Das kam mir mit einem Mal so falsch vor, dass ich ihn beiseite schob. Ich wollte diesen Moment mit dir allein haben. So schaufelte ich zwei Schippen Erde, brach wieder zusammen, und am Ende schaffte ich es doch. Verzeih, wenn ich dich dort nicht so oft besuche, aber ich kann es immer noch nicht ertragen, dich dort zu wissen.Ein ruhiger Platz für meine Schutzengel

Meine liebe liebe Cally, ich werde dich niemals vergessen. Du warst ein sehr beeindruckendes Boxermädchen mit vielen Ecken und Kanten, und trotz allem Ärger würde ich heute noch mein Bein dafür geben, nur noch einen Tag mit dir verbringen zu dürfen. Mich tröstet der Gedanke, dass du da wo du jetzt bist, nicht allein bist, denn Boris ist auch da. Ich glaube daran, dass ihr meine Schutzengel seid und in besonders schweren Momenten höre ich dein leises Schnaufen neben mir wie ein Zeichen dafür, dass du bei mir bist und ich nicht allein. Es wird der Tag kommen, an dem wir uns wiedersehen, daran glaube ich ganz fest. Danke, dass du da warst, danke, dass es dich gab. Du fehlst mir unglaublich, meine kleine Schnuppe.

4 Responses

  1. Marie Says:

    Ach Süße..mir kullern grad die Tränen.
    Wir mussten unsere Katze vor etwas mehr als einem Jahr einschläfern lassen (das genaue Datum kenne ich leider nur zu gut)..ich konnte (vielleicht wollte ich auch nicht) dabei sein als sie einschlief. Konnte mich an diesem Tag aber kaum konzentrieren und heulte immer wieder vor mich her.
    Ich glaube, das kann niemand verstehen, der nicht selbst Haustiere über eine lange Zeit (die Mieze war 11 lange und erlebnisreiche Jahre bei) hatte und somit nicht weiß, wie schnell so ein Tier zum Familienmitglied wird.

    Drücke dich ganz doll
    und heule noch immer

  2. warum ich schreibe | Rachel Lindenbaum Says:

    […] an dem tag, als cally ging, verlor ich auch diese freundin. diese trösterin. uns hatte soviel mehr verbunden als nur einfach hund-herrchen. wir haben mit ihr soviel durchgemacht, dass sie auf ewig einen lebendigen platz in meiner ahnengalerie haben wird. ihr tod warf mich für drei tage völlig aus der bahn. es war nicht mal so, dass ich weinte. an dem tag, als sie eingeschläfert wurde, habe ich literweise tränen vergossen. ich war leer. vollkommen leer und gelähmt. am sonntag setzte ich mich an den pc, um mich mit unwichtigem gedaddel abzulenken. und auf einmal drängten meine finger auf die tasten. und begannen zu schreiben. sie schrieben alles auf, was ich an ihr geliebt hatte, alles, was ich vermisse, alles, wofür ich ihr dankbar bin, alles, was sie mir war. als ich wieder zu mir kam, in tränen aufgelöst, endlich weinen könnend und erstaunt auf diese zeilen blickend, da wurde mir endlich klar, was schreiben für mich ist. therapie. es ermöglicht mir, meine gedanken zu ordnen. ich lese meine texte immer und immer wieder und mit jedem lesen nimmt der druck ab. wird der schmerz weniger. eure kommentare hier oder direkt bei twitter oder wie auch immer geben mir halt, sie bedeuten mir viel. ich schreibe nicht, um mitleid zu bekommen. […]

  3. erinnern | Rachel Lindenbaum Says:

    […] mir auf der straße unvermutet ein boxer begegnet, in den farben meiner schnuppi und vielleicht mit einer ähnlichen blässe, dann sehe ich sie wieder vor mir. in dieser […]

  4. Tweets die leises lied für eine boxerin | Rachel Lindenbaum erwähnt -- Topsy.com Says:

    […] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von rachel lindenbaum erwähnt. rachel lindenbaum sagte: warum ich christi himmelfahrt nicht mag? http://bit.ly/pYWby […]

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