sonntagsgedanken

„ich habe noch nie jemanden nach drei jahren noch so sehr geliebt wie dich. ich geb dich nie wieder her!“

gefühlsausbrüche waren sonst nicht seine art. ich hätte stutzig werden sollen.

zwei monate später haben wir uns getrennt. die 500 km zwischen uns hatten uns zerstört. das war es, was wir uns sagten. ich hatte schon oft gesagt, dass ich ihn vermisse und es mir fehlt, ihn berühren zu können, ihn zu umarmen und zu küssen. nach zwei jahren, in denen das immer möglich war, auf einmal 500 km zwischen uns.

wir haben uns gut geschlagen, eigentlich. dann kam der tag, an dem sich alles änderte. der tag, an dem auch er sagte, dass er die entfernung nicht mehr ertragen kann. der tag, an dem wir uns eingestehen mussten, dass wir keine gemeinsame zukunft haben. der tag, an dem wir das „wir“ wieder zu „ich und du“ machten. unter tränen, am telefon. beide. im hintergrund absurdes feuerwerk eines stadtfestes auf seiner seite der leitung.

anderthalb monate später wollten wir wieder telefonieren. denn in den drei jahren „wir“ waren wir mehr als nur ein paar. wir waren uns alles. wir waren dem anderen der fehlende part, der beste freund, der beste vertraute. nichts stand zwischen uns, wir waren wir. konnten über alles reden. konnten uneingeschränkt vertrauen. konnten alles sagen. konnten auch nichts sagen und trotzdem verstehen. wir haben geliebt. ohne abstriche. in der zeit bis zum telefonat kamen immer wieder sms. eine werde ich nie vergessen, denn sie traf den nagel auf den kopf: „welten zerbrechen wie glas.“ danach haben wir lange telefoniert, zusammen geweint, uns wieder beruhigt. ich machte mir sorgen, dass er mit dem trinken wieder anfangen würde. fühlte mich schlecht, weil ich einen one-night-stand hatte nur zwei wochen nach unserer trennung.

das telefonat fand statt an dem tag, an dem die welt den atem anhielt. es war der 11. september. der tag meiner persönlichen katastrophe fiel zusammen mit dieser katastrophe.

er sagte, dass er jemanden kennengelernt hätte. es stach wie eine lange nadel, doch ich sagte „schön. und, wie ist sie so?“ er beschrieb sie mir, erzählte, sie hätte sich gerade nach einer langen beziehung getrennt. ich sagte ihm, dass sie vielleicht nur einen lückenbüßer suche und er aufpassen solle. meinte es so. wollte, dass er glücklich ist. und nicht ausgenutzt wird.

scheibchenweise rückte er mit der wahrheit heraus. dass er sie schon länger kenne. von einem fest. dass sie da noch mit ihrem freund gewesen sei. dass sie sich wiedergetroffen hätten, zufällig. in einer kleinstadt nicht schwer. dass sie zusammen seien. baseballkeule vor die stirn. messer ins herz. herumgedreht. perpetuum mobile messer.

„seit wann?“ frage ich mit beherrschter stimme, der man die tränen nicht anhören soll. seit dem tag nach unserer trennung. also keine trennung wegen der entfernung. sondern wegen ihr. meine vorgängerin hat er auch verlassen. für mich. muster werden erkennbar.

noch im selben jahr, im dezember vielleicht, rief ich seine schwester an. ihre tochter war dran und erzählte mir ganz stolz, dass ihr onkel papa wird. ich stand auf dem schlauch. welcher onkel? und sie sagte seinen namen. „kann ich bitte mal deine mutter sprechen?“

es hatte keine zwei monate gebraucht, das erste kind auf den weg zu bringen. aber warum so schnell? seine schwester sagte mir, dass er im mai schon von der anderen erzählt hatte. seinem vater und seiner schwester. mir nicht.

er hat seinen lebensplan erfüllt. mit 35 wollte er verheiratet und zweifacher vater sein. seine frau hat er nach der zweiten geburt mit ihren postnatalen depressionen allein gelassen. hat eine vier-raum-wohnung gemietet. nicht, damit beide kinder ein zimmer haben. damit er eins hat, aus dem er die familie aussperren kann.

ich wusste, warum ich das nicht gewollt hatte. und bin auch nicht traurig darüber, dass es eine andere bekommen hat. aber das vertrauen, das hat er mir wie eine decke unter den füßen weg gezogen. es wird schwer sein, so etwas wieder aufzubauen. aber es tut gut, es rauszulassen.

und bei euch so?

3 Responses

  1. Jule Says:

    Bis auf das letzte Drittel (Kind etc macht sich jetzt gerade erst auf dem Weg bei ihm und unsere Trennung ist jetzt 6 Jahre her), könnte ich meine Geschichte deckungsgleich auf Deine legen. Eine an der Entfernung gescheiterte Beziehung wo erst später herauskommt, dass es eine andere Frau gab, unendlich viele Tränen, das Gefühl nie wieder so lieben zu können und eine Welt die in Scherben liegt. Das Gefühl ist einfach nur scheusslich und ich möchte es niemals wieder erleben!

  2. Trude Says:

    Ähnliche Geschichte erlebt, nur wollten wir nach einem Jahr Beziehung zusammenziehen, und dann kam eine Weihnachtsfeier dazwischen, wo er sich in eine Arbeitkollegin verliebt hatte – einen Tag davor hatte er mir noch gesagt, dass ich mir gar nicht vorstellen könne, wie sehr er mich liebe… Konnte ich mir in der Tat nicht …

    Was ich immer noch mies finde, dass er alle meine Zweifel zerstreut hat… und neun Tage vor dem geplanten Umzug erzählte er mir was von Bedenken, die er hätte, aber dass ich trotzdem erstmal mit dem nötigsten zu ihm ziehen soll, bis ich etwas neues gefunden hätte… Am Wochenende hatte ich sogar Wohnungsverbot… musste also immer eine Bleibe suchen und ich kannte in München kaum Leute…Horror pur… die Liebe und die Wohnung weg, aber die Finger konnte er nicht von mir lassen und ich war unfähig nein dazu zu sagen… 2 Monate später war der Horror vorbei und dann fing der SMS-Terror an… heute ist er mit der Frau verheiratet und hat ein Kind (dabei wollte er keine haben). Als ich ihm vor einiger Zeit in der Stadt in die Arme gelaufen bin, fing der SMS-Terror wieder an. Keine Entschuldigung bis heute…
    Sein Kind tut mir herzlich leid, er verbringt seine Freizeit lieber mit Sport, als mit seiner Familie…

    Das fühlt sich an, als würde jemand Deiner Herz aus Dir herausreisen und hat noch eine perverse Freude daran, dir immer wieder weh zu tun, statt Dich in Ruhe zu lassen oder mit Anstand zu behandeln…

  3. 9/11/2001 | Rachel Lindenbaum Says:

    […] für mich. acht jahre nach dem 9/11. Posted in Gedanken, Politik | No Comments » Leave a […]

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