mikrokosmos straßencafé

in einem straßencafé gar nicht weit von mir entfernt und doch bin ich in einem anderen universum. in einem, das frei ist von meinen sorgen und nöten. ich wäre natürlich nicht ich, wenn dieser ausflug nicht auch generalstabsmäßig geplant wäre: also auf zum tabak- und zeitungshändler meines vertrauens, tabakwaren und eine frauenzeitschrift gekauft (seit JAHREN hab ich keine dieser zeitungen mehr gekauft) und auf ins café.

ich bestelle ein kleines frühstück, 3,50 € und dazu einen milchkaffee, zusammen dann 4,20 €. den kaffee darf ich gleich mitnehmen, das frühstück wird gebracht. ich setze mich an einen tisch, zünde mir eine zigarette an, genieße den ersten zug und schlage etwas skeptisch die zeitschrift auf. schnell bin ich gefangen in den bildern, wundere mich (wie früher immer) über die modetipps, die offenbar für großverdienerinnen zusammengestellt sind und lese ein wenig herum.

das frühstück kommt und für ein „mini-frühstück“ kommt da einiges: ein brötchen und eine scheibe mischbrot, frisch und selbstgebacken, keine massenware. marmelade, butter, viel grünes mit vermutlich noch mehr vitaminen (wird mein fast-food-gestählter körper das verkraften?) und: rührei! lecker. das hab ich ja ewig nicht gegessen. ich gabele in meinem rührei und lese dabei. ab und zu schaue ich auf und sehe streiflichter des café-betriebes und seiner umgebung.

was wohl der mann denkt, der da im blaumann zwischen den tischen irgendwohin geht? und wo er wohl hingeht? der rottweiler, der seine klöten selbstbewusst beim gehen hin- und herschwenkt, gut sichtbar unter der aufgestellten rute. gesprächsfetzen. ein auto hält, ein mann sagt ins auto: „du könntest ja auch einfach mal aussteigen“. das autoinnere will nicht aussteigen, der mann geht zum wasser und sagt sich selbst, dass es ganz schön windig ist heute. und er hat ja auch recht, wie meine serviette beweist, die sich just in diesem moment fröhlich vom wind davon tragen lässt.

jetzt das brötchen. schnell der wespe die marmelade wegfressen. frustriert und doch nicht unzufrieden macht sie sich mit pumpendem unterleib an die reste im schälchen. ich mag gar keine butter, habe nie welche im haus, aber heute streiche ich sie dick aufs brötchen und aufs brot, salz drauf: lecker. kindheitserinnerungen. als kind liebte ich butterbrot. weil es richtig gute butter selten gab und es etwas besonderes war.

in der zeitschrift gibt es artikel über unsere liebestypen und wie man so den richtigen finden kann. ich überlege, an die angegebene e-mailadresse zu schreiben und mich an der studie zu beteiligen. vielleicht mach ich das auch. aber achja, da ist ja der so genannte titelbeitrag, auf seite 49 schon. es geht ums entspannen können. genau mein thema. und ich stelle beim lesen erstaunt fest, dass es wohl vielen so zu gehen scheint wie mir. dass offenbar sehr viele menschen probleme mit dem nichtstun haben. hmmm. interessant. wie schön, dass ich das gerade lese, wo ich mich zu dem „zwinge“, was dort empfohlen wird: eine kleine insel im alltag, ein wenig zeit für sich nehmen und etwas tun, worauf man lust hat. eine kreative pause einlegen. ich bemerke, dass mein rücken weh tut: weil ich ganz unentspannt auf dem bequemen stuhl sitze. also lehne ich mich an. nach einer weile weiteren lesens fällt mir auf, dass meine beine total verspannt angespannt sind und lasse sie locker. zwinge sie in die entspannung. lese weiter. entspanne die beine wieder, die mir in der zwischenzeit in den rücken gefallen sind.

es fällt mir noch nicht leicht, dieses nichtstun, dieses entspannen, aber übung macht den meister. aber dann muss ich los, ganz schnell und für euch diesen beitrag schreiben. aus meinem mikrokosmos berichten. und wer weiß, wie viele mikrokosmen mir noch begegnen werden beim üben?

und bei euch so?

3 Responses

  1. Jan Says:

    Natürlich ist das mit dem Entspannen nicht von heute auf morgen getan. Aber Du weißt ja, Übung macht den Meister. Bzw. die Meisterin 😉

    ich drücke Dir auf jeden Fall ganz doll die Daumen.

    Apropos „Butter“ – ich dachte, dass wäre so ziemlich das einzige, was es zu Ostzeiten immer gab. Das und altbackenes Brot 🙂

    Ick drück Dir 🙂

  2. Uwe Says:

    mir reicht ein bruchteil eines mikrokosmos. meine kleine tägliche portion glück bekomme ich, wenn ich kinder spielen sehe. wenn kinder über den spielplatz toben, „fang mich doch du eierloch“ brüllen. wenn sie in einkaufswagen rumklettern und die mamas nerven mit „kann ich das haben?“. wenn sie mitten auf der strasse stehen bleiben, um eine hummel zu beobachten. und wenn dann noch die sonne scheint – la vita è bella.

  3. DoktorUn Says:

    Ich hab’s heute erst gelesen, im Oktober, bei Regenwetter, und da war es ein schöner Kontrast. Ich liebe diese Atmosphäre, die du beschreibst, sitze gern in solchen Straßencafés und könnte immer weiterlesen, aber ups, schon ist es zu Ende.
    Danke für diese Impressionen, danke für die hübsche sprachliche Gestalt, die du ihnen gegeben hast.

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