9/11/2001

es ist der 11. september 2001, nachmittags, gegen 14:30. ich sitze bei einem freund. er hat keinen fernseher, aber wir hören radio. in den nachrichten wird gemeldet, es sei ein flugzeug in einen turm des world trade centers in new york geflogen. „das war kein unfall“, sage ich. kurz darauf die meldung über das zweite flugzeug. spätestens jetzt ist klar, dass dies kein zufall gewesen sein kann.

gegen 17:00 mache ich mich auf den weg, will endlich mehr informationen, will einen fernseher. da kommt ein anruf von omma, ob ich noch zum tierarzt kommen könne. der hund muss irgendwas bekommen. grummelnd sage ich zu. um 17:45 bin ich endlich vor dem fernseher und entsetzt: auf allen sendern, ausnahmslos, bilder aus new york. bilder von dem platz, den sie kurz darauf ground zero nennen werden. bilder von erschütterten, verängstigten menschen, in staub gehüllt, sie sehen aus wie gespenster. feuerwehrmänner waschen ihren suchhunden die augen mit ihrem trinkwasser aus. es herrscht chaos.

immer wieder bilder von new york von oben. die stadt ist eingehüllt in eine riesige rauch- und staubwolke. ich bin in meinen grundfesten erschüttert. die usa: immer mein traum, mein ideal. an diesem tag tödlich getroffen. an diesem tag werden unzulänglichkeiten der politik klar, die mir zwar bekannt, aber nicht so bewusst waren. es trifft immer die falschen. die 2000 menschen, die an diesem tag mindestens gestorben sind, können nichts für die verfehlte außenpolitik ihres staates, sie gingen nur zur arbeit, wie jeden tag.

schon um 18:00 kommen die ersten experten, die osama bin laden als sicheren verursacher nennen. ich staune. innerhalb weniger tage steht fest, dass es krieg geben wird. die gefälschten argumente, die vorgeschoben werden, um loslegen zu können, einmarsch in afghanistan – all dies stand vermutlich schon am 11.9.2001 abends fest. bis heute halten sich die verschwörungstheorien, bis heute ist der 9/11 irgendwie geheimnisumwittert, weil keiner alles weiß, scheinbar. schnell war klar, dass der anschlag hätte verhindert werden können, wenn der amerikanische geheimdienst über arabisch sprechende agenten verfügt hätte. wenn amerika sich nicht in der welt aufgeführt hätte wie die axt im wald. in god we trust und wir sind das auserwählte volk, das euch allen die demokratie bringen wird.

gebracht hat usa leid, wut, tote, tränen. in afghanistan und im irak und an vielen anderen orten, an denen sie gewesen sind. bush teilte die welt in die guten, also die, die mit den usa in den irak zogen, und die bösen, die, die das nicht taten. und auch diesmal wollen die amerikaner es so machen wie immer: in wildwestmanier einreiten, größtmögliches chaos anrichten, alles erstmal sicherheitshalber kaputtschlagen und dann anderen das aufräumen überlassen. das war so im kosovo, in somalia, in afghanistan und das soll auch im irak so sein.

acht jahre nach 9/11 wird die trauerfeier am ground zero wohl nur noch von cnn übertragen werden. acht jahre nach 9/11 haben sich zu den mehr als 2000 toten vom wtc tausende hinzugesellt: soldaten, zivilisten, frauen, kinder, alte. acht jahre nach 9/11 ist der als feldzug begonnene krieg in afghanistan eine aufgabe der nato geworden, an der sie zu scheitern droht, wie der deutsche bombenangriff zeigt. acht jahre nach 9/11 ist bin laden noch immer auf freiem fuß und die macht der taliban nahezu ungebrochen. acht jahre nach 9/11 ist der irak seines diktators enthoben, aber chaotischer als je zuvor. acht jahre nach 9/11 ist die lage im nahen osten brisanter als je zuvor, scharrt der iran mit den hufen, sich mit dem feind nr. 1, den usa, anzulegen. acht jahre nach 9/11 sind die medien bemüht, uns weis zu machen, dass alles einen sinn hat „da unten“, dass die selbstbestimmung und die demokratie kommen werden. acht jahre nach 9/11 darf ich keine getränke mehr im handgepäck führen. darf mich der amerikaner noch genauer durchleuchten als er das sowieso schon immer getan hat. acht jahre nach dem 9/11 wird der tag langsam wieder zu einem normalen datum.

nicht für mich. acht jahre nach dem 9/11.

wo wart ihr an diesem tag?

7 Responses

  1. C. Says:

    Ein super Artikel!

  2. Daniela Says:

    Ich war zuhause, spielte mit meinem Sohn (6) im Wohnzimmer, als meine Mutter anrief: „Schalte SOFORT den Fernseher ein.“ Ich wollte erst nicht, wegen des Kindes, weil wir den Fernseher nie nebenher laufen lassen. Aber meine Mutter befahl es mir! Danach wurde der Fernseher an diesem Tag nicht mehr ausgeschaltet. Stundenlang haben wir entsetzt daraufgestarrt.
    An einem 11.09. haben wir kirchlich geheiratet und wollten eigentlich Essen gehen – das hatte sich natürlich vollkommen erledigt.
    Der Horror war mein Nachbar am nächsten Tag: „Das geschieht den Amis recht, nachdem, was sie in Dresden gemacht haben.“ Da blieb und bleibt nur Sprachlosigkeit!

  3. deditte Says:

    Ich stand im Büro meiner Assistentin als ein Kollege anrief und sagte, ich solle unbedingt ins Internet gehen, sofort grosse Beklemmung und das Wissen, dass ich den Tag, das Gefühl, das Umfeld nie wieder vergessen werde. Danach musste ich in eines der vielen Frankfurter Hochhäuser (23.OG) wo ich auch die nächsten Tage verbrachte, wohlwissend, dass extreme Notfallpläne in Kraft waren. Bei einem Meeting ist dann der Kran der benachbarten Bauststelle mit Fassadenteilen an unser Gebäude gestossen und sofort lagen alle unter dem Tisch. Danach dann unsicheres Anschauen, entschuldigendes Lächeln und Weiterarbeiten.

    Ich erwische mich immer noch dabei wie ich in Flugzeugen (und ich fliege viel), die Menschen um mich herum beobachte, taxiere und versuche meine Vorurteile nicht zu pflegen. Wobei ich lieber fliege als Zug fahre, da hier überhaupt keine Sicherheitsvorkehrungen herrschen (siehe Spanien). Auf der anderen Seite weiss ich, dass immer und überall etwas passieren kann.

    Krieg findet heute nicht mehr nur lokal statt sondern dezentral durch Terrorakte, die nur sehr schwer zu verhindern sind. Daneben stürzen Flugzeuge durch technische und menschliche Defekte ab, Häuser verschwinden im Schlamm, Gasleitungen explodieren. Trotzdem weigere ich mich, dauernd Angst zu haben oder mich unsicher zu fühlen. Warum sollte ich ich mich diesen Terroristen ergeben und ihnen diesen Gefallen tun. Ich versuche mein Leben so normal wie möglich zu leben und hoffe, dass meine Lieben und ich niemals das Opfer eines solchen Terrors oder Unglückes werden. Gleichzeitig habe ich tiefes Mitgefühl für diejenigen, denen solches Unglück widerfahren ist. Und das nicht nur am 11. September sondern immer.

  4. Lord_Dragon Says:

    Und acht Jahre nach 9/11 ist immer noch nicht sicher, wieviel die US-Regierung wirklich davon wusste.

    Dennoch toller Artikel.

    Ich war damals als 11-jähriger Bengel bei meinen Großeltern. Übers Radio haben wir dann davon erfahren, als das erste Flugzeug ins WTC flog. Als wir dann hörten, dass ein weiteres Flugzeug in den zweiten Turm raste, machten wir den Fernseher an…

    Bilder, wie sie die Welt noch nie zuvor gesehen hat. Bilder, die die pure Verzweiflung widerspiegeln. Bilder, die wir alle niemals vergessen werden.

  5. Oliver Says:

    … ich habe am 11.9.2001 mit einer Geschäftspartnerin in New York telefoniert, die mir vom 1. Flieger erzählte.. während des Telefonats ist der 2. Flieger reingeflogen.. das Gespräch war weg. Lag aber daran dass die Leitungen überlastet waren, aber komisch war’s, weil ich zu dem Zeitpunkt nicht wusste, dass sie weit weg saß vom Geschehen.

    Und Freund von mir waren zu dem Zeitpunkt in New York. Die wir dann am nächsten Morgen gegen 8 Uhr unserer Zeit über’s Handy erreichen konnten.

    Verschwörungstheorien sind m.E. Unsinn. Um das Pentagon mögen sich Mythen ergeben, aber die Flugzeuge ins WTC waren ja nun unbestritten da.

  6. Urmelus DSL-Clan Says:

    Ich war am Flughafen, habe da nen Praktikum gemacht, und keiner wollte damals daran glauben, dass es ein Großflugzeug war, alle waren der Meinung, dass es nur ein Sportfleug gewesen sein musste, da haben wir den Fernseher angemacht und das zweite Flugzeug kommen sehen…

  7. Enno Says:

    Ich stand als Student in den Semesterferien bei VW in Emden am Band und nebenbei lief die ganze Zeit das Radio. Da hatte man während der (recht monotonen) Arbeit viel Zeit zum Nachdenken. Ein Tag, den man nicht vergisst. Abends habe ich dann die ersten Bilder gesehen als andere schon abgeschaltet haben, weil sie es nicht mehr sehen konnten.

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