warum ich schreibe

ich konnte lesen, lange bevor die schule für mich anfing. als die anderen sich mit der fibel abmühten und „o-ma im (bild vom garten)“ und „ma-ma im (bild vom haus)“ lasen, las ich mein erstes buch: timm thaler oder das verkaufte lachen. schon als kind bevorzugte ich dicke wälzer. 200 seiten? lächerlich. heute lese ich noch immer lieber 2000 seiten-bücher als dünne romane. ja, manche bücher habe ich wegen ihrer dicke eher ausgesucht als wegen ihres inhaltes.

in der zweiten klasse schrieb ich mein erstes märchen. und damit für sehr lange zeit die letzte geschichte. in deutsch war ich (ohne anzugeben) immer super, jede zensur unter einer eins beleidigte meinen stolz. in aufsätzen schrieb ich mir die finger wund und am liebsten waren mir die aufsätze, die ein freies thema vorgaben. in der oberstufe hatten wir endlich mehr zeit für diese aufsätze: vier stunden, ein traum. und trotzdem erkannte ich zu dieser zeit weder mein potential noch nutzte ich diese gabe für mich.

auch im studium war dies so. natürlich germanistik, etwas anderes kam nicht in frage. doch die starren grenzen, die der studienplan vorgibt, die interpretationen, die wider erwarten genauso vorgegeben waren wie in der schule – all das enttäuschte mich. zwar war es ein aha-erlebnis, als die theoretischen kenntnisse des grundstudiums im hauptstudium sich auf einmal zahnrad-artig mit der praxis zusammenfügten. doch insgesamt war das studium für mich nicht das, was ich erwartet hatte. auch hier schrieb ich nicht, nicht für mich zumindest. ich bin kein klassischer fall von: schon in der kindheit druckreife kurzgeschichten und mit 18 den ersten roman. nein.

dabei ist schreiben meine leidenschaft. ich schreibe gern hier und ich verdiene mein geld damit. ein traum ist wahr geworden. ein langer weg musste bis hierher hinter mich gebracht werden, doch ich habe es geschafft. als ich aus der uni kam, sagte ich einmal zu einer freundin, die mir einseitigkeit bei den bewerbungen vorwarf: ich bin keine idealistin, die alles geben würde, um schreiben zu können. heute würde ich das nicht mehr sagen. ich habe alles riskiert, um genau das zu tun.

und noch immer schrieb ich nicht für mich. ich habe auch nie tagebuch geschrieben. vermutlich, weil es keiner lesen konnte. ich habe mal angefangen, aber schon bei der üblichen tradition, dem buch einen namen zu geben, fand ich es doof. kitty? so wie anne frank? oder schnöde tagebuch? irgendeinen namen meiner freunde? wie es letztlich hieß, weiß ich gar nicht mehr, ich habe es eh nie gepflegt. denn ich hatte damals jemandem, dem ich das alles erzählen konnte. meinen ersten boxer boris. mit ihm bin ich stundenlang spazieren gegangen, irgendwo blieben wir immer sitzen und ich erzählte ihm alles. er lehnte an mir, wie ein bruder oder freund, legte mir seinen kopf auf die schulter und schnaufte verständnisvoll. wir hatten damals von unserem züchter eine boxergeschichte geschenkt bekommen: schnaufke, der seelentröster. besser kann man es nicht beschreiben. dann kam cally. mit ihr setzte ich diese tradition fort. doch sie war so feinfühlig, dass sie genau spürte, wenn kein tag zum toben war, sondern einer zum trösten. dann kam sie zu mir, stellte sich auf, legte ihre vorderpfoten auf meinem oberschenkel ab und vergrub ihre samtschnute in meiner armbeuge. zwischendurch schaute sie mich immer aus ihren großen, runden braunen augen an und stuppste mich ganz sanft mit der schnauze an. man merkte es kaum, es war eher ein streicheln ihrer barthaare. noch heute spüre ich diesen sanften atem auf meiner wange, höre ihr zärtliches schnaufen in momenten, in denen es mir schlecht geht.

meine beiden freunde aus kindheit und jugend liegen vereint: boris und cally

meine beiden freunde aus kindheit und jugend liegen vereint: boris und cally

an dem tag, als cally ging, verlor ich auch diese freundin. diese trösterin. uns hatte soviel mehr verbunden als nur einfach hund-herrchen. wir haben mit ihr soviel durchgemacht, dass sie auf ewig einen lebendigen platz in meiner ahnengalerie haben wird. ihr tod warf mich für drei tage völlig aus der bahn. es war nicht mal so, dass ich weinte. an dem tag, als sie eingeschläfert wurde, habe ich literweise tränen vergossen. ich war leer. vollkommen leer und gelähmt. am sonntag setzte ich mich an den pc, um mich mit unwichtigem gedaddel abzulenken. und auf einmal drängten meine finger auf die tasten. und begannen zu schreiben. sie schrieben alles auf, was ich an ihr geliebt hatte, alles, was ich vermisse, alles, wofür ich ihr dankbar bin, alles, was sie mir war. als ich wieder zu mir kam, in tränen aufgelöst, endlich weinen könnend und erstaunt auf diese zeilen blickend, da wurde mir endlich klar, was schreiben für mich ist. therapie. es ermöglicht mir, meine gedanken zu ordnen. ich lese meine texte immer und immer wieder und mit jedem lesen nimmt der druck ab. wird der schmerz weniger. eure kommentare hier oder direkt bei twitter oder wie auch immer geben mir halt, sie bedeuten mir viel. ich schreibe nicht, um mitleid zu bekommen.

ich schreibe mich frei.

4 Responses

  1. Oli Says:

    Sehr bewegende und offene Zeilen. Ist es nicht erstaunlich, wie Worte einen Menschen berühren können, innere Bilder und damit verknüpfte Emotionen hervorrufen können?

    Dir gelingt das ausgezeichnet. Und genau das macht Deine Posts für mich lesenswert.

  2. Dein Labi Says:

    du sagst zwar, dass du nur für dich schreibst – stimmt nicht: du schreibst auch für uns! danke!

  3. Stefie Says:

    Also nach gestern Abend und nach dem, was Dir die Leser hier antworten, steht der Plan jawohl! Mach es publik! Wir sind bestimmt nicht die einzigen, die Deine Texte mögen.
    Du hast unsere volle Unterstützung! Du kannst nur gewinnen!

  4. blogosphäre gaga | Rachel Lindenbaum Says:

    […] ich schreibe, habe ich ja schon breit ausgelegt. so wie ich nutzen viele das schreiben als einen weg, dinge loszuwerden. nun stellt sich aber die […]

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