einigkeit und recht und freiheit

als mensch des jahrgangs 78 gehöre ich zu der glücklichen generation menschen im osten, die beide seiten kennengelernt haben: die ddr und das vereinigte deutschland. glücklicherweise und gleichzeitig leider war ich erst 12, als die wende in gang kam.

auf diese weise ging mir die bedeutung dessen, was da im sommer 1989 seinen lauf nahm mit den ersten flüchtlingen in prag, ziemlich ab. ich hatte sommerferien, wir waren im urlaub, meine welt war in ordnung. und ich konnte nicht nachvollziehen, warum meine großeltern bei strahlendem sonnenschein lieber drinnen vor dem radio hockten als an die sonne zu gehen.

denn für mich waren ddr-flüchtlinge verbrecher. ich war ein willfähriges opfer der indoktrination, ich liebte meinen status als thälmann-pionier, noch mehr als der erste zweifler unserer klasse (und der einzige) aus der organisation ausgeschlossen wurde. kind in der ddr zu sein bedeutete: es gab immer etwas zu tun. nur selten war der schultag nach dem letzten klingeln vorüber. danach ging es los mit nachmittagsaktivitäten. meine waren die „ag junge sanitäter“ und die musikschule. in ersterer war ich gruppenführerin und erreichte immerhin den titel beste gruppenführerin des bezirkes rostock (in etwa das heutige m/v), in zweiterer lernte ich, von tuten und blasen ahnung zu haben und spielte flöte. sopran, alt und piccolo. inklusive unzähliger vorspiele, wettbewerbe, auftritte, konzerte. bei der wahl musste ich genauso flöten wie in der klasse. es gab aber auch lustige talentwettbewerbe in der schule, wo ich unter anderem mal mit einer selbst gebauten marionette rock’n’roll tanzte oder das jährliche matrjoschka-fest zum tag der deutsch-sowjetischen freundschaft.

auch wenn das meiste davon natürlich systemimmanente veranstaltungen waren, so bedeutete es für uns kinder doch, dass wir das gefühl hatten, teil einer gemeinschaft zu sein. wir bekamen diese gemeinschaft natürlich eingetrichtert und es funktionierte super. jeder außerhalb dieser gemeinschaft wurde schief angeschaut, konnte dies aber mit einem eintritt ändern. ich war zufrieden, wie man nur zufrieden sein konnte. ich hatte eine ausgefüllte kindheit mit viel nebenbei-aktivitäten, fühlte mich akzeptiert und aufgenommen und hatte trotzdem zeit zum spielen. das gemeinschaftsgefühl ließ nicht einmal wirklich nach, als ich etwa 1987 in die christenlehre ging, denn außer mir waren dort noch andere aus meiner klasse. ungerecht fand ich lediglich, dass ich manche auszeichnungen nicht bekam, wie etwa das thälmann-abzeichen für gutes lernen, das an den schüler mit dem besten zeugnis ging. ich hatte das beste zeugnis, aber das abzeichen bekam denise l., deren eltern beide in der partei waren, während meine großeltern beide in cdu waren und meine omma zu den aufmuckern gehörte. doch solche spitzfindigkeiten lagen mir zu dieser zeit fern.

so war ich also im sommerurlaub 1989 einigermaßen verwirrt, von menschen zu hören, die dieses (mein) paradies verlassen wollten. gar flüchteten. dass diese menschen dafür ihr leben riskierten und riskierten, ihre familie nie wieder zu sehen, war mir nicht klar. denn von der mauer und der grenze hatte ich wohl gehört, sie in berlin auch gesehen, aber sie erschien mir logisch, gut und richtig. hat nicht jedes land eine grenze, die gesichert wird? dass unsere grenze den sinn hatte, die eigenen leute einzusperren, war mir nicht bewusst. und ja, nennt mich naiv, aber ich habe wirklich alles geglaubt, was mir erzählt wurde. warum auch nicht? andere informationen hatte ich nicht. der nordosten der ddr bekam kein westfernsehen, höchsten polnisches bei gutem wetter.

noch verwirrter war ich, als die montagsdemonstrationen begannen, auch in meiner stadt. und meine omma dorthin ging, als atheistin auch in die gottesdienste, die irgendwann wegen platzmangels im dom auf dem marktplatz stattfanden. ich fand das zum einen aufregend, weil mal was los war. zum anderen war es für mich aber auch wieder so eine erwachsenensache. dann kam die lichterkette auf der heutigen b96. sie reicht von sassnitz auf rügen bis nach zittau und das ziel der kette war, dass sie über den gesamten verlauf lückenlos stehen sollte. ob das gelungen ist, weiß ich nicht, aber es war trotzdem beeindruckend.

am morgen des 10.11.1989 wirkte meine omma irgendwie abwesend. als ich sie fragte, was denn los sei, sagte sie nur: die grenzen sind offen. ich war schon immer ein morgenmuffel und auch noch ein wenig verpeilt an diesem morgen, daher nahm ich das zwar zur kenntnis, aber nicht bewusst. in der schule wurde es flüsternd auf dem pausenhof weitergegeben, im unterricht aber nicht thematisiert. irgendwann im november fuhren wir nach berlin, für mich schon immer ein highlight. und weils nun ging, fuhren wir mit der s-bahn zum ku’damm. die bahn war gerammelt voll, ich glaube sogar, man hatte die sitze ausgebaut, damit mehr menschen in die bahnen passten. und während ich voller vorfreude an der friedrichstraße einstieg und neugierig aus dem fenster schaute, stand meine omma neben mir und heulte. heulte wie ein schlosshund. das erste mal seit 1961 betrat sie an diesem tag wieder westberliner boden. im westteil der stadt hatte ihre mutter gelebt, die sie nicht hatte beerdigen dürfen, weil der staat ihr die ausreise nicht erlaubt hatte. hier war sie aufgewachsen, hatte den krieg teilweise erlebt, hatte sie gelebt, bevor sie an den rand berlins zog. in diesem moment bekam ich eine ahnung davon, was da wohl passiert ist: ein wunder.

wenn ich heute die bilder von 1989 sehe, von der nacht des 9. november, ausgelöst durch den fehler günter schabowskis, habe ich pipi inne augen. das alles hätte so furchtbar schief gehen können. es hätte eine katastrophe werden können. aber es wurde ein wunder. der beweis dafür, was ein volk erreichen kann, wenn alle zusammenhalten. dafür bin ich dankbar.

wie hast du die wende erlebt?

8 Responses

  1. Thomas Says:

    Ich war als junger Mann beruflich in Südafrika unterwegs und konnte den Bildern nicht glauben die ich im Südafrikanischen Fernsehen sah! Ich war traurig nicht vor Ort zu sein und es miterleben zu dürfen, war zu Tode betrübt diesen sagenhaften Umbruch nicht selbst miterleben zu können und ein Teil davon zu sein.
    Die Wiedervereinigung war damals mit ein starker Beweggrund mich dafür zu entscheiden wieder in meine Heimat zurückzukehren obwohl ich in Afrika tolle Perspektiven hatte.
    In so fern hat die Wende auch erheblichen Einfluss auf meinen Lebensweg genommen.

  2. cypher Says:

    Gar nicht. Oder um genauer zu sein: Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, nachdem ich damals stolze 5 Jahre alt war 🙂

    Ich kann mich an keines der signifikanten Ereignisse von damals erinnern. Was im kalten Krieg, in Chernobyl (auch wenn mir meine Mutter sagt das ich ganz schön sauer war als ich nicht mehr zum spielen rausdurfte), und beim Mauerfall bzw. dem Fall des eisernen Vorhangs passiert ist hab ich erst einige Jahre später entdeckt und nachgelesen.

  3. Gedanken zum Tag der Deutschen Einheit « Ellinett's Blog Says:

    […] Wenn man mich heute fragt, was ich am 9. November 1989 gemacht habe, dann kann ich auch nur sagen: Ich weiß es nicht. Ich war 5! Ich meine mich daran erinnern zu können, dass meine Eltern vor dem Fernseher gesessen haben und ich kann mich auch an den späteren Auftritt von David Hasselhoff erinnern. Aber natürlich war mir die Tragweite des Ereignisses in diesem Moment nicht bewusst. Man möge es mir verzeihen. […]

  4. Volkmar Says:

    Ich habe an der Lichterkette teilgenommen. Ich war auch zufällig in Budapest und habe die ersten 105 dort vor der deutschen Botschaft liegen sehn. Ich war froh um die Wende, meine Eltern haben bei der Kirche gearbeitet, ich war kein Thälmannpionier.Ich durfte diese tollen Nachmittagssachen nicht mitmachen.Und dann wars nämlich gar nicht mehr so schön dort…

  5. Christina Says:

    ich war mit meinem vater demonstrieren. hab die kerze gehalten, die durch einen alten joghurtbecher vor dem ausgehen geschützt werden sollte. verstanden hab ich, jahrgang 1979, nichts. mir taten die leute leid, die da in dem haus sein mussten, vor dem wir standen und die leute schrien: stasi in die volkswirtschaft. ich krieg heute noch gänsehaut, wenn ich bilder und aufnahmen aus der zeit sehe. ich bin stolz auf meine eltern. und ich vermisse das land meiner kindheit.

  6. rachel Says:

    @Christina: das land meiner kindheit vermisse ich auch manchmal, andererseits weiß ich, dass ich heute nicht da wäre, wo ich jetzt bin, wenn es das land noch gäbe. ich wohne im westteil berlins, zwei straßen vom mauerverlauf entfernt und bekomme jedesmal eine kleine gänsehaut, wenn ich auf dem weg zum netto vom westen in den osten laufe und auf dem rückweg wieder zurück. im land meiner kindheit wäre das nicht möglich gewesen.

    @Volkmar: ich habe gänsehaut bekommen, als ich deinen kommentar las. ich weiß nicht, wie es mit uns weitergegangen wäre. ein paar monate nach der maueröffnung, als noch keiner wusste, wie es weitergehen wird, habe ich mich taufen lassen, um der christenlehre den konfirmandenunterricht folgen lassen zu können. das hätte mir in der ddr viele probleme gebracht.

  7. scoottery Says:

    Leider habe ich an diesen Tag keine wirklichen Erinnerungen. Ich war sieben Jahre alt und mehr daran interessiert, Buden im Wald zu bauen als daran, was in der Welt passiert. Ich weiß, dass ich am Rande mitbekommen habe, dass irgendetwas los war, dass etwas besonderes passiert sein musste. Aber ich fand es wohl damals für mich nicht spannend genug, um mich genauer damit zu befassen. Es spielte in meinem Kinderleben keine Rolle. Das Land „DDR“ war weit weg, wir hatten dort weder Verwandte noch Bekannte und Nachrichten habe ich in diesem Alter noch nicht geschaut. Aus heutiger Sicht finde ich es sehr schade, dass zu meinen Lebzeiten ein so bedeutendes Ereignis stattfand und ich nur eine sehr vage Erinnerung daran habe. Aus diesem Grunde finde ich es immer wieder sehr spannend, Geschichten, Erlebnisse und Erinnerungen von anderen Menschen zu hören oder zu lesen, die diese Zeit als eine besondere in ihrem Leben erlebten. Danke, dass Du uns an Deiner teilhaben lässt!

  8. Christina Says:

    @rachel als ich den eintrag von @volkmar gelesen habe, ging es mir wie dir. angepasst gelebt haben meine eltern insofern, dass sie sich nicht zu laut geäußert haben. was gewesen wäre wenn, nur einen tick lauter, kann ich nur rekonstruieren aus vagen erinnerungen anders gedeutet, aus erzählungen. das land meiner kindheit bestand letzten endes aus softeis, acht wochen ferien und einem blaue halstuch, die ag fotografie, matrjoschkas und pioniernachmittage. gezeichnet in weichen farben und nicht so schlimm, weil ich nicht mitbekommen habe, wie meine eltern weintrauben für mich kaufen wollten, aber keine bekamen mangels devisen. weil ich nicht wusste, dass der nachbar bei der stasi war – gar nicht wusste, was die stasi ist. weil ich es normal fand, dass es zwei deutsche staaten gibt. frage mich manchmal, was gewesen wäre, wenn… kann es nicht sagen. bin froh, dass ich es nicht erfahren muss.

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