freiheit

soeben komme ich vom brandenburger tor, die feier zum 20. jahrestag des mauerfalls ist vorbei. für viele war dieser tag nur ein tag im november, für andere war er ein tag, um schlechte witze zu machen. für mich ist dieser tag ein tag voller bedeutungen. es ist schwer, alle gefühle, die gerade in mir toben, in worte zu fassen, aber ich werde es versuchen.

die meisten wissen, dass ich ein ostkind bin. ich bin im jahr 1978 geboren, das bedeutet, ich war 12, als die mauer fiel. damals hatte dieses ereignis kaum eine bedeutung für mich, ja es störte meinen alltag. da wo ich aufgewachsen bin, gab es kein westfernsehen, keine möglichkeit, sich anderweitig zu informieren. uns ereilte die nachricht vom mauerfall am morgen des 10. novembers, denn zu der zeit, als sich günther schabowski in der denkwürdigsten pressekonferenz aller ddr-zeiten verquatschte, lag familie lindenbaum bereits im bett.

am nächsten morgen stand mutter lindenbaum wie paralysiert vor dem radio. das frühstück war nur halbfertig, ich vermutlich mal wieder zu spät dran und genervt, weil ich schon immer ein morgenmuffel war, sah ich sie vor dem radio stehen. mit wasser in den augen. als ich fragte, was denn los sei, sagte sie „die mauer ist gefallen, wir können raus“. raus? aus was? wohin? egal, schule war wichtiger. ich war 12, hatte meinen ersten schwarm und wollte gut aussehen.  in der schule wurde getuschelt. über die mauer. dass sie weg ist. keiner wagte, es laut zu sagen. noch immer hatte es keine bedeutung für mich.

es bekam eine bedeutung für mich. denn auf einmal fielen meine heiligen kindersendungen aus. auf einmal lief der fernseher unausgesetzt. das gab es vorher nicht. der fernseher war aus. es gab eh nur zwei programme, die im großen und ganzen das gleiche sendeten. besonders, wenn der große bruder sprach, lief es auf ddr1 mit übersetzung, auf ddr2 für die russischprofis ohne. und jetzt? auf einmal fielen worte wie „das neue forum“, reformen sollten her, erich – der einzige staatschef, den ich je kennengelernt hatte bis dato – sollte zurücktreten. nach und nach kamen die ungeheuren (für mich) fakten ans licht. denn die oberen waren gar nicht wie wir, sie lebten nicht in neubauten oder einfachen häusern, sie lebten in wandlitz, in, für ddr-verhältnisse, saus und braus.

doch die gesamte bedeutung kam mir erst jahre später. ja, ich habe an montagsdemos teilgenommen. ja, ich stand in der lichterkette auf der 96. aber das waren keine freien entscheidungen. ich bin mitgegangen.

eines tages sah ich eine doku, keine ahnung wo. es ist auch unerheblich, wie alt ich war. was ich sah, war ein wunder. keines, das von oben kam. gott hatte vielleicht und sogar ziemlich sicher eine schützende hand über der ganzen sache. aber dieses wunder war eines, dass wir, wir bürger der ddr vollbracht hatten. das angefangen hat in leipzig mit einer handvoll leuten, die nicht mehr nur ertragen und sich arrangieren wollten. das sich erweiterte auf mehr, die unzufrieden waren, aber nicht das land abschaffen oder verlassen, sondern nur besser machen wollten. das sich erweiterte auf eine masse, die nicht mehr in die leipziger nikolaikirche passte, aber auch die leipziger straßen nicht ausfüllte bei den ersten montagsdemos. aber eine, die jede woche größer wurde. waren sie am anfang noch bauch an rücken gegangen, weil sie angst vor den soldaten am straßenrand hatten, so gingen sie bald mit transparenten und lauten sprüchen selbstbewusst durch leipzig. immer noch ängstlich, denn es hätte jederzeit ein zweites prag oder peking daraus werden können. die wellen schlugen bis in die westmedien und zurück in den osten. während in berlin erich die parade zum 40. jahrestag der ddr abnahm, formierte sich der untergrund. und brach hervor, als michail gorbatschow in der ddr war. er war in dresden und die menschen wurden von ihm ferngehalten. er war in berlin und die massen ließen sich nicht mehr aufhalten. auf einmal stand der alte apparat einer macht gegenüber, die sie unterschätzt hatte: das eigene volk.

und es warf nicht mit steinen, es war nicht gewalttätig. es stand einfach da und skandierte „wir sind das volk“. wir. nicht ihr. wir sind mehr als ihr. der apparat gab auf. viele haben im hintergrund dafür gesorgt, dass es nicht zur katastrophe gekommen ist. in der zeit vom 10. oktober bis zum 11. november stand die ddr kurz vor einem blutigen massaker. jederzeit hätte es geschehen können. und alle, die auf dieser straße mit einer kerze standen, jeder, der an einer montagsdemo irgendwo in diesem land teilnahm, war sich dessen bewusst.

die mauer fiel mit einem versprecher, so wie sie nach einem versprechen gebaut worden war. „niemand hat die absicht, eine mauer zu errichten“ hatte ulbricht seinem volk versprochen. und doch teilte sie 28 jahre lang familien, geschwister, eltern und kinder, freunde.

heute wurde der 20. jahrestag des mauerfalls gefeiert. und welcher ort bietet sich dafür an, wenn nicht das brandenburger tor. man hätte es auch an der bornholmer straße feiern können, schließlich war das der erste schlagbaum, der in dieser nacht vor 20 jahren aufging. und alle waren sie da oder hinterließen mindestens eine botschaft: obama, hillary, sarkozy, medwedew, genscher, gorbatschow, merkel, kofi annan. alle waren sie da. für die leistung, die wir erbracht haben. für uns. für mich. für den kölner und den bayern neben mir genauso wie für die freunde aus brandenburg und brasilien. trotz strömendem regen waren sie alle da, trotz regen war der pariser platz, die straße unter den linden und alles drumherum voller menschen. menschen, die diesen tag nicht vergessen haben und nicht vergessen wollen. die ihn wertschätzen als das, was er war: ein wunder. gemacht von einem volk, das zusammengehalten hat. eine kleine gruppe, die größer geworden ist und es geschafft hat, ein regime zu stürzen. der beweis dafür, dass jeder von uns etwas bewirken kann, wenn er nur anfängt.

als genschers rede auf dem balkon der prager botschaft gezeigt wurde, lief mir (wie immer bei dieser szene) eine träne aus dem linken auge. was mich immer wieder anrührt, sind die menschen, die über die grenze rennen, als hätten sie angst, dass von oben auf einmal jemand sagt: „april, april. und ab zurück. für den versuch direkt nach bautzen.“ als gorbatschow seine kleine rede hielt und danach adoro freiheit von westernhagen sang, lief mir eine träne aus dem rechten auge. ohne diese beiden, vor allem ohne gorbatschow, wäre dieser weg, dieser tag, so nicht möglich gewesen.

wir sind frei. und ist freiheit nicht das höchste gut? lernen wir endlich, es zu schätzen.

11 Responses

  1. goethesmatrix Says:

    Ich mag, wie du schreibst. Das wirkt alles ehrlich und nicht aufgesetzt. Schön Reitschel. Dein Göte

  2. MarkKnochen Says:

    Der Anfang gefällt mir ganz gut, vor allem auf dein damaliges Alter bezogen und welche Bedeutung die Situation daher damals eben für dich hatte – das werden sicher viele ebenso erlebt haben.

  3. Markus Says:

    Hallo,
    ein sehr schöner Blog! Wenn ich mich an diesen Tag erinnre, dann immer daran, wie ich leicht angetrunken von einer Party nach Hause kam und mein Vater weinend im Wohnzimmer stand, zwei leere Flaschen Champus auf dem Tisch. Er hat kurz vor dem Mauerbau „rüber gemacht“ und war fassungslos vor Glück! Ich bin ein „bisschen“ älter als Du, würde aber der Grundaussage uneingeschränkt zustimmen: Freiheit ist nichts wert, wenn wir sie nicht wahrnehmen!
    lg Markus

  4. Oliver Says:

    Sehr schön geschrieben. Chapeau!

  5. beingmenow Says:

    Wie gern ich Dich lese, brauche ich hier nicht schon wieder zu betonen.
    Allerdings hat mich das, was Du beschreibst, damals genau so berührt wie Dich – und ich bin kein Ostkind!
    Für mich der Beweis dafür, dass Mut sich auszahlt und Beharrlichkeit zum Ziel führt.

  6. Frauke Watson Says:

    Ja, gefaellt mir wirklich. Wir duerfen nun mal nicht vergessen, dass du einer Generation angehoerst, die die Verhaeltnisse nicht anders kannte und sich daher damit arrangiert hat. Zu glauben, dass die Veraenderungen allen sofort gleich willkommen waren, waere typische Wessi-Arroganz.

  7. Artemisia Says:

    Le mur et tombe – war die erste Botschaft von unserem Kellner in Hammamet – wir glaubten es nicht und sahen dann die unglaublichen Bilder über Sat-Fernsehen und bedauerten, nicht dabei sein zu können in diesem geschichtlichen Augenblick….

  8. Oliver Says:

    Mich interessiert es nicht (mehr) wer woher kommt! Und Aussagen nach 20 Jahren wie z.B. „Wessi-Arroganz“ finde ich richtig schlimm.

  9. rachel Says:

    @oliver: die frage nach der herkunft mag in der beurteilung des menschen für dich keine rolle spielen, für denjenigen selbst jedoch schon. ich bin ossi und da bin ich auch stolz drauf. die wende und die zeit davor haben mein leben entscheidend geprägt.

    @artemisia: tröste dich, wie gesagt, familie lindenbaum schlief zur PK und die bilder danach blieben mir dank schulalltag verwehrt. auch samstags übrigens.

    @markus: spannend! zumal ich über deinen vater im blog las. eine sehr beeindruckende ost/west-geschichte.

    @göte: 😉 danke. liegt wohl daran, dass es ehrlich ist.

    @FraukeWatson: das eigentliche problem ist und bleibt, dass die, die da 89 die mauer gekippt haben, nicht die wiedervereinigung im sinn hatten. die wende bedeutet für viele ossis einen riesenbruch. von einem tag auf den anderen gab es die welt, in der sie aufgewachsen waren nicht mehr. ob das nun was mit überzeugung oder anpassung zu tun hat, ist im grunde unerheblich. das ereignis 9.11.1989 ist das eine, die folgen sind das andere. und so begeistert der größte teil von dem einen war, so schicksalhaft war für viele die wiedervereinigung. darum geht mir heute immer ein bisschen der hals dick, wenn es um 2000 leute bei quelle oder ähnliches geht. im osten haben millionen ihre jobs verloren, ohne kündigungsfrist, ohne aussicht auf was neues. als die ihrem ärger luft machten, wurden sie als jammerossis abgestempelt, als undankbare almosenempfänger. das ist die eigentliche wessi-arroganz gewesen.

  10. Oliver Says:

    Rachel, das meinte ich anders. Ich weiss nicht, wie es hier gemeint war. Jeder soll stolz auf seine Herkunft sein, das steht niemande anderen zu, das zu kritisieren. Ich selber komme aus Ostwestfalen, die westdeutsche Antwort auf das Tald der Ahnungslosen. Ich meine, dass man mal in sich gehen muss um darüber nachzudenken, ob es nicht diejenigen sind, die zwar nach aussen vorgeben „nein, mir ist das egal wo jemand herkommt“ aber gleichzeitig dieses Ossi-Wessi-Gerede immer noch hochhalten.

  11. GernodGammler Says:

    Gut geschrieben, bewegt mich!

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beweise, dass du ein echter mensch bist!