gretchens fail

guten tag. mein name ist rachel und ich finde, „doctor’s diary“ ist sexistische kackscheiße. bitteschön.

wer mich kennt, weiß, dass ich keine männerhassende hardcorefeministin bin. schlimm genug, dass man als frau solche erklärungen heutzutage voranstellen muss. ich finde es charmant, wenn man(n) mir die tür aufhält oder mir ein kompliment macht (ohne dabei nur auf mein dekolleté zu starren). also ich halte mich diesbezüglich für recht konservativ, jedoch selbstbewusst im umgang mit alltagssexismen.

ich habe die oben genannte serie nie verfolgt. am donnerstag spülte sie eher zufällig vor allem an mein ohr, weil mein tv gern läuft, während ich am rechner einige meter entfernt sitze. und ich dachte: „seriously? DAS ist eine der erfolgsserien?“

eine serie á la bridget jones, nur viel schlimmer. die protagonistin, gretchen (was für ein name!) ist ende 20 und ihr verlobter hat sie betrogen, weshalb sie ihn verlassen will. oder hat. der kommentar ihrer mutter: „gretchen! du bist fast 30! du kannst doch jetzt nicht alles aufgeben! verzeih ihm und vergiss endlich die karriere!“ äh….dafuq? gretchen selbst fängt gerade als ärztin (!!!) in einem neuen krankenhaus an. wo sie auf mark trifft. ihre jugendliebe. der noch immer das gleiche arschloch wie früher ist. und sie „hasenzahn“ nennt. wie früher. was sie nicht einmal kommentiert. dafuq?

im gegenteil. sie ergeht sich in länglichen off-kommentaren, die an ihr tagebuch gerichtet sein sollen (serientitel, ne?) und dem zuschauer verraten: ärztinnen sind den ganzen tag damit beschäftigt, sich über ihr aussehen, ihr gewicht und ihre wirkung auf den oberarzt (mark) oder jeden anderen halbwegs attraktiven arzt gedanken zu machen und wenn sie zufällig ein menschenleben retten, dann fällt das eben unter zufall. laut „doctor’s diary“ ist der einzige große wunsch einer jeden frau geheiratet (ja, passiv!) zu werden.

nun könnte man sagen: „ey, rachel, komma runter. das is ne serie und überspitzt.“ sicher ist es das. ABER: um solche „gags“ zu schreiben, muss ein schreiber erstmal den rückhalt einer allgemeinen ansicht haben, dass das lustig ist und dafür muss es akzeptiert sein.

so. und da liegt für mich der hund begraben. oder der otter. oder wer auch immer.

offenbar finden es sehr viele menschen eben immer noch normal und gerechtfertigt, weibliche ärzte auf ihr aussehen und ihren sexualtrieb zu reduzieren. offenbar ist es allgemein anerkannt, dass frauen gedemütigt und benachteiligt werden. im zusammenhang mit der in den werbepausen dieser serie gezeigten werbung bekomme ich eine dezente krawatte. werbung für frauen. straffende bodylotions. superglanz-shampoos und anderes haarzeugs. kaltwachsstreifen und epilierer für perfekt haarlose körper. make-up. powerfrauen mit powerdeos.

und dann weiß ich eben auch, wo die „gags“ in dieser serie herkommen: es wird uns frauen täglich in höchster dosis eingebläut, dass unsere schönheit, unser aussehen, unsere figur, unsere haare, unsere haut unser kapital sind. deos für männer werden beworben mit „perform like a man“ und wirken 72 stunden. wir sollen täglich unser einziges kapital cremen, waschen, pudern, shampoonieren und glossen. weil wir als das „schöne geschlecht“ ja sonst auch nix weiter zu bieten haben. außerdem sind wir auslaufmodelle und benötigen, um das diskret zu verstecken, permanent binden, slipeinlagen oder tampons und wir haben scheidenpilz.

ich will es nicht unnötig ausbreiten: ich hab die schnauze voll von (deutschen) serien und werbungen, die mir erklären, wie frauen funktionieren (sollen). ich bin eine singlefrau mitte 30, die sowohl ihre kontinenz als auch auch ihr leben ziemlich gut im griff hat und in einem job arbeitet, in dem es bei weitem nicht darum geht, nur die zahlreichen (durchaus auch sehr attraktiven) männer anzuhimmeln, sondern mit ihnen zusammenzuarbeiten, um ein gutes ergebnis zu erreichen. irgendwann muss doch mal schluss sein mit diesem weibchen-ideal! HIMMELGESÄSSUNDNÄHGARN!

homophopbie? dafuq?

in den letzten wochen ist das thema (homo)sexualität wieder sehr hochgekocht. zum einen durch herrn hitzlsperger, zum anderen durch ein konzeptpapier, das andere lebensentwürfe als mutter, vater, kind an schüler in bawü bringen will. von „schwuler umerziehung“ ist die rede, gar davon, dass es ja kein wunder sei, dass deutschland bei pisa so schlecht abschneide, wenn sich unsere schüler nur noch mit alternativ zum klassischen hetero-lebensentwurf existierenden beschäftigen müssen etc. ich verzichte bewusst auf verlinkungen, die grässlichen fratzen der borniertheit und homophobie zeigen sich selten in artikeln sondern eher in den kommentaren.

ich persönlich finde es müßig, die leier des „homosexualität existiert nun mal, lebt damit“ oder „wann genau hast du dir deine heterosexualität als lebensentwurf ausgesucht?“ noch spielen zu müssen.

aber ich fände es großartig, wenn in lesebüchern der ersten klasse einfach ganz unkommentiert ein homosexuelles paar vorkäme. (adam und andi sind im haus.) wenn in sachaufgaben einfach mal ein bild eines schwarz/weißen paares zu sehen wäre. wenn dort auch rollstuhlfahrer vorkämen oder andere „behinderungen“ thematisiert würden („das ist susi. susi kann nicht sehen. darum hat susi einen hund. der hund heißt bello und sagt ihr, wo sie an der straße stehenbleiben muss.“).

ein kommentar, den ich las, meinte sinngemäß: natürlich besteht homosexualität nicht nur aus sexualität. aber sie terminiert sich darüber. ein vater, der seinen sohn/neffen/bruder/vater liebt, sei ja nicht homosexuell, weil er den liebe. erst, wenn es um geschlechtsverkehr ginge, wäre die „definition komplett“. und ein vater, der seine tochter/nichte/schwester/mutter liebt ist dann was? pädophil? inzestiös? ödipal? die vielfalt der ausreden, warum es „unnormal“ ist, jemanden vom eigenen geschlecht zu lieben und warum wir also deshalb unsere kinder vor diesem wissen beschützen müssen, um sie nicht zu beeinflussen, fasziniert mich auf perfide weise. wie die aale winden sich die homophoben, um ihre „argumente“ auf vermeintlich feste beine zu stellen und können doch jederzeit von der wissenschaft mit einem kleinen windhauch einfach umgepustet werden. ein paar fragen reichen völlig aus. zuvorderst: „wann hast du aktiv entschieden, heterosexuell sein zu wollen?“

und doch, und doch löst auch 2014 das wort „homosexualität“ in verbindung mit „schule“ sofort abwehrreaktionen aus: „aber man muss doch kinder nicht übersexualisieren!“ nö, aber in unserer trotz allem offener werdenden gesellschaft werden die kinder sowieso mit gleichgeschlechtlichen paaren oder transgendern oder anderem konfrontiert. und sie fragen nach: „warum hat der onkel bill den gleichen nachnamen wie der onkel martin? sind die verwandt?“ damit warten kinder nicht bis zur pubertät – aber wenn sie eine antwort bekommen („martin und bill sind verheiratet, auch männer können einander heiraten, wenn sie das möchten“) ist es ja in der regel gegessen. diese ewig gestrige vorstellung, dass kindern nun in der schule sämtliche homosexuellen sexualpraktiken „beigebracht“ werden ist natürlich quatsch. sie bekommen ja auch nicht die bandbreite heterosexueller sexualpraktiken beigebracht. „warum heißt onkel martin jetzt martina und hat lange haare?“ „Weil er so jetzt glücklicher ist.“ zack bumm. kind zufrieden.

was das schlimmste an der sache ist, ist, dass der (homosexuelle/transsexuelle/…) mensch völlig unwichtig wird. er/sie wird auf seine absolute privatzone reduziert: sexualität. aber genauso wenig, wie mich die genauen vorlieben meiner nachbarn interessieren, interessieren sie mich bei meinen homosexuellen/transsexuellen freunden. das sind menschen, die ihren platz in meinem herzen verdient haben, weil ich sie lieb habe. und das hat mit ganz vielem zu tun, aber sexualität gehört nicht dazu. sie sind mir wertvolle menschen. punkt. kein heterosexueller würde es ohne weiteres akzeptieren, dass man ihn auf seine schlafzimmeraktivitäten reduziert. warum tun wir (heteros) es dann ganz selbstverständlich bei anderen?

kinder sind von natur aus neugierig und kennen keine grenzen. ich finde es unfair, ihnen welche zu setzen, weil man nicht über den eigenen tellerrand hinaussehen mag, weil man dann akzeptieren müsste, dass die welt keine scheibe ist. kinder sehen sehr lange einfach nur den menschen ohne gesellschaftliche konventionen. ob er nett ist, coole spiele kennt oder mit kindern nichts anfangen kann. wenn etwas von ihrer gewohnten sichtweise abweicht, fragen sie nach. mit einer einfachen antwort ist das „problem“ aus der welt und der mensch rückt wieder zurück in den mittelpunkt. warum soll das in der schule aufhören? kein kind geht daran kaputt, wenn es von vornherein erfährt, dass auch zwei männer/frauen zusammen sein können und einfach glücklich sind, dass auch zwei männer/frauen ein kind haben können oder dass es menschen gibt, die körperliche beeinträchtigungen haben. diese menschen sind da draußen! irgendwann werden auch eure kinder sie sehen, egal, wie sehr ihr sie davor beschützen wollt! aber sie werden sehr viel unbefangener und viel selbstverständlicher damit umgehen, je früher sie davon erfahren. ganz ohne erwähnung von sexualpraktiken oder sowas.

homophobie, angst vor inklusion oder vor allen lebensentwürfen, die der „norm“ widersprechen, ist sooo 50er jahre…aber heilbar.

p.s.: ich setze keineswegs körperliche beeinträchtigungen mit homo/transsexualität gleich. ich finde nur, beide gruppen sind in unserer heterosexuellen, körperlich gesunden (achtung, sarkasmus!) welt unterrepräsentiert.

die dritte generation

wie ich gestern bei #zdflogin erfuhr, gehöre ich zur dritten generation. das sind die, die zwischen 1975 und 1985 in der ddr geboren wurden.

abgesehen von dieser information bot mir diese sendung zahlreiche argumente dafür, doch endlich mit der glorifizierung der ddr aufzuhören, die uns menschen der dritten generation angeblich innewohnt. schließlich sei die ddr ein unerträglicher unrechtsstaat gewesen, in dem alle menschen in graue lumpen gekleidet sich angstvoll umschauend durch die gegend schlichen.

nun…nein.

nein, ich glorifiziere nichts. auch ich habe schon in der grundschule zu spüren bekommen, was es bedeutet, bei eltern aufzuwachsen, die nicht nur nicht in der SED sind, sondern sogar offen bekennende CDU-mitglieder und dazu auch noch laut systemkritisch. was es bedeutet, sich als kind freiwillig in die christenlehre zu begeben. es bedeutete unter anderem, dass ich als klassenbeste eben keine auszeichnung bekam, sondern die zweitbeste ausgezeichnet wurde, deren eltern systemtreue rotsocken waren. mir ist bewusst, dass ich mit derlei eltern niemals hätte studieren dürfen. oder dass ungefähr in der 10. klasse ein unauffälliger mensch oder gar ein vermeintlicher freund gefragt hätte, ob ich denn nicht für ein studium bereit wäre, gewisse informationen an gewisse leute über gewisse leute weiterzugeben. und mir bei ablehnung gewisse wie auch immer geartete konsequenzen in aussicht gestellt hätte. mir ist bewusst, dass, hätte die ddr die angeblich vorhandenen pläne für lager für dissidenten umgesetzt, meine omma als eine der ersten auf einem transporter gesessen hätte.

all das ist mir bewusst. auch, wenn wir in einer gegend wohnten, in der wir außer dem staatseigenen fernsehen bestenfalls an sonnigen tagen auch mal körniges polnisches tv empfingen, niemals aber westfernsehen.

ich bin in einem system aufgewachsen, das mich von frühester jugend darauf vorbereitet hat, dass ich später meinen beitrag zu ihm würde leisten müssen, wollte ich nicht der allgemeinen ächtung als „asoziale“ anheimfallen. (ja so hieß das wirklich.) nun tut die kinder- und jugendbildung ja heute im grunde nicht viel anderes als genau das: leiste deinen beitrag, dein land braucht dich. nur heißt das system inzwischen anders. hmm. hmmm. wenn ich heute interviews mit gymnasiasten sehe, erschrecke ich mich oft, wie sehr die schon auf kapitalismus-spur sind mit ihren vielleicht 15 oder 16 jahren. ob das nun erstrebenswerter ist, als stramm auf sozialismus-spur zu sein, überlasse ich jedem selbst.

ein weiteres thema war nun in dieser tollen sendung das frauenbild in der ddr. laut den einspielern haben 1989 rund 90% der frauen in der ddr gearbeitet. das war problemlos möglich, weil für (laut zdf) rund 80% der kinder krippenplätze vorhanden waren. krippe, also für säuglinge und kleinstkinder unter 3 jahren. von 6 bis 18 uhr. wenn eine mutter zuhause bleiben wollte, ging das auch. von flächendeckender betreuung in kindergärten (u.a. auch in den betrieben selbst) ganz zu schweigen. abtreibungen waren ohne große schikane möglich. scheidungen waren schnell und preisgünstig vollzogen. frauen waren vollwertige mitglieder der gesellschaft, die schon von kindesbeinen an dazu erzogen wurden, eines tages auf eigenen beinen stehen zu können und von niemandem abhängig zu sein.

natürlich kann man spekulieren, dass die kinderbetreuung in diesem umfang die voraussetzung dafür war, alle arbeitsfähigen menschen ins system und den aufbau des staates zu zwingen. ein gern gewähltes argument gegen diese praxis. und sicher sind kinder in diesem system oft auch die verlierer gewesen. wenn sie nach hause kamen und keiner da war, weil beide eltern arbeiteten. wobei: die meisten schulen hatten auch einen hort, in dem man hausaufgaben erledigen konnte und eben nicht allein war. angeblich gab es signifikant viele bettnässer in der ddr. was dann als zeichen für diese unmenschliche praxis angesehen wird, die armen kinder von der mutterbrust direkt in fremdbetreuung zu übergeben. natürlich ist eine nanny oder ein au pair etwas gaaaanz anderes.

fakt ist: als ich zum ersten mal davon hörte, dass die frauen auf der anderen seite der mauer oft lieber zuhause blieben, um sich der kinderaufzucht und der pflege ihres mannes und des haushaltes zu widmen, war ich fassungslos. mein erster gedanke war: wird denen das nicht langweilig? (wir erinnern uns: 1990 gabs nicht viele tv-sender zur allgemeinen zerstreuung.) als ich anfang der 2000er von meiner damaligen besten freundin, die in tübingen studierte, stories von ihren kommilitonen hörte, die im grunde nur studierten, um eine gute partie abzugreifen und dann nie arbeiten zu müssen, war ich ein weiteres mal fassungslos.

und doch hat sich dieses weltbild über die ehemalige ddr gestülpt. kindergärten wurden geschlossen – was auch daran lag, dass kaum noch kinder geboren wurden, weil die situation so instabil war. der abtreibungsparagraf der ddr wurde zusammen mit ihren restlichen gesetzen in die ewigen jagdgründe geschickt. scheidungen sind heute langwierig und teuer, auch, weil es hier um unterhaltsansprüche geht, was in der ddr aufgrund der beschäftigung nahezu aller frauen wegfiel. andrea kiewel sagte gestern in einem einspieler sinngemäß, dass die ddr mit ihrem frauenbild dem rest der welt um etwa 10 jahre voraus war. mit der wende mussten diese frauen (und auch die gerade heranwachsenden) sich plötzlich mit problemen beschäftigen, die tief in ihre persönlichen entscheidungen eingreifen (s. abtreibungen). entscheidungen, die sie immer allein treffen konnten und auch mussten. plötzlich gab es leute, die da mitreden wollten und noch mehr: ihnen sagten, was sie zu tun haben, was sie dürfen und was nicht.

es kamen menschen, die uns im osten erklärten, was für bedauernswerte würstchen wir doch seien nach 40 jahren knechtschaft.

wir? bedauernswert? wann genau hat ein anderes volk dieser welt sein regime gestürzt, ohne dass es zu blutigen aufständen kam? ohne, dass schüsse gefallen sind? einfach dadurch, dass es sich wieder und wieder und in immer größerer zahl versammelte? sind wir, die wir diese „knechtschaft“ beendeten, nun die opfer? offenbar ja. im osten ist die arbeitslosigkeit höher und die löhne auch 25 jahre nach der wende noch niedriger. (kommt mir jetzt nicht mit dem soli, den zahlen wir auch.)

achja, dem ganzen die krone aufgesetzt hat eigentlich die forderung, die symbole der ddr, die heute als souvenirs verkauft werden, sollten wie die nazi-symbole verboten werden. nun, es gibt einen entscheidenden unterschied zwischen der nazi-diktatur und der ddr-diktatur: erstere wurde nach 6 jahren blutigem krieg von den alliierten zerschlagen, letztere vom volk selbst. die symbole der nazis stehen für millionenfachen mord an unschuldigen, die symbole der ddr stehen für ein system, das durch sein eigenes volk ad absurdum geführt und abgesetzt wurde. wenn ein speckiges t-shirt und ein hipsterbart ironisch sind, ist es ein honecker-bild heute allemal.

wie auch immer es andere sehen mögen: ich bin dankbar für meine behütete kindheit in der ddr. dass ich erst mit 13 erfuhr, dass man vom küssen nicht schwanger wird und mir auch erst da langsam der tatsache meines weiblichen körpers bewusst wurde, hat mir nicht geschadet. ich bin aber auch dankbar dafür, dass ich wegen der wende gar nicht an den punkt kam, mich eingesperrt zu fühlen. in einem alter, wo man neugierig auf die welt wird, konnte ich es sein und ausleben, die welt entdecken und reisen, wohin ich wollte. ich bin dankbar dafür, dass ich wegen der wende studieren konnte und als melkerin in der lpg arbeiten muss. ich bin dankbar für beide seiten, weil beide seiten ihr gutes haben.

wie sehr ihr das? wie habt ihr es erlebt?

du opfah!

Wer sich zum Honig macht, den benaschen die Fliegen.

(deutsches sprichwort)

 

es ist etwas schwierig, einen anfang zu finden. vor allem ist es schwierig, das, was in meinem kopf rumschwirrt, so zu formulieren, dass sich niemand angegriffen fühlt oder ich den eindruck vermittle, etwas besseres sein zu wollen.

versuchen wir es mal.

aufgrund bestimmter umstände, auf die ich nicht näher eingehe, war es notwendig, dass ich beim hiesigen jobcenter vorsprechen musste. meinem antrag wurde stattgegeben, jedoch nicht komplett. um einen widerspruch formulieren zu können, wühlte ich mich also durchs internetz, denn bekanntlich weiß das ja alles. (und vielleicht lässt mich die nsa auch in ruhe, wenn sie jetzt weiß, dass ich mir gerade weder sprengstoff noch einen schnellkochtopf noch einen rucksack leisten könnte.) gerade, wenn sich fragen zum komplizierten regelwerk des sgbII auftun, finden sich zahllose foren und hilfeseiten. die meisten davon haben eines gemeinsam: alle dort sind opfer. und zwar opfer, die sich komfortabel in ihrer opferhöhle eingerichtet haben und neuen opfern von da aus giftig schnappend zeigen, wie man richtig opfer ist.

der wohl am häufigsten auftretende vorwurf ist der, dass das sgbII nur den sinn habe, menschen kleinzuhalten und so ihren willen zu brechen und sie gefügig für dieses system zu machen. da ich selbst diesen gang zum jc nicht zum ersten mal gemacht habe, kenne ich durchaus die gedankengänge, und auch das unverständnis, die unbeholfenheit und das überfordertsein damit, die eigene missliche situation, das immer knappe geld und die kämpfe gegen windmühlen unter einen hut zu bringen, ohne den mut zu verlieren. und ja, ich weiß, dass langzeitarbeitslosigkeit krank macht. psychisch und auch physisch.

und was ich auch kenne, ist das bedürfnis, für die eigene situation einen schuldigen zu finden. und hier werde ich allgemeiner, weil das für alle misslagen im leben funktioniert. „meine situation wäre ganz anders, wenn…mein ex nicht so ein arsch wäre…meine eltern mich anders erzogen hätten…die gesellschaft anders wäre…der staat hier endlich eingreifen würde…dies und das und jenes nicht passiert wäre.“ in meinem aktuellen fall ist es so: ich würde auch gern einen schuldigen finden. doch daran, dass ich momentan hier sitze und darüber nachdenke, ob ich lieber meine miete oder essen bezahlen soll, weil das jc einen verfahrensfehler gemacht hat, auf dessen berichtigung ich nun hoffe, daran bin ich selbst schuld. ich bin selbst verantwortlich, denn ich allein war es, die es soweit hat kommen lassen. ich war diejenige, die mit offenen augen in diese situation geraten ist, ohne etwas zu ändern.

und nun ist es so. das kind liegt im brunnen und alles, was ich tun kann, ist schadensbegrenzung. darüber hinaus zusehen, dass ich wieder auf die füße komme. ich habe mir ein paar wochen selbstmitleid gegönnt. rückzug. reflexion. geheult. schlecht geschlafen. wollte das ausmaß meines scheiterns nicht akzeptieren. fand schuldige. und landete immer wieder bei mir. ich kann mich mit 35 jahren nicht mehr darauf berufen, dass meine kindheit einige dunkle flecken hat. und ich will es auch nicht. das mag für einige situationen akzeptabel als erklärung sein, aber nicht für das, was ich zugelassen habe. ich habe ein eigenes leben, das schon lange unabhängig von dem meiner kindheit ist. ich war schon sehr erfolgreich in diesem leben und habe verdammt viel erreicht. die erkenntnis, dass meine unsicherheiten, resultierend aus alten mustern, mich hierhin gebracht haben und ich es zugelassen habe, macht mich unsagbar wütend. wütend auf mich selbst. nicht auf den fehler des jc bei der berechnung, denn den antrag hätte es nicht brauchen müssen. nicht auf das system, das mich zwingt, mich komplett nackich zu machen (inklusive einnahmen und ausgaben der letzten 12 monate und auftraggeber und warum die weggefallen sind etc.), denn dieses system rettet mir gerade den arsch und bewahrt mich davor, wieder schulden machen zu müssen. nein, das ist kein lobgesang auf hartz4. aber hartz4 verschafft mir gerade luft zum atmen. luft, die ich brauche, um wieder zu mir finden zu können. macht kapazitäten in meinem hirn frei, die sonst für existenzängste draufgehen würden.

ich finde es okay und legitim, sich eine zeit des suhlens im selbstmitleid zu nehmen, wenn die dinge aus der bahn geraten. ich kenne das gefühl, wenn man aus heiterem himmel plötzlich in situationen gerät, die einen völlig überfordern. ich kenne depressive phasen ebenso wie ausgewachsene depressionen. was ich aber nicht okay finde, ist, sich damit abzufinden, sich zu fügen und den kampf aufzugeben. egal, was im leben passiert: es passiert immer nur soviel, wie man zulässt. man ist immer nur das opfer, das man anderen zugesteht aus einem zu machen. ich finde es okay und legitim, keine kraft mehr zu haben, die schnauze voll zu haben und sich eine kampfpause zu gönnen. ich finde es okay und legitim, sich hilfe zu suchen und den kampf nicht allein auszufechten. aber ich finde es nicht okay, aufzugeben.

ich finde es nicht okay, die schuld für die eigene situation bei den umständen und/oder anderen menschen zu suchen und damit die verantwortung abzugeben. ich finde es nicht okay, sich zurückzulehnen und zu erwarten, dass andere mein problem lösen oder dass es sich ganz einfach in lavendelduft auflöst. auch, wenn ich ohne eigene schuld in einer misslichen situation lande, heißt das nicht, dass ich mich dort auch einrichten muss.

und damit bin ich wieder bei den foren zum oben genannten thema. was ich mir für leute, die neu in dem system landen, wünschen würde, wäre aufklärung, verständliche erklärungen komplizierter regelungen. konkrete hilfe wie links zu beratungsstellen oder einrichtungen wie den mitgehern, die ins jc begleiten. ich würde mir wünschen, dass sich dort mut zugesprochen wird und nicht bitterkeiten und sarkastische kommentare jeden beitrag, jede frage vernichten. ich würde mir wünschen, dass die profiopfer dort, die wissen, wie beschissen es sich anfühlt, sich dem system unterzuordnen, anderen tipps geben, damit ihnen das nicht passiert. ich würde mir wünschen, dass dort konstruktiv geholfen wird in einer weise, die einen fragenden nicht mit einem „aha. wtf? und jetzt?“ zurücklässt, sondern mit einem „ah! danke! jetzt weiß ich, was zu tun ist.“. ich würde mir wünschen, dass diese foren ihren vorwurf, das system wolle menschen brechen und gefügig machen, mit ihrem eigenen verhalten nicht untermauern würden. denn dadurch, dass sie andere lehren, wie man als opfer zu sein hat, schaffen sie neue opfer.

allgemeiner gesprochen: du bist unzufrieden? tu was. ändere deine einstellung, hole dir input, suche dir hilfe. aber: mach was. bleib nicht sitzen und suche nach erklärungen, warum du es nicht ändern kannst und wer schuld ist. suche nach auswegen. es ist dein leben. lass es dir nicht wegnehmen.

Geschützt: sonntagsexperiment

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lügen essen vertrauen auf.

occupy wird gewaltsam aufgelöst, bundestrojaner werden eingesetzt und in den medien gibts dazu: genau nichts. oder nur sehr wenig. und das dann entweder abwinkend oder polarisierend.

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Geschützt: huren und heilige.

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integration? das ist doch der gipfel!

gehört der islam zu deutschland? ist der islam eine bedrohung für das abendland? droht uns allen der terror? heute ist mal wieder deutsche islamkonferenz. oder auch integrationsgipfel. oder auch einfach mal wieder eine gelegenheit, prima aneinander vorbei zu reden.

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tutti plagutti

machen wirs kurz: gutti hat beschissen. noch wahrscheinlicher ist, dass er einen ghostwriter beauftragt hat, die arbeit zu schreiben und der gepfuscht hat. kann passieren. sollte nicht, kann aber. es sollen auch schon leute am op-tisch ein skalpell benutzt haben, die vorher nie eine uni von innen gesehen haben und alle ihre referenzen zusammenkopiert haben. man hat schon pferde kotzen sehen, vor der apotheke. gutti wird amt und titel los. gerecht. okay. wie viele andere betrüger jetzt wohl bibbernd in der ecke sitzen vor lauter angst, dass auch für ihre arbeiten mal ein wiki eingerichtet wird, in dem jeder netzmensch nach plagiaten suchen kann?

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wellen des zorns.

es klingt schon geradezu dramatisch: „wellen des zorns gehen durch die arabische welt.“ aha. da rollen sie also zuerst über tunesien, dann über ägypten und nun auch über den jemen und den iran. im irak werden sie wohl stoppen, da ist ja dank der amis schon alles voll am demokratisch sein.

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alles integration oder was?

wenn es ein wort des sommers oder der woche gäbe: es wäre wohl judengen oder kopftuchtürkin. unser aller thilo sarazzin hat sich mal wieder gewohnt markig zu wort gemeldet und ordentlich wind gemacht. und ich frage mich, ob es nur mir so geht, dass ich im stillen denke, dass er mit manchem gar nicht so falsch liegt?

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kein kohlekraftwerk in lubmin!

auch, wenn ich berlin immer als meine innere heimat angesehen habe, so gibt es doch diese region, in der ich aufgewachsen bin: greifswald in vorpommern. in der nähe von greifswald befindet sich lubmin. bekannt wurde dieses dorf vor allem dadurch, dass sich dort ein kernkraftwerk (kkw genannt) befand.

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der „skandal“ obama

ein aufschrei geht durch die welt. der messias will krieg. huch? barack obama, für viele vor nicht einmal einem jahr als messias der neuen weltordnung gewählt, heiland und retter aus der krise, bricht seine versprechen. tut er das? nein. er tut genau das, was er angekündigt hat. nur haben viele damals vor lauter stoßseufzern und händeklatschen und den sprechchören mit „yes we can“ wohl nicht genau zugehört.

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freiheit

soeben komme ich vom brandenburger tor, die feier zum 20. jahrestag des mauerfalls ist vorbei. für viele war dieser tag nur ein tag im november, für andere war er ein tag, um schlechte witze zu machen. für mich ist dieser tag ein tag voller bedeutungen. es ist schwer, alle gefühle, die gerade in mir toben, in worte zu fassen, aber ich werde es versuchen.

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wirtschaftsgrippenschweineimpfungskrise

so langsam platzt mir ja die hutschnur. ich bin ein sehr geduldiger mensch und höre mir auch blödsinn ne ganze weile an, bevor ich was sage. aber was da so momentan abgeht, kann nur noch unter kollektive verarsche fallen.

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einigkeit und recht und freiheit

als mensch des jahrgangs 78 gehöre ich zu der glücklichen generation menschen im osten, die beide seiten kennengelernt haben: die ddr und das vereinigte deutschland. glücklicherweise und gleichzeitig leider war ich erst 12, als die wende in gang kam.

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wahlgedanken

morgen ist also wahltag. mal wieder vier jahre rum und zum ersten mal seit vielen wahlen bin ich nicht als helfer fürs zdf unterwegs. schade, denn das gab immer ein kleines, aber steuerfreies zubrot und außerdem einen einblick in die möglichen ergebnisse. Read the rest of this entry »

9/11/2001

es ist der 11. september 2001, nachmittags, gegen 14:30. ich sitze bei einem freund. er hat keinen fernseher, aber wir hören radio. in den nachrichten wird gemeldet, es sei ein flugzeug in einen turm des world trade centers in new york geflogen. „das war kein unfall“, sage ich. kurz darauf die meldung über das zweite flugzeug. spätestens jetzt ist klar, dass dies kein zufall gewesen sein kann. Read the rest of this entry »

die ereignisse überschlagen sich – überall

also ihr lieben, ich versuche mal die ereignisse der letzten tage chronologisch zu ordnen. denn es ist sooo viel passiert! wer mich bei twitter verfolgt, weiß das, aber für die zurückgebliebenen unter euch ohne twitter dann hier die quasi-analoge zusammenfassung. 🙂 Read the rest of this entry »

sehr geehrte frau merkel

aus gegebenem anlass (karstadt) beantrage ich hiermit auch für mich staatliche bürgschaften in höhe von mindestens… na sagen wir mal… wenn nicht sogar… aber bestimmt… wenn nicht noch mehr. zur begründung: Read the rest of this entry »

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